Jubel in Mexiko: Hollywood-Satire „Birdman“ räumt bei den Oscars ab

 

Mexikos Erfolgsregisseur Alejandro G. Iñárrito reckt den Goldjungen in die Höhe (Robyn Beck/AFP/Getty Images/oscars.go.com)

Los Angeles, 23. Februar 2015 – Goldener Abend für den mexikanischen Film: Bei den Academy Awards hat Alejandro Iñárritu mit „Birdman“ gleich vier Oscars gewonnen – unter anderem als Bester Film. Fünf Trophäen gehen – zumindest teilweise – nach Deutschland. Und der Moderator sorgte mit einem halbnackten Auftritt für Aufsehen.

Von Patrick T. Neumann

Die Schauspieler-Satire “Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit” ist der große Gewinner der 87. Oscar-Verleihung gewesen. Die bitterböse Komödie des mexikanischen Regisseurs Alejandro G. Iñárritu über die Abgründe von Hollywood und Showgeschäft holte in der Nacht zum Montag in den Königskategorien bester Film und beste Regie den Oscar sowie für Kamera und Original-Drehbuch.

In der mexikanischen Heimat wurden die Oscargewinner Iñárritu und Kameramann Emmanuel Lubezki gefeiert. „Mexikanische Nacht“, titelte die Zeitung „El Universal“ am Montag. „La Jornada“ schrieb: „González Iñárritu und Lubezki strahlen bei den Oscars“. Auch Präsident Enrique Peña Nieto gratulierte via Twitter: „Alejandro González Iñárritu, welch verdiente Anerkennung für seine Arbeit, seinen Einsatz und sein Talent. Glückwunsch! Mexiko feiert mit dir“, schrieb er.

Der Vorsitzende des nationalen Kulturrats, Rafael Tovar, twitterte: „González Iñárritu und Lubezki, Oscargewinner, machen der Kultur in Mexiko alle Ehre. Glückwünsche.“ Auch die mexikanische Filmakademie gratulierte zu den Goldjungen. „Tränen der Freude. Glückwünsche an alle ‚Birdmans’. Vor allem an Iñárritu. Glückwunsch lieber Bruder. Danke“, schrieb der mexikanische Schauspieler Gael Garcia Bernal auf Twitter. Sein Kollege Diego Luna twitterte: „Das darf nicht wahr sein! Sehr gut! Glückwunsch, lieber Alejandro. Welch eine Freude.“

Schauspieler und Crew um Alejandro G. Iñárrito (Robyn Beck/AFP/Getty Images/oscars.go.com)

„Nur“ vier Oscars in Nebenkategorien für „Grand Budapest Hotel“

Ebenfalls vier Trophäen erhielt die britisch-deutsche Ko-Produktion “Grand Budapest Hotel” von Wes Anderson, allerdings in Nebenkategorien: für das beste Kostümdesign, das Produktionsdesign und das beste Make-up sowie die beste Filmmusik. Einige der Preisträger setzten politische Akzente mit ihrem Einsatz für die Rechte von Frauen und Schwarzen.

Als bester Hauptdarsteller wurde der Brite Eddie Redmayne (33) für seine Darstellung des Physikers Stephen Hawking in “Die Entdeckung der Unendlichkeit” ausgezeichnet. Der Astrophysiker reagierte via Facebook: “Gut gemacht Eddie, ich bin sehr stolz auf dich.” Die Amerikanerin Julianne Moore (54), die einen Teil ihrer Jugend in Frankfurt am Main verbrachte, bekam den Oscar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle im Alzheimer-Drama “Still Alice – Mein Leben ohne Gestern”.

In den Nebenrollen konnten sich J.K. Simmons (60) und Patricia Arquette (46) durchsetzen. Er spielt einen autoritären Musiklehrer in “Whiplash”, sie eine Mutter in dem über zwölf Jahre gedrehten Jugenddrama “Boyhood”. Der Musikerfilm “Whiplash” von Damien Chazelle erhielt außerdem die Oscars für Filmschnitt und Tonmischung.

Die Crew der Snowden-Dokumentation „Citizenship“ (vlnr.): Dirk Wilutzky, Laura Poitras, Glenn Greenwald und Mathilde Bonnefoy

Dokumentation über NSA-Affäre bekommt Oscar – Snowden gratuliert aus dem Exil

Als beste Dokumentation zeichnete die Academy “Citizenfour” über den NSA-Whistleblower Edward Snowden aus. Snowden ließ aus seinem russischen Asyl Glückwünsche an Filmemacherin Laura Poitras übermitteln: “Ich hoffe, dass dieser Preis mehr Menschen dazu bewegen wird, den Film anzuschauen und sich von seiner Botschaft inspirieren zu lassen. Einfache Bürger können gemeinsam die Welt verändern.” Norddeutscher und Bayrischer Rundfunk (NDR/BR) hatten die Dokumentation unterstützt. “Laura Poitras ist für ihren investigativen Film hohe persönliche Risiken eingegangen”, sagte NDR-Intendant Lutz Marmor am Montag in Hamburg.

Wim Wenders (69), in derselben Sparte mit “Das Salz der Erde” über den Fotografen Sebastião Salgado im Rennen, hatte dagegen auch bei seiner dritten Nominierung das Nachsehen.

Der Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ging nach Polen, geehrt wurde “Ida” des Regisseurs Pawel Pawlikowski. Die polnische Kulturministerin Malgorzata Omilanowska würdigte den Preis als “größten Erfolg des polnischen Kinos”.

Patricia Arquess gewann in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ und nutzte ihre Dankesrede zu einem Appell für Frauenrechte (Robyn Beck/AFP/Getty Images/oscars.go.com)

Patricia Arquette und John Legend setzen politische Statements

Zwei Dankesreden gehörten zu den Höhepunkten dieser sonst eher durchschnittlichen Oscar-Nacht. Patricia Arquette nutzte ihren Auftritt zu einem kämpferischen Aufruf für Frauenrechte. “Nun ist endlich unser Moment gekommen – für gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika”, rief sie unter dem Applaus von Stars wie Meryl Streep. Sänger John Legend (bester Filmsong “Glory” aus dem Bürgerrechtsdrama “Selma”) setzte sich für die Rechte von Schwarzen ein: “Es sind heute mehr Schwarze unter Kontrolle der Justiz als zu Zeiten der Sklaverei 1850”, sagte er.

Der Moderator Neil Patrick Harris (41) blieb meist unpolitisch, abgesehen von einem Gag über die “weißesten, äh, hellsten Sterne Hollywoods” angesichts weniger schwarzer Nominierter oder der Bemerkung, dass Edward Snowden “aus gewissen Gründen” nicht bei der Verleihung dabei sein könne. Für Aufsehen und zahllose Twitter-Reaktionen sorgte Harris mit einem kurzen Auftritt in weißer Unterhose – als Anspielung auf eine “Birdman”-Szene, in der Hauptdarsteller Michael Keaton halbnackt am Broadway herumläuft, weil sein Bademantel in einer Raucherpause in einer schweren Feuertür klemmen bleibt.

In Deutschland verpassten die Fans kurz nach dem Start der Live-Übertragung die Ehrung von Nebendarsteller Simmons. Etwa sieben Minuten lang sahen sie nur das Oscar-Logo. Der Sender ProSieben teilte zur Begründung mit: “Leitung abgerauscht.” (dmz/dpa/ds)