Katastrophe mit Ansage: Dutzende Tote bei Erdrutsch in Guatemala

 

Im Hintergrund ist die nackte Flanke des Hügels zu sehen, der die Siedlung El Cambray unter sich begraben hat (Foto: La Prensa)

Von Amafredo Castellanos und Denis Düttmann

Guatemala-Stadt, 4. Oktober 2015 – Nach tagelangen Regenfällen in Guatemala sackt in einem Vorort der Hauptstadt ein Hügel ab und begräbt mehr als 100 Häuser unter sich. Bislang bargen die Einsatzkräfte 131 Leichen aus den Erdmassen. Das Unglück hätte verhindert werden können.

Mit einer Schaufel arbeitet sich Samuel Morales Herrera durch das Erdreich. “Sie sind am Leben, sie sind am Leben”, murmelt der Mann immer wieder, um sich selbst Mut zu machen. Er sucht nach seiner Frau und seinen Kindern. „Hier stand mal mein Haus, jetzt ist es von mindestens zehn Metern Erde bedeckt“, sagt der Angestellte einer Apotheke.

Wie eine breite Zunge haben sich Tonnen von Erde, Schlamm und Geröll über die bescheidene Siedlung Cambray II im Süden von Guatemala-Stadt gelegt. Der dichtbewaldete Hügel oberhalb des Viertels ist zur Hälfte weggebrochen, jetzt zeigt er seine nackte Flanke. Nach dem verheerenden Erdrutsch suchen 1800 Rettungskräfte in den Trümmern nach Überlebenden.

Auf einer Bahre tragen Helfer ein Opfer zu der improvisierten Leichenhalle. “Mann oder Frau?“, fragen die Umherstehenden, die verzweifelt auf Neuigkeiten über das Schicksal ihrer Angehörigen warten. Einsatzleiter Sergio Cabañas kann ihnen kaum noch Hoffnung machen. “Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir noch Überlebende finden”, sagt er.

Nach tagelangen Regenfällen hatte sich in der Nacht zum Freitag eine Schlammlawine über die Siedlung ergossen. Mehr als Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, Hunderte weitere werden noch vermisst. Eine bis zu 20 Meter hohe Erdschicht hat 125 Häuser unter sich begraben.

Lilian Bocel ist aus dem Department Sololá im Westen des Landes an den Unglücksort gereist. Im Fernsehen hat sie von der Katastrophe erfahren, jetzt sucht sie nach ihrer Schwester Doris. Die Indio-Frau lebte mit ihren Kindern im Alter von 11, 12 und 13 Jahren in dem Vorort der guatemaltekischen Hauptstadt.

Auch die Angehörigen von María Pèrez Velásquez warten an der Unglücksstelle auf Neuigkeiten. Sie wohnte mit ihrer 15-jährigen Tochter und ihren zwei Monate alten Zwillingen Rodrigo und Sebastián in Cambray II. Die Leichen der Babys wurden bereits geborgen. Von der Mutter und ihrer Tochter fehlt bislang jede Spur.

Siedlung war eigentlich unbewohnbar

Eine Gruppe Feuerwehrleute betet auf dem Trümmerfeld für eine der ihren. Wendi Pú Agustín lebte mit ihrer Mutter in der Siedlung. Seit vier Jahren war die junge Frau bei der Truppe, jetzt zogen ihre eigenen Kollegen den leblosen Körper der 23-Jährigen aus den Erdmassen. “Sie trug den gleichen Helm wie wir und teilte unsere Berufung“, sagt ihr Kollege David Escobar der Deutschen Presse-Agentur. “Wir haben gemeinsam gearbeitet, um anderen zu helfen, und jetzt müssen wir ihren Körper tragen.”

Das Unglück in Cambray II war eine Katastrophe mit Ansage. Bereits vor sieben Jahren erklärte der Katastrophenschutz die Siedlung in der Gemeinde Santa Catarina Pinula zur Hochrisikozone, wie die Zeitung “El Periódico” berichtete. Die Nähe zum Fluss Pinula und die Erosionsgefahr mache den Ort “unbewohnbar”.

Im vergangenen Dezember schickte der Katastrophenschutz erneut einen Bericht an den damaligen Bürgermeister. Die Verwaltung dürfe weder zulassen, dass sich in Cambray II weitere Menschen niederließen, noch Baugenehmigungen erteilen. Trotzdem wurden dort zweigeschossige Häuser errichtet.

Unkontrollierter Städtebau überall in Lateinamerika

Guatemala gehört laut den Vereinten Nationen zu den zehn am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern der Welt. Im Juni riefen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die EU das mittelamerikanische Land auf, Maßnahmen gegen die negativen Auswirkungen gegen den Klimawandel zu erarbeiten.

Das Phänomen des unkontrollierten Städtebaus lässt sich in ganz Lateinamerika beobachten. Auf der Flucht vor Gewalt in ihren Heimatdörfern oder auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen ziehen immer mehr Menschen in die Großstädte und besiedeln die Peripherie der Metropolregionen.

“Lateinamerika hat in den vergangenen Jahrzehnten den schnellsten Urbanisierungsprozess weltweit erlebt”, schreibt die Städtebauexpertin Elizabeth Mansilla in einer Studie. Ob rund um Mexiko-Stadt oder Lima, Quito oder Rio de Janeiro – überall entstehen Siedlungen in den Randbezirken. Das birgt erhebliche Risiken: Ohne ausreichende Planung und statische Prüfung bauen die Neuankömmlinge ihre Häuser häufig auf ungeeignetem Terrain. “Das Chaos hat sich in den Städten ausgebreitet”, schreibt Mansilla.

Auch rund um Guatemala-Stadt leben nach Angaben des Katastrophenschutzes rund 300 000 Menschen in von Erdrutschen gefährdeten Bezirken. Eine dauerhafte Lösung des Problems hat auch Behördenchef und Präsidentensohn Alejandro Maldonado nicht parat: “Es ist unmöglich, alle umzusiedeln.” (dmz/dpa/hl)




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