Auf politischer Mission in Kuba: Papst Franziskus bei den Castros

 

Die Menschen jubeln Papst Franziskus zu, hier am Sonntag im „Papamobil“ auf dem Weg zur Messe auf der Plaza de la Revolución (Foto: cubainrex)

Von Georg Ismar und Miriam Schmidt

Havanna, 20. September 2015 – Papst Franziskus ist im kommunistischen Kuba auch auf politischer Mission: Staatschef Raúl Castro setzt darauf, dass er beim Fall des US-Handelsembargos hilft. Aber der Papst liest ihm bei seinem auch etwas die Leviten. Dennoch werfen ihm einige einen Castro-Kuschelkurs vor.

Lange lebte Regla Biañez Mendoza gefährlich. Die Kommunisten hatten der Kirche auf Kuba den Kampf angesagt. Die 73-jährige Katholikin hat neue Hoffnung geschöpft. Seit zwei Uhr ist sie auf der Plaza de la Revolución, im Hintergrund strahlt das Konterfei von Che Guevara am Innenministerium. “Wir brauchten den Besuch von Franziskus, damit es weitere Veränderungen gibt”.

Auch 1998 und 2012 bei den Messen von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war Regla Biañez Mendoza schon hier. Stunden später fährt Franziskus, der Hoffnungsträger, mit dem Papamobil durch die Reihen, in seiner Predigt hat er eine klare Botschaft im Gepäck, er wendet sich gegen alle Formen von Ideologien: “Denn man dient nicht Ideen, sondern man dient den Menschen”, sagte er. Und er pocht darauf, dass es noch mehr religiöse Freiheit geben muss.

Besuch ist ein Geschenk für Raúl Castro

Er will sich nicht vereinnahmen lassen, aber für Staatschef Raúl Castro ist der Besuch dennoch ein Geschenk, er sucht den Schulterschluss – der Papst ist Verbündeter im Kampf gegen das seit fast 55 Jahren bestehende US-Handelsembargo, das Castro “grausam”“ nennt. Es ist ein sehr politischer, mitunter heikler Besuch, nicht von ungefähr besucht Franziskus als erster Papst Kuba und die USA in einer Reise. Er gibt den Friedenspapst.

Neben dem Ringen um eine Stärkung der Kirche im kommunistischen Karibikstaat schwebt über allem der Wandel durch Annäherung zum einstigen Feindbild Nummer 1, den “imperialistischen” USA – dass es seit Juli wieder Botschaften im anderen Land gibt, ist auch auf die Vermittlung des Papstes zurückzuführen. Der Prozess der Normalisierung der Beziehungen sei “ein Zeichen für den Sieg der Kultur der Begegnung, des Dialogs”, betont Franziskus. Ein Vorbild für andere Staatenführer in der Welt, meint der Papst.

Aber Franziskus sorgt auch für Irritationen: Trotz aller Diktatur und Repression nach dem Umsturz 1959 soll Raúl doch bitte seinem Bruder dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro (89) seine “spezielle Achtung und Ehrerbietung” übermitteln, sagt der Papst.

Ein Kniefall? Zu viel Kuschelkurs? Der Fidel als Staatschef nachgefolgte Raúl, fährt einen vorsichtigen Öffnungskurs – vor der Visite telefonierte er erneut mit US-Präsident Barack Obama. Beide lobten die Vermittlungsbemühungen des Papstes. Das Embargo wird etwas gelockert, für den Internet- und Mobilfunkbereich, auch der Fährverkehr von den USA nach Kuba soll erlaubt werden.

Kontrollierter Jubel

Bei dem Besuch wird nichts dem Zufall überlassen, die Anführerin der oppositionellen Frauengruppe “Damas in Blanco”, Berta Soler, wird vor der Messe in Havanna für einige Stunden festgenommen.

Und hunderte Menschen, die nachts nahe der Plaza de la Revolución schlafen, sind nur dem Anschein nach wartende Pilger. Frage um 5 Uhr morgens an einen jungen Mann, ob er Katholik sei: “Mehr oder weniger”. Wenig später die Auflösung. Trillerpfeifen erklingen, “alle aufstehen”. Es sind junge Mitarbeiter des kubanischen Sicherheitsapparates, die Unvorhergesehenes vermeiden sollen.

Das ist Kuba noch immer: viel Kontrolle, der Jubel auch auf dem Platz mit Kuba- und Vatikanfähnchen fein orchestriert. Denn die Wahrheit ist auch: Oft sind die Kirchen leer. Die Zahl von 60 Prozent getauften Katholiken hört sich viel an – nur zwei Prozent der Kubaner besuchen aber laut Bischofskonferenz regelmäßig eine Messe. Gerade um die jungen Leuten wirbt Franziskus in Kuba.

Regierung will konfiszierte Kirchen zurückgeben

Die Regierung will als Signal bald rund 80, nach der Revolution konfiszierte Kirchen zurückgeben. Seit dem ersten Papstbesuch von Johannes Paul II. 1998 hat sich vieles für die Kirche verbessert.

Aber viele Jugendliche bewegt Anderes als der Glaube. Seit einiger Zeit gibt es ein paar Internet-Hotspots in Havanna, dort sammeln sie sich nachts mit Smartphones und Laptops: die Gesichter beleuchtet vom Displayschein chatten, mailen sie.

Der Empfang am Flughafen für Franziskus am Samstag geriet recht stürmisch: Als er ausstieg, flog seine Kopfbedeckung, der Pileolus davon. Franziskus grüßt dort auch die, “die ich aus verschiedenen Gründen nicht werde treffen können”. Besonders die Dissidenten sind enttäuscht, dass es kein Treffen mit ihnen gibt.

Der führende Oppositionelle Antonio Rodiles sagt, der Papst werde sich in den USA sicherlich für ein Ende des Handelsembargos einsetzen. “Aber die politischen Häftlinge in Kuba bleiben in Haft. Und die Repression geht weiter.” Die katholische Kirche sei nicht dazu da, “um Diktaturen zu stützen”, kritisiert Rodiles.

Raúl Castro ließ immerhin 3522 Häftlinge begnadigen. Aber bei allem Tauwetter – die Reise wird überschattet vor einer anderen Krise – die ihresgleichen sucht. Auch eine Pfarrei des Vatikans hat eine vierköpfige, aus Syrien geflüchtete Familie aufgenommen – Franziskus besuchte sie vor seiner Reise über den Atlantik. “Man hat in diesen Gesichtern den Schmerz gesehen”, berichtet er im Flugzeug. Gegen diese Krise erscheint der lange Systemstreit zwischen Kuba und den USA fast wie ein seltsamer Anachronismus. (dmz/dpa/hl)