Franziskus in Kuba: Der Papst lässt sich nicht vereinnahmen

 

Bei seinem Besuch in Kuba hat Franziskus auch den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro getroffen (Foto: Facebook)

Von Georg Ismar und Miriam Schmidt

Havanna, 21. September 2015 – Ist er Ein Linker? Ein Marxist? Zumindest ein Sozialdemokrat? Papst Franziskus werden viele Etiketten angeheftet. Vor allem in seiner Heimat Lateinamerika – die Staatschefs hier buhlen um seine Gunst, so auch gerade beim Besuch in Kuba. Franziskus gibt eine klare Antwort.

Seit einer halben Stunde wird der schwarze Jaguar gewienert. Ausgerechnet ein Auto der Briten, die die Argentinier im Krieg um die Falklandinseln so vernichtend geschlagen haben.

Dann stolziert Cristina Kirchner die Treppe des altehrwürdigen Hotel Nacional in Havanna herunter, grüßt Schaulustige und braust davon – aber nicht zu „ihrem“ Papst Franziskus. Die Präsidentin Argentiniens muss sich mit einem Treffen bei Kubas Staatschef Raúl Castro begnügen. Es ist etwas misslich für die 62-Jährige: Seit März 2013 ist Jorge Mario Bergoglio Papst. Aber einen sicher enorm stark beachteten, von den Landsleuten bejubelten Besuch seiner Heimat wird sie in ihrer Amtszeit nicht mehr erleben.

Am 25. Oktober wird ihr Nachfolger gewählt, viele rechnen mit einer Argentinienreise des 78-Jährigen im Jahr 2016, spätestens 2017. So reist Kirchner mal zu ihm nach Rom – oder eben jetzt nach Kuba. Am Rande der Messe auf dem Revolutionsplatz sprechen sie kurz miteinander. Er ist auch darauf bedacht, sich aus dem Wahlkampf daheim rauszuhalten, kein Kandidat wird empfangen.

Als er noch Erzbischof von Buenos Aires war, war es um das Verhältnis zwischen ihm und Kirchner nicht gut bestellt – da die Linke, da der Konservative, der ganz andere Auffassungen etwa zur Abtreibung oder dem Adoptionsrecht Homosexueller einnahm. Heute soll es besser sein – auch weil er als Papst ein anderer sei.

Anbiederung? Raúl Castro zitiert Franziskus

Franziskus ist oft zwar schwer zu greifen – aber eines hat er: ein Gespür, sich nicht vereinnahmen zu lassen. In Kuba muss das auch Staatschef Raúl Castro erfahren, der zur Begrüßung eine anbiedernd wirkende Rede hält und mehrfach Franziskus zitiert, so fordert er mit Zitaten des Papstes einen radikalen Wandel des westlichen Lebensstils und des Produktions- und Konsumverhaltens.

Zwar sehen Dissidenten zu viel Castro-Kuschelkurs beim Papst. Denn er trifft auch Revolutionsführer Fidel Castro – der ihn im blauen Trainingsanzug von Adidas empfängt. Aber er schreibt den Castros auch ins Stammbuch, Ideologien wie der Kommunismus seien falsch: „Man dient nicht Ideen, sondern man dient den Menschen“.

Oder im Juli in Bolivien: Präsident Evo Morales fiel dem Papst um den Hals, reckte bei der Begrüßungszeremonie zu blecherner Musik einer Militärkapelle die linke Faust. Und der Sozialist schenkte Franziskus ein missverständliches „Kommunistenkreuz“ – ein Kreuz aus Hammer und Sichel. Es war die Replik eines Kruzifix, das ein Anfang der 80er Jahre ermordeter Jesuit gefertigt hatte.

Er versuchte den Papst zudem für sein wichtiges außenpolitisches Anliegen zu gewinnen – die Zurückerlangung eines Meerzugangs von Chile, der vor 130 Jahren im Salpeterkrieg verloren gegangen war. Doch Franziskus ließ sich nicht vor den Karren dieses Anliegens spannen, das am Donnerstag auch den Internationalen Gerichtshof in Den Haag beschäftigen wird. Er weiß genau, wann er sich raushalten sollte. Und wo es sich lohnt, sich einzusetzen: Siehe die erfolgreiche Annäherung der einstigen Erzfeinde USA und Kuba.

Politiker wie Bürger in Lateinamerika sehen den Argentinier als linken Papst, als Papst der Armen. Instrumentalisierungsversuche gehören hier fast zur politischen Kultur – das beste Beispiel ist der Fußball und seine Stars. Etwa die Fußball-Weltmeisterschaft 1978, ein Propaganda-Event der Militärdiktatur in Argentinien.

Wie ein Insekt in der Insektensammlung

Franziskus wehrt sich, in Schubladen gesteckt zu werden. „Da fühle ich mich manchmal wie ein Insekt in einer Insektensammlung. Die einen sagen, dieses Insekt sei ein Sozialdemokrat oder sonst etwas. Ich wage aber nicht, mich als dieser oder jener Seite zugehörig zu betrachten. Es ist das Evangelium, das die katholische Soziallehre beeinflusst, und an diesem Punkt halte ich fest“, sagt er bei einem Rückflug aus Straßburg 2014. Auf die Frage, ob er ein sozialdemokratisches Herz habe, sagte er: „Das ist eine Verkürzung. Über diese Beschreibung muss ich lachen.“

Viele sehen im Pontifex sogar einen Marxisten – wegen seiner Kapitalismuskritik. Seine Ansichten entsprächen vielmehr der Soziallehre der Kirche, sagte er dazu der Zeitung „La Stampa“. „Die Ideologie des Marxismus ist falsch. Aber ich habe in meinem Leben viele Marxisten getroffen, die gute Menschen waren.“ Aber auch das große Versprechen des Kapitalismus, dass Reichtum auch bei den Armen ankomme, habe sich nicht erfüllt. So ist er halt: Da kann letztlich jeder seine eigene Sicht hineininterpretieren. (dmz/dpa/hl)