Papst Franziskus in New York: Historischer UN-Gipfel und die „schallende Stimme des Gewissens“

 

Papst Franziskus fordert vor der UN-Vollversammlung in New York ein „Recht der Umwelt” (Foto: Vatikan / L’Osservatore Romano)

Von Kristina Dunz

New York , 25. September 2015 – Noch nie hat ein Papst eine UN-Generalversammlung eröffnet. Mit Franziskus macht das ein Mann, der den Staats- und Regierungschefs den Spiegel vorhält: Eine Welt mit Potenzial, die Menschheit zu zerstören. Es ist der bisher größte UN-Gipfel. Und er soll historisch werden. Mit und ohne Papst.

Erst Jubel, dann Stille. Wenn Papst Franziskus auftritt, sind es meistens diese Bilder: Menschen rufen “Papa”, manchen laufen die Tränen vor Ergriffenheit, Schweigen, wenn er spricht. So auch am Freitag bei den Vereinten Nationen in New York, als der 78-Jährige erst vor Mitarbeitern der Weltorganisation im kleinen Kreis und dann vor der UN-Generalversammlung wieder mit so scharfen Worten für den Erhalt der Schöpfung kämpft.

Es ist das fünfte Mal, dass ein Papst die UN besucht. Und es ist das xte Mal, dass dieser Papst die Zerstörung der Natur, den Machtmissbrauch reicher Länder und die Verletzung der Menschenrechte geißelt. Eine bessere Adresse für eine solche Rede gibt es wohl nicht. Denn vor dem Papst sitzen rund 160 Staats- und Regierungschefs aus 193 Mitgliedstaaten. Sehr viel mehr Länder hat die Welt nicht. Der Vatikan ist übrigens nicht UN-Mitglied. Er hat Beobachterstatus.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon dankt dem Papst schon vor Beginn dessen Rede dafür, dass er gleich Geschichte schreiben wird. Schon deshalb, weil noch nie ein Papst die jährliche Vollversammlung eröffnet hat – in diesem Jahr ist es die 70. Für Ban ist Franziskus aber auch eine “schallende Stimme des Gewissens”.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ist Franziskus eine “schallende Stimme des Gewissens” (Foto: Vatikan / L’Osservatore Romano)

Es ist der bisher größte UN-Gipfel. Und er soll historisch werden. Mit und ohne Papst. Denn die Vereinten Nationen wollen sich eine neue Agenda geben, die an die vor 15 Jahren bis 2015 beschlossenen Millenniumsziele anschließt. Das bedeutet: Beseitigung totaler Armut und Hunger bis 2030, Beendigung von Gewaltkonflikten, Verwirklichung der Menschenrechte, bessere Gesundheitsversorgung, menschenwürdige Arbeit, mehr Bildung, mehr Umweltschutz in den Industriestaaten, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. Derzeit sieht die Welt ganz anders aus. Fraglich, ob sich daran bald etwas ändert.

Umwelt und Menschenrechte: Der Papst mahnt

Der Papst mahnt: Jede Schädigung der Umwelt ist eine Schädigung der Menschheit. Er fordert ein “Recht der Umwelt”. “Die ökologische Krise könnte zusammen mit der Zerstörung eines großen Teils der biologischen Vielfalt die Existenz der Spezies Mensch selbst in Gefahr bringen.” Er spricht wieder von den unheilvollen Auswirkungen einer unverantwortlichen Zügellosigkeit der allein von Gewinn- und Machtstreben geleiteten Weltwirtschaft.

Zinswucher gegenüber den Entwicklungsländern und “eine erstickende Unterwerfung durch Kreditsysteme” seien weit davon entfernt, den Fortschritt zu fördern – im Gegenteil, sie führten zu noch mehr Armut. Die Ärmsten litten dreifach: Sie würden von der Gesellschaft “weggeworfen” und müssten von “Weggeworfenem” leben und zu Unrecht die Folgen des Missbrauchs der Umwelt erleiden. “Diese Phänomene bilden die heute so verbreitete (…) Wegwerfkultur.”

Das Oberhaupt der katholischen Kirche, wieder im schlichten weißen Gewand, liest seine lange Rede vom Blatt ab. Der Pontifex wirkt ernst. Es ist ihm ernst. Die Annahme der “2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung” sei ein Zeichen der Hoffnung, sagt er. Für den Papst aber nicht genug. Er lenkt den Blick auf Paris, wo die Vereinten Nationen bei ihrer Klimakonferenz im Dezember über den Grad der Verbindlichkeit entscheiden, die Treibhausgas- Emissionen zu reduzieren, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. Vielleicht eine letzte Chance, dieses Ziel noch zu erreichen.

Nichts sagt der Papst zur Flüchtlingskrise. Die Fluchtursachen hat er mit seiner Rede gleichwohl beschrieben. Die Staats- und Regierungschefs erheben sich zum Beifall von ihren Plätzen. Der Papst wirkt müde. (dmz/dpa/hl)