Starke Signale: Mexikos Frauen zeigen ihre Power

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Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 9. März 2020 – Die mexikanischen Frauen sind stark. Sie halten viel aus. Oft bis zum geht nicht mehr. Und dann werden sie getötet, durchschnittlich 20 am Tag. Von ihrem Mann, Ex-Mann, Freund, Ex-Freund, von einem Vergewaltiger. Es ist genug! Nicht eine mehr! Gerechtigkeit für die Mordopfer! Strafe den Tätern! Das vor allem sind die Forderungen, mit denen an diesem Sonntag, dem Internationalen Tag der Frauen, abertausende Mexikanerinnen im ganzen Land auf die Straße gegangen sind. Und am Montag ließen sie sich fast nirgends blicken. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Laut offiziellen Zahlen waren es in Mexiko-Stadt mehr als 80.000 Frauen aus allen Bevölkerungsschichten und Stadtteilen, von den Reichen aus Bosque Real und Bosque de las Lomas über gehobenen Mittelstand aus Polanco und Condesa bis zu den Armen aus Ecatepec und Netzahualcóyotl, die sich am Nachmittag am Revolutionsdenkmal unweit des Paseo de la Reforma zusammenfanden und von dort aus zum Zócalo marschierten. Die meisten mit lila Blusen, Shirts oder Stolen gekleidet, bildeten sie von oben betrachtet im Zusammenspiel mit den lila Jacaranda-Bäumen eine schier unendliche lila Schlange, die sich ins Herz der Hauptstadt wand und erst vor dem Nationalpalast zum Halt kam, dem Amts- und Wohnsitz des linksnationalen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO genannt.

Nach inoffiziellen Schätzungen dürften es weit mehr als 80.000 Frauen gewesen sein. Die Rede ist von ein bis zwei, sogar drei und vier Millionen Teilnehmerinnen. Und die politische Couleur spielte nicht die geringste Rolle. Sie ließen sich nicht aufteilen in „Fifís“, wie AMLO die konservative und gutverdienende Bevölkerungsgruppe nennt, oder die „Chairos“, die ihn und seine Politik kritisierenden Netzaktivisten. Es gab kein Rechts, kein Links, keine Mitte. Der 8. März 2020 war ein historischer Tag für die Mexikanerinnen, die es leid sind, dass AMLO die Frauenmorde und die Gewalt gegen Frauen im Land als nebensächlich abtut, wie kürzlich auf einer seiner morgendlichen Pressekonferenzen.

In der gigantischen Menge an Frauen, die am Sonntag marschierten, gab es insgesamt 30 Verletzte. Auffallend war eine Gruppe schwarzgekleideter Frauen, die am Nationalpalast Molotow-Cocktails warfen und dabei vier Polizistinnen und drei Foto-Reporterinnen verletzten, die mit Brandwunden zweiten Grades an Unterarmen, Beinen und Gesicht ins Krankenhaus mussten. Der Präsident hat erklärt, dass er veranlasst habe, die Täterinnen nicht zu belangen. Das passt zum Thema Straflosigkeit in Mexiko.

Vom Erdboden verschluckt

Nicht weniger historisch dürfte dieser Montag, 9. März 2020, sein. Eine Frauenorganisation hatte dazu die Frauen des Landes dazu aufgerufen, an diesem Tag zuhause zu bleiben. Sie sollten nicht zur Arbeit, nicht zum Einkaufen, zur Bank, zur Schule oder zur Universität gehen. Sie sollten nirgends auftauchen, um zu signalisieren, was ihre Existenz oder Nicht-Existenz bewirkt. Eine Frau, die getötet wurde, geht nicht mehr einkaufen, nicht mehr zur Bank, holt nicht mehr ihr Kind von Kindergarten oder Schule, holt kein Geld mehr aus dem Bankautomaten, steht nicht mehr am Tresen um Überweisungen zu machen, kocht kein Essen mehr, bedient niemandem mehr im Restaurant, geht keinen Kaffee trinken und nicht mehr mit Freundinnen in eine Bar. Sie ist einfach nicht mehr da. Das sollte die Botschaft sein.

Und viele, viele Frauen haben mitgemacht. In Mexiko-Stadt blieben die Frauenabteilungen der Metrobusse leer, in der Metro herrschte keine drangvolle Enge wie sonst, in vielen Büros arbeiteten nur ein paar Männer neben leeren Schreibtischen von Kolleginnen – so in einigen Bürgermeisterämtern. Straßenhändler und Taxifahrer beklagten sich über ausbleibenden Umsatz, in den Märkten, die sonst so voller Leben und Geschrei sind, herrschte eine völlig unbekannte Ruhe. In Supermärkten standen statt flinker Frauen unbeholfene Kollegen an der Kasse. Natürlich gab es Frauen, die trotzdem arbeiteten, darunter viele Händlerinnen, vor allem aber Polizistinnen und medizinisches Personal. Aus Solidarität mit den Frauen trugen sie entweder lila Schleifchen an ihrer Jacke oder ein grünes Tuch am Handgelenk.

Der Teufelskreis des Machismo in Mexiko

Der Machismo in Mexiko ist ein tiefverwurzeltes Problem in der Gesellschaft, an dem die Frauen selbst einen wesentlichen Anteil tragen. Denn es sind die Mütter, die ihre Söhne dazu erziehen. Von klein auf werden sie umhütet und von vorne bis hinten bedient, selbst von der eigenen Schwester, die von der Mutter dazu angehalten wird. Ein Junge weint nicht, ein Junge, der weint, ist im besten Fall ein Schwächling und im schlimmsten Fall schwul. Ein Mann ist nur ein Mann, wenn er Frauen aufreißt, er sie „flachlegt“. Ein Nein ist eine Herausforderung, der Mann muss immer als Sieger hervorgehen. Auf der anderen Seite wird schon dem kleinen Jungen beigebracht, ein Kavalier zu sein. Er öffnet der Mutter, der Großmutter, Tante, Freundin und später seiner Frau die Tür, führt sie am Ellbogen sicher über die Straße, übernimmt immer das Bezahlen im Restaurant oder Kino, sorgt dafür, dass sie und die gemeinsamen Kinder ein Dach über dem Kopf haben und sie nicht mehr arbeiten muss, sobald das erste Kind da ist. Ein solcher Mann ist sogar noch ein Glücksfall, selbst wenn er nebenbei für seine Geliebte eine Wohnung oder gar ein Haus mietet, oft sogar kauft. Die Mutter ist jedem Mexikaner heilig. Zuhause ist die Frau auch die absolute Herrscherin; innen herrscht ein strenges Matriarchat, vor dem die Männer Angst haben. Vielleicht ist die Gewalt gegenüber Frauen in Mexiko eine Antwort auf dieses Matriarchat.

Es gibt eine immens große Zahl an Vätern, die ihre Familie einfach verlassen. In Mexiko gibt es inzwischen so viele allein erziehende Mütter wie in intakten Familien lebende Frauen. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Betroffen sind meist Frauen aus den unteren Einkommensschichten, die sich ihr Leben lang im wahrsten Sinne des Wortes krumm machen müssen, um ihre im Durchschnitt drei Kinder durchzubringen. Es gibt strenge Unterhaltgesetze in Mexiko, aber sie umzusetzen ist extrem schwer. Es gibt kein Melderegister und das Land ist riesig, fast sechs Mal so groß wie Deutschland. Aber auch im Mittelstand ist die Zahl der Väter, die ihre Familien im Stich lassen, groß. Da finden sich auch alle Bildungsschichten wieder, vom Versicherungsagenten bis zum Hochschuldozenten, Architekten oder Linkenpolitiker.

Dann sind da aber auch viele Frauen, die sich auf ein einfaches Leben mit einem verheirateten Mann einlassen, ohne sich um irgendetwas kümmern zu müssen außer für den Mann da zu sein, wenn er sie braucht oder will. Dass sie, wenn der Mann plötzlich stirbt, vor dem Nichts steht, daran denken die wenigsten.

Zu den Feministinnen heute gehören beileibe nicht mehr nur die Frauen aus der intellektuellen und linken Szene, die zu Beginn der 1980er Jahre die Avantgarde bildeten. Heute kommen sie aus allen Klassen und Bildungsschichten. Es hat lange gedauert, bis der Kampf um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Respekt und Würde auch bei denen angekommen ist, die am Ende der Schlange stehen, den unzähligen allein erziehenden Müttern, den Arbeiterinnen und schlecht bezahlten Angestellten, die sich früher nicht trauten, überhaupt den Mund aufzumachen. Ganz zu schweigen von den Heeren von „Dienstmädchen“ – so treffend porträtiert im Film „Roma“ von Alfonso Guarón, an deren Lage sich auch im Jahr 2020 nicht so viel verändert hat – die sich zunehmend ihrer Rechte bewusst werden. Aber es ist noch ein langer Weg, bis das auch bei den Männern ankommt. Die Erfahrung zeigt leider immer wieder, dass selbst bei den Männern, die sich als feministisch bezeichnen, der Feminismus an der Schwelle zu seiner Haustür aufhört. Auf dem Lande ist man noch Welten von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Respekt der Frau gegenüber entfernt. Es bleibt also noch viel zu tun.