Linker Priester und streitbarer Dichter: Ernesto Cardenal wird 90

 

Von Denis Düttmann

Managua, 14. Januar 2015 – Ob Kirche oder Partei, der nicaraguanische Theologe und Schriftsteller Ernesto Cardenal ging keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Mit seinen revolutionären Weggefährten von einst will er nichts mehr zu tun haben. Sein Blick auf den Vatikan hingegen ist milde geworden.

Er war das intellektuelle Aushängeschild der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Als idealistischer Dichter träumte er vom Himmelreich in sozialistischen Kommunen, als Kulturminister seiner mittelamerikanischen Heimat trieb er die Alphabetisierung der armen Landbevölkerung voran. Am kommenden Dienstag wird Ernesto Cardenal nun 90 Jahre alt.

„Stärker als der Glaube treibt mich die Hoffnung an und noch stärker als die Hoffnung die Liebe“, sagte der Theologe und Schriftsteller im vergangenen Jahr im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Cardenal sei ein wortgewaltiger Mahner, der sein dichterisches Werk gegen die Hoffnungslosigkeit stelle und die Liebe als einziges Element der Veränderung kenne, begründete die Jury des Friedenspreises des deutschen Buchhandels einst die Auszeichnung des Nicaraguaners (1980).

Auf Mancarrón gründete er eine Bauernkommune nach urchristlichem Vorbild

Cardenal stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Granada. Er studierte Philosophie und Literatur in Mexiko-Stadt sowie New York, später Theologie in Mexiko und Kolumbien. Zwei Jahre verbrachte er in einem Trappistenkloster in den USA, bevor er 1965 zum Priester geweiht wurde.

Auf der Insel Mancarrón im Solentiname-Archipel im Nicaraguasee gründete Cardenal eine Bauernkommune nach urchristlichem Vorbild. Er verstand die Gemeinschaft als Versuch, das Reich Gottes im irdischen Kommunismus zu verwirklichen. Dort entstand auch sein bekanntestes Werk, Das Evangelium der Bauern von Solentiname.

Eklat zwischen dem Befreiungstheologen und dem Vatikan im Jahr 1983

Als scharfer Kritiker der Diktatur von Anastasio Somoza musste Cardenal ins Exil nach Costa Rica fliehen und schloss sich dort der Guerillaorganisation FSLN an. Nach dem Sieg der Sandinisten 1979 kehrte er in seine Heimat zurück und startete als Kulturminister der neuen Regierung eine große Bildungskampagne unter den verarmten Bauern.

Beim Papstbesuch 1983 in Managua kam es zum Eklat zwischen dem linken Befreiungstheologen und dem Vatikan. Weil sandinistische Parteihänger Johannes Paul II. ausbuhten, maßregelte das Kirchenoberhaupt Cardenal in aller Öffentlichkeit. Zwei Jahre später wurde er wegen seiner politischen Tätigkeit vom Priesteramt suspendiert.

Nach dem Ende der ersten sandinistischen Regierungszeit brach Cardenal auch mit seinen einstigen revolutionären Weggefährten. Der autoritäre Führungsstil von Sandinistenchef Daniel Ortega und die unverhohlene Raffgier der linken Nomenklatur ließen ihn an seiner Partei verzweifeln.

Papst Franziskus versöhnt ihn etwas mit der katholischen Kirche

Gemeinsam mit seinem Freund, dem österreichischen Schauspieler Dietmar Schönherr, gründete er die Kulturstiftung „Casa de los tres mundos“ in Granada. Er widmete sich nun wieder mehr dem Schreiben und veröffentlichte den Gedichtszyklus Gesänge des Universums. Seine Lesereisen führten ihn auch immer wieder nach Deutschland, häufig gemeinsam mit der Band Grupo Sal.

Gerade für die europäische Linke ist Cardenal noch immer die Ikone der sandinistischen Revolution, doch mit seinen früheren Genossen will er nichts mehr zu tun haben. Seit Ortega 2007 an die Macht zurückgekehrt sei, habe er sich das Land zur Beute gemacht, sagte Cardenal kürzlich. „Es ist eine Diktatur von Daniel Ortega, seiner Frau und seinen Kindern, die sich schamlos bereichern.“

Milde blickt er kurz vor seinem 90. Geburtstag hingegen auf die katholische Kirche. Vor allem das bescheidene Auftreten von Papst Franziskus gefällt ihm. „Das ist eine große Veränderung im Vatikan, die niemand vorhersehen konnte“, sagte Cardenal jüngst. (dpa/dmz/ds)