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Manege frei von Tieren

Mexiko-Stadt, 29. Juni 2014 – Zwischen Tigern und Lamas sind sie aufgewachsen: die Fuentes Boys. Der Zirkus ist ihr Zuhause. Doch das wird sich bald ändern, denn nun hat der Distrito Federal als siebtes Bundesland im Staat Tiere im Zirkus verboten. Während Tierschützer den Entschluss bejubeln

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Von Lisa Maria Hagen

Mexiko-Stadt, 29. Juni 2014 – Zwischen Tigern und Lamas sind sie aufgewachsen: die Fuentes Boys. Der Zirkus ist ihr Zuhause. Doch das wird sich bald ändern, denn nun hat der Distrito Federal als siebtes Bundesland im Staat Tiere im Zirkus verboten. Während Tierschützer den Entschluss bejubeln, bedeutet er für viele mexikanische Zirkusse das Aus und Arbeitslosigkeit.

Der Lichtkegel streicht sanft über des Tigers Fell. Seine Pfoten tappen über das Sägemehl. Goliath weiß, was er tut, hat es geübt, viele Male. Als er auf dem Hocker thront, lässt er seinen Blick über das Publikum schweifen. Dumpf dringt das Klatschen von der Tribüne in die Manege. In den letzten Monaten ist das Klatschen immer leiser geworden.

Es ist ein Donnerstagabend im Zirkuszelt der Fuentes Boys, noch eine Stunde bis zur ersten Vorstellung des Abends. Auf einem Supermarktparkplatz im Norden der Hauptstadt mampft ein Dromedar hinter dem Gitterzaun genüsslich auf seinem Heu herum. Ein Mädchen presst seine Wangen gegen den Draht, lugt durch die Lücke und zupft ihre Mutter entzückt am Rock. Einige Container weiter hinter dem Zelt quetschen sich die Fuentes Boys in glitzernde Kostüme und machen sich bereit für die erste Show des Abends.

Die Fuentes Boys, das sind vier Brüder, die den Zirkus im Blut haben. Wie schon ihr Vater und Großvater vor ihnen, haben sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Als Clowns bringen sie alle zum Lachen. Als Trapeztänzer pfeifen ihnen die Mädels hinterher. Als Tierdompteure sind ihre Tage gezählt.

Denn wenn es nach Tierschutzaktivisten und der grünen Partei von Mexiko-Stadt geht, weidet das Dromedar bald schon im Zoo und Tiger Goliath aalt sich im Sonnen- statt im Scheinwerferlicht.

Nach einer monatelangen Kampagne zum Schutz der Zirkustiere hat der Bundesdistrikt als siebtes Bundesland Mexikos vor zwei Wochen einen Beschluss verabschiedet, demzufolge Tiere nicht mehr im Zirkus auftreten dürfen.Wird dieser Beschluss im Amtsblatt von Mexiko-Stadt veröffentlicht, müsste für tausende Tiere ein neues Heim gefunden werden und der Großteil der mexikanischen Zirkusse stünde vor dem Ruin.

Der Abgeordnete Jesús Sesma hat den Gesetzesentwurf vorgeschlagen. Er ist einer der größten Verfechter des Zirkus‘ ohne Tiere und hat erst kürzlich über sein Twitter-Konto gefragt: „Ist es natürlich einen Löwen durch einen Feuerring springen zu sehen? Die Kunststücke der Zirkustiere gehen gegen ihre Natur.“

Die Folgen der Kampagne gegen Zirkustiere unterstützt von heimlich aufgenommenen Gräuelvideos im Netz, bekommen die Schausteller schon jetzt zu spüren: die Besucherzahlen sind über die Hälfte gefallen. Viele Mexikaner hätten sich durch Nachrichten von Misshandlungen und Tierquälerei beeinflussen lassen, erzählt Juventino Fuentes. 30 ihrer einst 80 Mitarbeiter haben sie entlassen, wie viele noch folgen müssen, wissen sie nicht.

Der 23-Jährige Juventino hat nie etwas anderes gelernt, als auf dem Rücken seines Pferdes Seil zu springen und die Tiger Männchen machen zu lassen. Er und viele andere Schausteller haben nun ihre eigene Kampagne ins Leben gerufen: mit Protestmärschen, Schautrainings für die Öffentlichkeit und Gesprächen mit Politikern wehren sie sich gegen den Beschluss und versuchen diesen zu verhindern.

Laut Armando Cedeño von der nationalen Union der Zirkusartisten mussten bereits 20 der insgesamt 180 Zirkusse in Mexiko schließen. Cedeño versteht nicht, warum sich dieser Gesetzesentwurf allein gegen die Zirkusse und nicht auch andere Arten von Spektakel richte. Dabei seien vor allem die Zirkuskünstler selbst gegen Tierquälerei. „Erstens sind die Tiere unsere Hauptattraktion, zweitens sind sie die aktivsten Akrobaten unter uns, müssen also fit sein, und drittens bezahlt niemand, um misshandelte Tiere zu sehen.“

Nach der Vorstellung wartet Rosy Duck vor dem Eingang. Draußen scheint die Welt im Regen zu ertrinken. Ducks Enkelkinder springen quietschend um sie herum. Ihr letzter Zirkusbesuch ist über 15 Jahre her, für ihre Enkel war es das erste Mal. Sie hat sie eingeladen, damit sie den Zirkus noch mit Tieren erleben. „Zirkus ohne Tiere ist für die Kinder kein Zirkus.“ Sie findet, die Regierung sollte sich lieber um die vielen obdachlosen Familien in der Stadt kümmern, bevor sie sich um das Wohl der Tiere sorgt.

Hinter dem Zirkuszelt, fernab vom Rummel, prasseln Regentropfen monoton aufs Dach des Tigerkäfigs. Lautlos schleicht Goliath den Käfig auf und ab, gähnt und sein Blick verliert sich im Dunkel der Nacht.

Auch Fuentes verschnauft im Eingangsbereich. Während seine Brüder in einem Mädchenschwarm untergehen, wandert Fuentes Blick immer wieder besorgt zur Kartenverkäuferin. Doch egal wie voll das Zelt wird, in einer halben Stunde stehen Goliath und er erneut in der Manege und tanken Scheinwerferlicht. „Die Show“, so sagt Fuentes, „muss weitergehen.“  (dmz/lh/hl)

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