Medienstar unter Mexikos Drogenbossen hat Sendeschluss

 

In Videobotschaften präsentierte sich Servando Gómez Martínez alias „La Tuta“ als Messias mit Sturmgewehr (Foto: almomento.mx)

Von Denis Düttmann

Morelia, 28. Februar 2015 – Brutal, sendungsbewusst und medienaffin: Jahrelang herrschte „La Tuta“ wie ein König in der Unruheregion Michoacán. Jetzt ist der Chef der Tempelritter den Ermittlern ins Netz gegangen. Dass Mexiko nach der Festnahme sicherer wird, darf bezweifelt werden.

Jahrelang hatte er die Ermittler verhöhnt. In Videobotschaften präsentierte sich Servando Gómez Martínez alias „La Tuta“ als Messias mit Sturmgewehr, als Wohltäter der verarmten Bauern und gläubiger Christ. Jetzt hat die Polizei dem Spuk ein Ende bereitet und den mächtigen Drogenboss im Westen von Mexiko festgenommen.

Der Chef des Drogenkartells „Caballeros Templarios“ (Tempelritter) ist der Medienstar unter den mexikanischen Capos. Im Gegensatz zu anderen Drogenbossen, die die Öffentlichkeit scheuen und von denen es kaum aktuelle Fotos gibt, tauchte „La Tuta“ immer wieder in Videos auf.

Mit Baseballkappe, Kinnbärtchen und Pistole im Halfter steht der ehemalige Lehrer in diesen Clips im Wald oder vor einer Viehweide und erklärt den Zuschauern im nuschelnden Tonfall seine Sicht der Dinge. Einige Male ließ er sich auch von Fernsehsendern interviewen. Als das Ansehen seiner Gang sank, konsultierte er sogar namhafte Journalisten, um sich in PR-Fragen beraten zu lassen.

„Wir sind Diener“, sagte er in einem Video. „Wir kämpfen für die Interessen der Menschen von Michoacán.“ Die Tempelritter seien eine „Bruderschaft, die unter einer Reihe von Gesetzen und Kodizes gegründet wurde“. Die Mitglieder des Kartells hätten sich ritterlich zu verhalten und dürften niemandem Schaden zufügen, heißt es in dem Kodex, den „La Tuta“ an seine Kämpfer verteilte.

Tatsächlich errichtete sein Kartell in der Region Michoacán ein Terrorregime. Die Bande handelte mit synthetischen Drogen, kontrollierte den illegalen Bergbau und presste den Bauern und Händlern hohe Schutzgelder ab. Als die Bewohner schließlich zu den Waffen griffen und vor rund einem Jahr Dorf für Dorf befreiten, versank Michoacán beinahe in einem Bürgerkrieg.

Der Medienstar unter Mexikos Capos nach seiner Festnahme auf dem Weg zum Gefängnis (Foto: almomento.mx)

Gómez Martínez gilt als äußerst gewalttätig. „Er bringt es fertig, jemanden nur deshalb zu töten, weil ihm eine Kartenleserin gesagt hat, dass diese Person ihn verraten hat“, zitierte die Zeitung „El Universal“ 2010 eine Gewährsperson aus dem Umfeld der Generalstaatsanwaltschaft. Aus Rache für die Festnahme eines hochrangigen Kartellmitglieds soll er 2009 angeordnet haben, zwölf Bundespolizisten zu foltern und zu töten.

Auf der anderen Seite verfügt „La Tuta“ offenbar auch über strategisches Geschick. So soll er die Wahlkämpfe ihm gewogener Politiker unterstützt und Gefolgsleute auf wichtigen öffentlichen Posten platziert haben. In seinem Heimatort Arteaga übte er „absolute Kontrolle über die Behörden und die Polizei aus“, heißt es in seiner Kriminalakte.

Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto feierte den Zugriff als Schlag gegen das organisierte Verbrechen. „Mit dieser Festnahme stärken wir den Rechtsstaat und streben dem Frieden in Mexiko entgegen“, schrieb der Staatschef auf Twitter. Von den ganz Großen im Rauschgiftgeschäft sind nur noch wenige auf der Flucht: Ismael Zambada García alias „El Mayo“ und Juan José Esparragoza alias „El Azul“ vom Sinaloa-Kartell sowie der Übervater der mexikanischen Capos, Rafael Caro Quintero.

Dass sich die Sicherheitslage in Mexiko mit der Festnahme von „La Tuta“ rasch verbessert, darf allerdings bezweifelt werden. Nach den jüngsten Schlägen gegen das organisierte Verbrechen hat sich die Unterwelt diversifiziert. Neben den traditionellen Kartellen mischen nun Splittergruppen wie die „Guerreros Unidos“ und „Los Rojos“ mit. Diese Gangs sind keineswegs weniger gefährlich als ihre großen Brüder, aber ungleich schwieriger zu fassen.

„Die Festnahme von ‚La Tuta‘ hat eher symbolischen Wert“, sagte der Sicherheitsexperte Alejandro Hope der Zeitung „Milenio“. „Das Problem von Michoacán sind die neuen bewaffneten Gruppen, die Fragmentierung und die Schwäche der staatlichen Institutionen.“

Lange hielt sich Gómez Martínez für unantastbar. Er rief sogar einmal in einer Fernsehsendung an und schlug der Regierung einen Pakt vor. „Ich bete zu Gott. Er ist der einzige, der über mich richten soll“, sagte er damals. Jetzt ist er im Gewahrsam der Staatsanwaltschaft. Die dürfte das etwas anders sehen. (dpa/dmz/hl)