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Metro-Unfall in Mexiko-Stadt: Eine angekündigte Katastrophe

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Zwei Waggons der Metro stürzten mit der Brücke in die Tiefe (Foto: Aristegui Noticias)

Fotos Galerie: Aristegui Noticias

Von Herdis Lüke

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Mexiko-Stadt, 9. Mai 2021 – Es war am späten Montagabend, dem 3. Mai, kurz vor halb elf. Miguel hatte sich gerade mit anderen obdachlosen Freunden unter die U-Bahnbrücke zum Schlafen gelegt, als er ein unangenehmes Geräusch von berstendem Eisen hörte und der Boden zu vibrieren begann. Der junge Mann und seine Kumpane rannten sofort los auf die andere Straßenseite, fielen hin, weil der Boden bebte. Da brach die Brücke zusammen und sie sahen, wie zwei Metro-Waggons in die Tiefe stürzten. 

25 Tote und 79 zum Teil schwerverletzte Personen kostete das Unglück i, davon erlag eine 52jährige Frau am Freitag, vier Tage nach dem Unglück, ihren schweren Verletzungen. Es war das schwerste Metro-Unglück seit 1975, als beim Zusammenstoß zweier Züge der Linie 2 31 Passagiere starben und 70 verletzt wurden. Die Linie 12 ist die Geschichte einer angekündigten Katastrophe.

Die im Oktober 2012 mit zehnmonatiger Verspätung eingeweihte Linie 12, wegen ihrer Farbe im Metro-Plan auch „Goldene Linie“ genannt, galt als Stolz der Regierung des damaligen Bürgermeisters von Mexiko-Stadt und heutigen Außenministers Marcelo Ebrard. Damals gehörte er noch der linken Partei PRD, heute der linksnationalen Regierungspartei Morena an. Der Bau der Linie mit ihren 20 Bahnhöfen (von ursprünglich 23 geplanten) kostete 26 Milliarden Pesos, heute umgerechnet rund 10,8 Mrd. Pesos, statt der bei Baubeginn 2008 veranschlagten 17,5 Milliarden.

Für die Bewohner der abgelegenen und teilweise armen Stadtteile im Südosten der Hauptstadt bedeutete die 24,5 Kilometer langer Linie von Mixcoac im Südwesten nach Tláhuac im Südosten ein Segen, die furchterregende und überaus hässliche Avenida Tulyehualco wurde endlich entlastet. Statt zwei Stunden von Tlahuac mit Bussen und Peseros ins Zentrum brauchten sie nmur 30 bis 40 Minuten, Die Passagiere freuten sich zudem über hochmoderne Stationen und Züge, in denen sie zumeist auch einen Sitzplatz fanden, ganz im Gegenteil zu den besonders viel genutzten Linien 1, 2 und 3.

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Aber die Goldene Linie stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Schnell machten Gerüchte über Unregelmäßigkeiten bei der Ausschreibung und Ausführung des Projekts die Runde. Unter seinem Nachfolger Miguel Ángel Mancera wurden Marcelo Ebrard, Gouverneur von Mexiko-Stadt von 2006 bis 2012, konkret unter anderem Veruntreuung, unzulässige Zahlungen und Machtmissbrauch vorgeworfen. Bevor es zu einer Anklage kam, „flüchtete“ Ebrard in die Heimat seiner französischen Großeltern. Er sei bereit, sich den Behörden zu stellen, wenn es zu einer offiziellen Anklage komme. Er wurde jedoch nie angeklagt und auch nicht zu den Vorwürfen vernommen. Ebrard kehrte im Februar 2018, wenige Monate vor den letzten Präsidentenwahlen im Julio desselben Jahres, nach Mexiko zurück und wurde Teil des Wahlkampfteams von López Obrador. Nun setzt das schreckliche Unglück vom 3. Mai den ehemaligen Bürgermeister von Mexiko-Stadt und jetzigen Außenminister erheblich unter Druck.

Noch in der Unglücksnacht versicherte Ebrard den Opfern nicht nur sein Mitgefühl: “Was heute in der Metro passiert ist, ist eine schreckliche Tragödie. Meine Solidarität gilt den Opfern und ihren Familien. Natürlich müssen die Ursachen erforscht und die Verantwortlichkeiten geklärt werden. Ich wiederhole, dass ich den Behörden voll und ganz zur Verfügung stehe, um in irgendeiner Weise zur Aufklärung beizutragen.“

Die Linie 12 gilt nicht nur als teuerste in Mexiko-Stadt gebaute, sondern als gefährlichste. Sie ist geprägt von Pannen, die durch Planungsfehler, Bau- und technische Mängel entstanden sind und zu Millionen Zusatzkosten sowie Einnahmenverlusten durch monatelange Betriebsunterbrechungen geführt haben. Nun ist die gesamte Strecke bis auf weiteres komplett gesperrt. Was das für die Nutzer einerseits und für den Autoverkehr entlang der Ader bedeutet, kann man sich ausmalen.

Immer wieder Klagen über Mängel

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Immer wieder haben Nutzer vor Schäden gewarnt. Vom 26. Februar bis 6. März 2014 überprüfte das Unternehmen MIVB STIB, das die Brüsseler Metro betreibt, die Linie 12 und sprach folgende Empfehlung aus: “Wenn die Weichen und Kreuzungen nicht geschützt sind und das Profil der Räder nicht den internationalen Standards entspricht, besteht die Gefahr einer Entgleisung.” Festgestellt wurden gravierende strukturelle Mängel, darunter Brüche in den Schienenbefestigungen und Verschleiß im gesamten Gleis, besonders an den Schwellen. Das Gleis hatte sich stellenweise in Wellen verformt.Die Regierung von Mexiko-Stadt reagierte schließlich und stellte am 12. März 2014  den Betrieb zwischen den Stationen Tláhuac und Atlalilco ein.

Das Baukonsortium aus den Firmen Ingenieros Civiles Asociados (ICA, die auch den §zweiten Stock” (segundo piso) der Stadtautobahn Periférico gebaut hat), Alstom Mexicana und Carso Infraestructura y Construcción (die dem mexikanischen Multimillardär Carlos Slim gehört), wurde zur Begutachtung und Behebung der  Schäden angewiesen.

Abgenommen vom TÜV Rheinland

Zwischen dem 28. Oktober und 29. November 2015 wurde der Betrieb der Linie schrittweise wieder aufgenommen, nachdem die Mängel behoben und laut Forbes vom TÜV Rheinland México abgenommen wurden. Das deutsche Service-Unternehmen für die Zertifizierung, Inspektion und Überprüfung von technischen Anlagen und Managementsystemen in Eisenbahnsystemen versicherte dem Forbes-Magazin, dass es keine weiteren infrastrukturbedingten Ausfälle mehr  geben werde. „Alles, was wir zertifizieren und in Betrieb nehmen, entspricht internationalen Standards, und damit können wir sicherstellen, dass die Linie 12 funktioniert und sicher für die Fahrgäste ist”, versicherte TÜV Rheinland gegenüber Forbes México.

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Tickende Zeitbomben

Bis zum 19. September 2017, als ein schweres Erdbeben der Stärke 7,1 auf der Richterskala die Hauptstadt erschütterte. Das Erdbeben hatte an jenem Tag zwei Züge auf der Linie 12 zum Entgleisen gebracht, einer im Abschnitt Tlaltenco-Zapotitlán, der andere im Abschnitt Zapotitlán-Nopalera. In diesen Abschnitten waren nach dem Beben bedeutende Schäden registriert worden: Ein Stützkopf verlor die Begrenzung zu den seismischen Anschlägen, die die Funktion hat, übermäßige Verschiebungen in den Trägern der Hochtrasse zu vermeiden. Der andere Schaden betraf eine Säule im Abschnitt Nopalera-Olivos. Die Beschichtung hatte sich teilweise abgelöst und im unteren Teil waren auf einer Länge von 4,5 Metern Risse entstanden, was die Stützfunktion und Elastizität der Säule erheblich geschwächt habe. So berichtete es im März 2018, nachdem Nutzer erneut auf Mängel hingewiesen hatten.

Schäden habe es außerdem an Oberleitungen und Fußgängerbrücken in den Stationen Zapotitlán und Olivos gegeben, Gleise hätten sich streckenweise verformt. Eine der beschädigten Säulen befand sich in der Nähe der Station Olivos, wo sich die Katastrophe vom 3. Mai ereignete. Erneut musste der Betrieb, dieses Mal für 81 Tage, unterbrochen werden.

Ursprünglich war die Linie auf den Transport von 700.000 Passagieren täglich ausgelegt – die Zahl wurde aber nie erreicht. 2017 beförderte sie durchschnittlich 450.000 Menschen pro Tag. Durch die Covid-19-Pandemie ist die Nutzung der Linie 12 weiter zurückgegangen. Unter den 12 meistgenutzen Linien steht sie an sechster Stelle. Für die Anbindung der Bewohner an das Metronetz der Hauptstadt ist sie trotzdem unersetzlich. Hunderte Anwohner protestierten vergangene Woche entlang der Avenida Tulyehualco gegen die Stadtregierung und reklamierten eine funktionierende und vor allem sichere Metro. Besonders erbost sie, dass die Regierung nicht auf ihre Klagen über Mängel gehört habe. Auf Facebook kursierten nach dem Unglück zahlreiche Fotos von Schäden an Trägern von verschiedenen Metro-Trassen und Stützpfeilern der Stadtautobahn sowie am Verkehrsverteiler (Distribuidor Vial) im Süden von Cuernavaca. Die Menschen haben Angst und befürchten tickende Zeitbomben, die irgendwann explodieren..

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Für die mit dem Bau der Linie betroffenen Firmen dürfte die Geschichte der Linie 12 ein Nachspiel haben. Ebrard erklärte sich bereit, bei der Aufklärung der Unfallursache mit der Justiz zusammenarbeiten zu wollen. Präsident Andrés Manuel López Obrador hat es abgelehnt, die Unfallstelle und Überlebende des Unglücks zu besuchen. Die Praxis vorheriger Präsidenten, Verletzte in Krankenhäusern zu besuchen, bezeichnete er als demagogisch und verlogen. Diese Haltung brachte ihm viel Kritik ein. Die Angehörigen der Todesopfer und Verletzten erhalten eine Entschädigung von rund 700.000 Pesos, umgerechnet knapp 29.000 Euro. Ebrard galt bis zu diesem 3. Mai als wahrscheinlichster Nachfolger von López Obrador. Am 6. Juni finden in Mexiko Zwischenwahlen statt – eine wichtige Messlatte für die Zukunft der Regierungspartei – und von Marcelo Ebrard.  (dmz/hl)

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