Mexiko: Drogenboss „El Chapo“ entkommt dem Militär – bei Flucht verletzt

 

Mindestens 13 Dörfer wurden in dem Gebiet, wo sich „El Chapo“ vermutlich versteckt, von Sicherheitskräften umstellt. Viele Bewohner verließen ihr Zuhause angesichts der Militärpräsenz (Foto: almomento.mx)

Mexiko-Stadt, 17. Oktober 2015 – Das war knapp: Die berüchtigten mexikanischen Marines waren ihm dicht auf den Fersen, aber er ist ihnen buchstäblich in letzter Minute entwischt: Joaquín „El Chapo“ Guzmán, Chef des Sinaloa-Kartells und Mexikos meistgesuchter Drogenboss. Bei seiner offensichtlich überstürzten Flucht auf einem Quad soll er sich an den Beinen und im Gesicht verletzt haben.

Wie der Sicherheitsbeauftragte der Regierung am Freitag in Mexiko-Stadt erklärte, hält sich Guzmán in seiner Heimat Sinaloa im Norden von Mexiko versteckt. Das war bereits nach seiner Fliucht vor drei Monaten aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano im Zentrum Mexikos vermutet worden. Nun ist das Militär dem legendären Drogenboss so dicht auf den Fersen, dass dieser völlig überstützt das Weite suchte und sich dabei angeblich verletzte – nicht bei einer direkten Konfrontation mit den Militärs, wie der Sicherheitsbeauftragte betonte. Dazu sei es gar nicht gekommen.

Zuvor hatte der US-Sender NBC über den gescheiterten Zugriff berichtet. Demnach wurde „El Chapo“ verwundet, als in der vergangenen Woche Marineinfanteristen in Helikoptern sein Versteck in einer Ranch nahe der Ortschaft Cosalá im Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Sinaloa und Durango im Nordwesten des Landes angriffen.

Dem Bericht zufolge schlugen Guzmáns Leibwächter die Soldaten zunächst zurück. Als die Marineinfanteristen das Gebiet später zu Fuß inspizierten, entdeckten sie Kommunikationsgerät und Medikamente, berichtete NBC. „El Chapo“ und seine Leibwächter waren offenbar auf Quads geflohen. Keine Angaben wurden darüber gemacht, wie sich „El Chapo“ verletzte und woher die Information gekommen ist.

Seit seinem hollywoodreifen Gefängnisausbruch am 11. Juli ist Guzmán Medienberichten zufolge bereits mindestens zweimal seinen Verfolgern entwischt. Die Zeitung „Reforma“ berichtete von einem gescheiterten Zugriff in der Region Tamazula an der Grenze zwischen Durango und Sinaloa.

Aufgrund abgehörter Telefongespräche vermutete die Marine den flüchtigen Chef des Sinaloa-Kartells in seiner Heimatregion. Örtlichen Medien zufolge wurden mindestens 13 Dörfer in dem Gebiet von Sicherheitskräften des Staates umstellt. Mit Helikoptern und Fallschirmjägern, Drohnen und Straßensperren versuchten sie, „El Chapo“ zu stellen. Laut einem Bericht der Zeitung „Excélsior“ verließen zahlreiche Menschen in der Region wegen des Militäreinsatzes ihre Heimatdörfer.

Guzmán war am 11. Juli durch einen professionell gegrabenen Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano im Zentrum Mexikos getürmt. Bereits am 30. Juli sollen Marineinfanteristen in der Stadt Los Mochis dem Drogenboss ganz dicht auf den Fersen gewesen sein. Aber auch damals entwischte “El Chapo” seinen Verfolgern.

Die Regierung steht unter gewaltigem Druck, den Drogenboss wieder zu schnappen ist für die angeschlagene Sicherheitspolitik von Enrique Peña Nieto von immenser Bedeutung, einen Erfolg vorzuweisen.

Video beweist: Baulärm vor seiner Flucht war zu hören

Es werden immer mehr Details über die Vorbereitungen seiner Flucht aus dem Gefängnis bekannt. Auf einem in dieser Woche vom Fernsehsender Televisa ausgestrahlten Video der Überwachungskamera in Guzmáns Zelle sind tatsächlich Hammer- oder Bohrgeräusche zu hören. Es ist auch schwer zu glauben, dass niemand vom Wachpersonal etwas davon mitbekommen hat, dass von Guzmáns Zelle im Spezialtrakt für besonders schwere Jungs ein 1,5 km langer Tunnel gegraben werden konnte, nach allen Regeln der Ingenierskunst, mit Schienen für ein Spezialmotorrad, Belüftung und Licht.

Von den Geräuschen hatte vor Wochen bereits die Tageszeitung „Milenio“ berichtet. Kurz nach der Flucht des Chefs des Sinaloa-Kartells hatten Mexikos Sicherheitsbehörden die Aufnahmen gezeigt – aber ohne Ton.

Dass „El Chapo“ bei seiner Flucht Hilfe innerhalb und außerhalb des Gefängnisses hatte, steht für Experten fest. Wegen des Gefängnisausbruchs wurden bereits eine ganze Reihe von Beamten festgenommen, darunter die frühere Leiterin des nationalen Strafvollzugs und der ehemalige Direktor des Gefängnisses El Altiplano.

Anwalt Alberto de la Cruz, der einige der verdächtigen Justizvollzugsbeamte vertritt, nahm seine Mandanten in Schutz. „Die Überwachungszentrale des Gefängnisses verfügt über keine Tonsignale aus den Zellen“, sagte er im Radiosender Fórmula. „Würden dort aus der ganzen Haftanstalt Audiosignale eintreffen, wäre das ein einziger Krach.“

Die Tonspuren aus den Zellen würden lediglich in der Gefängnisdirektion und beim Geheimdienst Cisen einlaufen, sagte de la Cruz. Die Generalstaatsanwaltschaft verurteilte am Donnerstag die Veröffentlichung des Überwachungsvideos. Bei den Aufnahmen handele es sich um Beweismittel gegen die verdächtigen Beamten.

Die Flucht seines wichtigsten Gefangenen am 11. Juli war ein schwerer Rückschlag für die Sicherheitspolitik von Präsident Enrique Peña Nieto. Mehrere Senatoren forderten nach der Veröffentlichung des neuen Videos eine Anhörung von Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong und Generalstaatsanwältin Arely Gómez.

Guzmán war bereits 2001 aus einem Hochsicherheitsgefängnis geflohen. Die USA und Mexiko haben zusammen ein Kopfgeld von umgerechnet acht Millionen Euro auf den Drogenboss ausgesetzt. Sollte die mexikanische Polizei „El Chapo“ erneut fassen, würde er wohl in die Vereinigten Staaten ausgeliefert werden. (dmz/hl mit Material von dpa)