Mexiko-Stadt: Heftige Krawalle am Jahrestag des Massakers von Tlatelolco

 

Die Kundgebung am Jahrestag des Massakers von Tlatelolco am 2. Oktober wurde von Vermummten gestört, die Brandsätze auf den Nationalpalast feuerten. (Foto: almomento.mx)

Mexiko-Stadt, 3. Oktober 2015 – Der 2. Oktober 1968 hat sich ins Gedächtnis der Mexikaner eingebrannt. Wenige Tage vor den Olympischen Spielen, töteten Polizisten und Militär auf dem Platz der Drei Kulturen in Tlateloclo mehr als 300 Menschen. An jedem Jahrestag demonstrieren tausende Mexikaner in Erinnerung an jenes Massaker – in diesem Jahr kam es zu Krawallen.

Vermummte hatten sich unter die friedlich Demonstrierenden gemischt, als diese am Freitagabend vom Platz der Drei Kulturen kommend am Zócalo im historischen Zentrum eintrafen, wo sie mit einer Zeremonie an die Opfer von damals erinnern wollten. Die Vermummten warfen Brandsätze auf den Nationalpalast, die Polizei feuerte Tränengas in die Menge. Die Kundgebung musste daraufhin aufgelöst werden, die Teilnehmer zogen sich zurück. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstraten seien fünf Menschen verletzt worden, berichteten verschiedene Medien.

„EL 2 de octubre no se olvida“ – „der 2. Oktober wird nicht vergessen” lautet das Motto, in dem Überlebende von einst, heutige Studenten und Intellektuelle jedes Jahr am 2. Oktober friedlich an jenen schrecklichen Tag erinnern. Bei dem Massaker von Tlatelolco hatten die Sicherheitskräfte 1968 wenige Tage vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Mexiko die Demonstration blutig niedergeschlagen, zu welcher der Nationale Streikrat (Consejo Nacional de Huelga) aufgerufen hatte. Am Platz der Drei Kulturen waren neben Studenten mehrerer Universitäten auch Lehrer, Intellektuelle, Arbeiter und Hausfrauen mit ihren Kindern zusammengetroffen.

Verantwortlich für das Massaker war der damalige Präsident Gustavo Díaz Ordaz und sein Innenminister und späterer Präsident Luis Echeverría. Nach Regierungsangaben von damals kamen dabei 20 Menschen ums Leben. Menschenrechtsorganisationen zufolge töteten Polizisten und Militärs auf dem Platz der drei Kulturen aber mehr als 300 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder. 1200 Menschen wurden verletzt. Der „Schmuzige Krieg“ der Regierung gegen Oppositionelle der Linken dauerte bis in die späten 1970er Jahre. Zahlreiche Studenten und Aktivisten wurden festgenommen und verschwanden für immer.

Díaz Ordaz, Echeverría und weitere hohere Funktionäre der damaligen Regierung wurde vorgeworfen, für die CIA zu arbeiten. Bis zur juristischen Aufarbeitung dauerte es Jahrzehnte. Erst in den 1990er Jahren wurden Echeverría und hochrangige Militärs zu Haftstrafen veruteilt, Echeverría wegen seines Alters musste nicht mehr in Haft, stand aber unter Hausarrest.

Die Schriftstellerin Elena Poniatowska hat in ihrem Buch „La noche de Tlateloclo“ (Die Nacht von Tlateloclo) Zeugen von damals zu Wort kommen lassen. In ihrem Roman„Hasta no verte, Jesús mío“ beschreibt sie die unerlässliche Suche einer Mutter nach ihrem verschwundenen Sohn. Die berühmteste Stimme der in den Jahren verschwundenen Aktivisten war Rosario Ibarra de Piedra. Ihr Sohn Jesús wurde 1974 verhaftet und tauchte nie wieder auf. Die Hausfrau aus Monterrey wurde daraufhin zu einer unermüdlichen Menschenrechtsaktivistin, die nie die Suche nach ihrem Sohn und sein Schicksal aufgab und sich unermüdlich für politische Gefangene einsetzte. Mehrfach war sie von den Linken in Mexiko zur Kandidatin für das Amt des Präsidenten und für den Friedensnobelpreis nominiert. (dmz/hl)




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