Mexikos Energiereform: Ministerium schreibt Projekte in Milliardenhöhe aus

 

Arbeiter an einer Pemex-Pipeline (Foto: Pemex)

Mexiko-Stadt, 22. Juni 2015 – Erstmals seit Jahrzehnten dürfen private Unternehmen wieder in der mexikanischen Energiewirtschaft mitmischen. Die Regierung hat nun erste Infrastrukturprojekte im Gas- und Stromsektor ausgeschrieben – im Umfang von fast zehn Milliarden US-Dollar. Das größte Projekt ist eine Gaspipeline, die von Texas an die Ostküste Mexikos führt.

Im Zuge der jüngsten Energiereform schreibt Mexiko Infrastrukturprojekte in Milliardenhöhe aus. Die Gesamtsumme der 24 Aufträge im Gas- und Stromsektor betrage 9,8 Milliarden US-Dollar (8,6 Milliarden Euro), teilte Energieminister Pedro Joaquín Coldwell am Montag mit. Das größte Projekt ist eine Gaspipeline, die vom Süden des US-Bundesstaates Texas durch den Golf an die Ostküste von Mexiko führt.

In Mexikos Energiesektor bricht in diesem Jahr eine neue Ära an. Fast 80 Jahre nach der Verstaatlichung der Ölindustrie öffnet sich die bislang stark regulierte Energiebranche privaten Investoren aus dem Ausland. Die Staatskonzerne der Branche versäumten es nach Einschätzung von Experten über Jahrzehnte, in moderne Infrastruktur und Fachwissen zu investieren.

Eine Liberalisierung des Sektors ist dringend nötig. Das massive Abschöpfen der Gewinne hat vor allem den staatlichen Energiekonzern Petróleos Mexicanos (Pemex) langsam ausbluten lassen. Jahrzehntelang wurde kaum in moderne Technik investiert, bei anspruchsvollen Förderverfahren wie in der Tiefsee oder in Schiefergasvorkommen hinkt Pemex nun hinterher. Die tägliche Erdölförderung ging von 3,4 Millionen Barrel (159 Liter) im Jahr 2004 auf zuletzt 2,5 Millionen Barrel zurück.

Daher braucht Pemex frisches Geld und externes Know-how. Die ersten Verträge für Joint Ventures werden nun im ersten Quartal 2015 ausgeschrieben. Es geht um 109 Felder für die Exploration und 60 für die Förderung. Das Energieministerium rechnet mit Investitionen von 50,5 Milliarden Dollar (41,2 Mrd. Euro) in den ersten vier Jahren.

Kriminelle greifen immer wieder Pipelines an und stehlen Öl

Das Interesse der Investoren dürfte etwa von den Vertragsdetails und der Konjunktur abhängen. Wegen des jüngsten Einbruchs des Ölpreises sitzt das Geld in der Branche nicht gerade locker. Analysten sind dennoch optimistisch. „Viele Unternehmen haben positiv auf die Energiereform reagiert und es gibt ein großes Interesse an den Möglichkeiten, die sich auftun“, sagt Analyst Scargill.

Neben möglicherweise ungünstigen Vertragsbedingungen könnte auch die schlechte Sicherheitslage abschreckend auf potenzielle Investoren wirken. Die für die Erdölproduktion wichtigen Bundesstaaten Tamaulipas und Veracruz am Golf von Mexiko zählen zu den gefährlichsten Regionen des Landes. Kriminelle Organisationen greifen immer wieder die Pipelines von Pemex an und stehlen Öl.

Bei der Liberalisierung des Energiesektors musste sich Präsident Enrique Peña Nieto gegen erhebliche Widerstände durchsetzen. Pemex ist der wichtigste Devisenbringer des Landes und Symbol nationaler Souveränität. Das Unternehmen erwirtschaftet über 30 Prozent der mexikanischen Staatseinnahmen.

Kritiker werfen Präsident Peña Nieto Landesverrat vor

Gegner der Reform warfen den Staatschef Landesverrat vor. Zehntausende Menschen gingen auf die Straße. Eine echte Privatisierung des Sektor sieht die Reform allerdings gar nicht vor. Der mexikanische Staat bleibt alleiniger Eigentümer der Bodenschätze.

Die Investmentbank Goldman Sachs warnt davor, mit sofortigen Auswirkungen der Energiereform zu rechnen. Es dürfte weitere drei Jahre dauern, bis in größerem Umfang private Investitionen nach Mexiko fließen, schreiben die Analysten. Dann könnte die Öffnung der Branche allerdings eine Million neue Arbeitsplätze schaffen und das Bruttoinlandsprodukt um 1 bis 1,5 Prozent erhöhen.

Die Reform soll allerdings nicht nur den Erdölsektor wieder auf die Beine bringen. Von sinkenden Strompreisen könnte beispielsweise auch das verarbeitende Gewerbe profitieren. Die Energiereform werde der ganzen mexikanischen Wirtschaft neuen Schwung verleihen, sagte der frühere Leiter des staatlichen Stromversorgers CFE, Alberto Escofest Artigas, kürzlich im Interview des Radiosenders MVS: „Das hat einen Multiplikatoreffekt auf die ganze Industrie.“ (dmz/ds mit Material von dpa)




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