Migration ist kein Verbrechen

Interview: Denis Düttmann

Auf ihrem Weg in die Vereinigten Staaten sind die Auswanderer aus Mittelamerika zahlreichen Gefahren ausgesetzt. In Mexiko werden sie immer wieder Opfer krimineller Banden. In der Herberge von Pater Solalinde finden sie vorübergehend Schutz.

Mexiko-Stadt, 15. Juni 2014 – In der Herberge Hermanos en el Camino (Brüder auf dem Weg) in Südmexiko kümmert sich der katholische Priester Alejandro Solalinde um Migranten aus Mittelamerika. Mit der Nachrichtenagentur dpa sprach er über die Lage der Auswanderer und seine Forderungen an die Behörden.

Frage: In welcher Situation befinden sich die Migranten in Mexiko?

Antwort: Sie sind in einer Situation der völligen Unsicherheit. Die USA wollen sie nicht, obwohl sie sie als billige Arbeiter brauchen. In ihre Heimatländer können sie nicht zurückkehren, weil es dort keine Verdienstmöglichkeiten gibt. Und in Mexiko sind sie auch unerwünscht.

Frage: Welchen Gefahren sind die Migranten in Mexiko ausgesetzt?

Antwort: Sie werden von den Drogenkartellen überfallen und entführt. Ihre Familien werden erpresst. Immer wieder verschwinden Menschen und niemand weiß, was mit ihnen geschieht. Außerdem haben die Migranten mit Hunger, Durst und Unwettern zu kämpfen. Das größte Problem ist aber die Korruption. Jeder will Geld von ihnen. Sie werden nicht als Menschen wahrgenommen, sondern als Geldquellen.

Frage: Bieten die Sicherheitsbehörden Schutz oder sind sie eher Teil des Problems?

Antwort: Es gibt solche und solche. Allerdings wird uns immer wieder von Polizisten berichtet, die die Migranten bedrohen und erpressen. Hinzu kommt, dass viele Beamte das Gesetz nicht genau kennen und willkürlich handeln. Dabei vergessen sie: Migration ist in Mexiko kein Verbrechen.

Frage: Was fordern sie von der Politik?

Antwort: Zum Schutz der Migranten müssen die Regierungen in den Herkunftsländern, in Mexiko und den USA enger zusammenarbeiten. Die Staaten in Mittelamerika brauchen zudem eine nachhaltige Wirtschafts- und Sozialpolitik, um ihren Bürgern im eigenen Land Perspektiven zu eröffnen. Und nicht zuletzt sollten die Vereinigten Staaten endlich eine Einwanderungsreform verabschieden, die den Einwanderern Rechtssicherheit gibt.

Zur Person:Alejandro Solalinde (69) gründete 2007 in Ixtepex im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca die Herberge Hermanos en el Camino (Brüder auf dem Weg). Auswanderer aus Mittelamerika bekommen dort zu essen, werden medizinisch versorgt und psychologisch betreut. Der katholische Priester ist einer der prominentesten Menschenrechtsaktivisten des Landes. (dpa/dmz/hl; Foto: www.almomento.mx)

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