Mutmaßlicher Drahtzieher der Studenten-Entführung verhaftet

 

Das Bild zeigt (von li.) die Festgenommenen: Die Vermieterin des Ehepaars, José Luis Abarca und seine Frau María de los Ángeles Pineda (Foto: PGR)

Der Bürgermeister von Iguala soll hinter dem Verschwinden Dutzender junger Leute stecken. Jetzt wurde er verhaftet. Von den Studenten fehlt auch nach über einem Monat weiter jede Spur.

Mexiko-Stadt, 4. November 2014 – Vor über einem Monat haben im Bundesstaat Guerrero im Südwesten von Mexiko Polizisten und Bandenmitglieder Dutzende Studenten verschleppt, jetzt wurde der mutmaßliche Drahtzieher der Tat gefasst. Der Bürgermeister von Iguala José Luis Abarca und seine Frau seien am Dienstag in Mexiko-Stadt verhaftet worden, teilte die Bundespolizei mit. Abarca soll das Vorgehen gegen die jungen Leute angeordnet haben.

Wenige Tage nach dem Verschwinden der Studenten war das Paar untergetaucht. Die Polizei stellte die Eheleute nun in einer bescheidenen Behausung in Iztapalapa in Mexiko-Stadt. Das Viertel ist mit rund 1,8 Millionen Einwohnern der größte Bezirk der mexikanischen Hauptstadt. Der Stadtteil im Osten der Metropole gilt als arm und gefährlich. Der Einsatz dort sei vom Geheimdienst Cisen geplant und von einer Spezialeinheit durchgeführt worden, berichteten lokale Medien. Die Wohnanlage sei länger beobachtet worden, hieß es. Bei der Aktion am frühen Dienstagmorgen sei auch eine junge Frau festgenommen worden, die dem Ehepaar Unterschlupf gewährt und es gedeckt habe, teilte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam am Dienstagnachmittag mit.

Die 43 Studenten eines linksgerichteten Lehrerseminars waren am 26. September in Iguala im Bundesstaat Guerrero von Polizisten entführt worden. Später wurden sie mutmaßlich Mitgliedern der kriminellen Organisation «Guerreros Unidos» übergeben. Zuvor hatten die örtlichen Sicherheitskräfte das Feuer auf Busse und Autos eröffnet und sechs Menschen erschossen.

Offenbar wollte Abarca verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Frau als Vorsitzende des örtlichen Wohlfahrtsverbands stören. Seine Frau, María de los Ángeles Pineda, stammt aus einer Drogenhändlerfamilie mit Verbindungen zum Beltrán-Leyva-Kartell. Sie soll ein führendes Mitglied der «Guerreros Unidos» sein. Nach Einschätzung der Ermittler arbeiten in der Region lokale Politiker, korrupte Polizisten und Verbrecher Hand in Hand.

«Ich hoffe, dass die Festnahme entscheidend zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft beiträgt», sagte Mexikos Präsident, Enrique Peña Nieto. Der Gouverneur von Guerrero, Rogelio Ortega, nannte die Verhaftung einen Triumph. Von den Verschleppten fehlt allerdings noch immer jede Spur. In Massengräbern rund um Iguala wurden bisher 38 Leichen gefunden. Ersten Untersuchungen zufolge handelt es sich bei den Toten jedoch nicht um die Studenten. Wie das Nachrichtenportal von Carmen Aristegui am Dienstag unter Berufung auf die Generalstaatsanwaltschaft berichtete, haben zwei festgenommene Führer der «Guerreros Unidos» gestanden, die 43 Studenten exekutiert und in Massengräbern zwischen Iguala und Cocula verscharrt zu haben.

«Es ist erst ein echter Triumph, wenn ich meinen Sohn wiedersehe», sagte der Vater eines der Verschleppten, Epifanio Álvarez, im Fernsehen. Der Anwalt der Opferfamilien, Vidulfo Rosales, hingegen erklärte, er erhoffe sich von den Aussagen der Verdächtigen neue Hinweise für die Suche nach den Vermissten.

Gegen Abarca liegt ein Haftbefehl wegen mehrfachen Mordes vor. Vor Beginn seiner Amtszeit war bereits mehrfach wegen mutmaßlicher Verbindungen zum organisierten Verbrechen gegen ihn ermittelt worden. Außerdem soll er im vergangenen Jahr den Chef einer sozialen Bewegung eigenhändig getötet haben.

Gemeinsam mit seiner Frau hatte der Bürgermeister nach Einschätzung der Ermittler in Iguala ein kriminelles Netzwerk aufgebaut. Die örtliche Polizei stand demnach größtenteils im Sold der «Guerreros Unidos». Abarca wiederum zahlte beträchtliche Summen an die Bande, die den Opium-Anbau in der Region kontrolliert.

Am Montag starteten Vertreter sozialer Organisationen einen Protestmarsch auf die Hauptstadt, um an das Schicksal der jungen Leute zu erinnern. 43 Aktivisten – einer für jeden Vermissten – wandern von Iguala knapp 200 Kilometer nach Mexiko-Stadt. «Unsere Forderung ist: Wir wollen sie lebend zurück», sagte einer der Organisatoren, José Alcaraz García, der Nachrichtenagentur dpa.

Präsident Enrique Peña Nieto kündigte unterdessen einen Pakt gegen Korruption und eine konsequentere Strafverfolgung an. In den kommenden Tagen werde er Vertreter verschiedener Institutionen, Parteien und sozialer Organisationen zusammenrufen, sagte der Staatschef am Montag. «Es ist unabdingbar, Maßnahmen zu ergreifen, damit so etwas nicht mehr passiert.» (dmz/hl mit material von dpa)