Argentinische Forensiker kämpfen um Deutungshoheit im Fall Ayotzinapa

Ein Plakat zeigt Soldaten, wie sie die Studenten verschleppt haben sollen (Foto: Daniel Schlicht)

Von Daniel Schlicht

Mexiko-Stadt, 10. Februar 2015 – Eine von den Familien der verschleppten Studenten beauftragte Forensikergruppe will sieben Unregelmäßigkeiten bei den Ermittlungen ausgemacht haben und erhebt Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft kontert – und spricht der Gruppe ihrerseits die Kompetenz und Neutralität ab.

Auch wenn die Behörden den Fall Ayotzinapa gerne abschließen würden – der Meinungskampf über das Schicksal der 43 verschleppten Studenten geht weiter. Nun hat eine von den Opferfamilien beauftragte Forensikergruppe einen Bericht vorgelegt, in dem die Ermittlungen der mexikanischen Behörden heftig kritisiert werden. Die dreißig Experten unter argentinischer Führung (Equipo Argentino de Antropología Forense, kurz: EAAF) veröffentlichten am Samstag das 16-seitige Dokument, in dem sie die Schlussfolgerungen der Generalstaatsanwaltschaft (Procuraduría General de la República, kurz PGR) in Zweifel ziehen.

In ihrem Bericht zählen die Forensiker sieben Unregelmäßigkeiten bei den Ermittlungen im Fall Ayotzinapa auf. Unter anderem verweisen sie darauf, dass es den mit der Analyse beauftragten Experten in Innsbruck bisher bloß gelungen sei, die Überreste eines der 43 Opfer eindeutig zu identifizieren. Das weitere Genmaterial, das die Ermittler auf der Müllhalde bei Iguala sichergestellt hätten, habe hingegen vermutlich nichts mit dem Fall der Studenten zu tun. „Bis zum heutigen Tage liegt dem EAAF kein wissenschaftlicher Beweis vor, wonach die gefundenen menschlichen Überreste auf der Müllhalde von den Normalistas stammen“, heißt es in dem Bericht. Laut Satellitenaufnahmen habe es auf der Müllhalde seit 2010 nachweislich mehrfach gebrannt. Die Überresten könnten also genauso gut von anderen Leichnamen stammen. So sei unter den nach Österreich gebrachten Überresten etwa eine Zahnprothese gewesen – keiner der Studenten habe eine getragen.

Darüber hinaus kritisierten die Fachleute, dass sie beim Fund der Knochenreste im Fluss San Juan, die später als Überreste eines Studenten identifiziert wurden, nicht persönlich als Zeugen anwesend waren. Überhaupt sei der Umgang der Ermittler mit den gefundenen Überresten nicht transparent und nachvollziehbar. So seien etwa die genetischen Profile der Angehören, welche ins Labor nach Innsbruck geschickt wurden, teilweise fehlerhaft gewesen. In 20 von 134 Fällen hätten Proben der EAAF und der PGR nicht übereingestimmt, obwohl sie von den gleichen Personen stammten.

Auch sei die Müllkippe noch drei Wochen nach der Entdeckung der sterblichen Überreste für die Öffentlichkeit zugänglich gewesen. Somit seien möglicherweise Beweismittel manipuliert oder entfernt worden. Hinzu kommt, dass laut EAAF weite Teile des Gebiets der Müllhalde überhaupt noch nicht untersucht worden seien. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hätten die Forensiker erst 30 der 137 markierten Plätze an der Fundstelle gründlich analysiert. Aufgrund dieser Unregelmäßigkeiten könne man die Ermittlungen zum Fall Ayotzinapa noch lange nicht einstellen.

Das EAAF-Team besteht laut ihrer Website aus dreißig Experten aus den Bereichen der forensischen Anthropologie, Medizin, Archäologie, Kriminologie und Biologie. Beteiligt sind Wissenschaftler aus mehreren Ländern, unter anderem den USA, Kanada, Mexiko und Argentinien. Die Angehörigen der verschleppten Studenten hatten sie im vergangenen Jahr gebeten, den Fall zu untersuchen. Auch die PGR hatte einer Zusammenarbeit zugestimmt.

Staatsanwaltschaft nimmt Vorwürfe der EAAF Punkt für Punkt auseinander

Auf die Vorwürfe der EAAF reagierte die Generalstaatsanwaltschaft umgehend – und warf der Forensikergruppe ihrerseits mangelnde Neutralität und Urteilsfähigkeit vor. In einer ausführlichen Stellungnahme hieß es, die von den Opferfamilien beauftragten Forensiker hätten „zu keinem Zeitpunkt als unabhängige Experten agiert“. Zudem seien sie zwar Fachleute für ihre eigenen Disziplinen, dürften sich aber wohl kaum ein Urteil über Gutachten erlauben, „in denen sie keine Experten sind“. Die Forderung der EAAF, Zugang zu sämtlichen Beweismitteln zu erhalten, übersteige „bei weitem ihren Kompetenzbereich“.

In dem folgenden Bericht widerspricht die Staatsanwaltschaft der Reihe nach nahezu allen Punkten, die von der EAAF moniert wurden. So sei etwa der Vorwurf, dass sie nicht genügend in die Ermittlungen einbezogen worden seien, nicht gerechtfertigt. Im Gegenteil habe es eher an ihrer eigenen, mangelnden Kooperationsbereitschaft gelegen. Als Ermittler im Oktober 2014 den Beutel mit Knochenresten im Fluss San Juan fanden, seien die EAAF-Fachleute nicht beteiligt gewesen, weil sie zu dem Zeitpunkt ihre Aufmerksamkeit lieber der Müllhalde widmen wollten. Die Staatsanwaltschaft wies darauf hin, dass bei dem Fund zwei Zeugen anwesend waren, ein Vertreter der Anwaltschaft, Taucher der Marine sowie über Hundert Personen anderer staatlicher Institutionen.

Was die fehlerhaften DNA-Proben der Angehörigen betreffe, räumt die Staatsanwaltschaft ein, dass es eine verwaltungstechnische Übermittlungspanne gegeben habe. Diese sei jedoch bereits damals öffentlich gemacht und innerhalb von 24 Stunden behoben worden. Darüber hinaus habe diese Panne kein einziges Ergebnis der 17 übersandten Proben beeinflusst, auch nicht jener, die positiv getestet wurde. Daher sei der Vorwurf der EAAF inakzeptabel, es habe „keine klare Aufklärung diesbezüglich“ gegeben.

Auch auf die gefundene Zahnprothese geht die PGR in ihrer Stellungnahme ein. Ganz so eindeutig, wie die EAAF schreibt, stellt sich der Fall für die Ermittler nicht dar. Bis heute habe die Staatsanwaltschaft noch keinen Zugang zu den zahnmedizinischen Akten der Studenten erhalten, da weder die EAAF noch die Familien weiteren Untersuchungen zugestimmt hätten. Ob die Prothese also einem der Studenten gehörte oder nicht – beides lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mit Gewissheit sagen.

Angehörige wollen die offizielle Version des Tathergangs nicht akzeptieren

Was bleibt also unter dem Strich von den Vorwürfen der EAAF? Nüchtern betrachtet liefert der Bericht kaum neue Erkenntnisse. Die meisten Anschuldigungen sind weder neu, siehe im Fall der vertauschten DNA-Proben, noch wirklich eindeutig, etwa der Vorwurf der mangelnden Kooperationsbereitschaft der Behörden. Selbst wenn man der Argumentation der Staatsanwaltschaft nicht folgt, steht Aussage gegen Aussage. Letzte Gewissheit, was mit den 43 Studenten passiert ist, dürfte nur eine Analyse der sterblichen Überreste bringen.

Ob es diese Gewissheit jedoch jemals geben wird, ist fraglich. Zuletzt hatte das Labor in Innsbruck erklärt, dass die Wissenschaftler langsam an ihre Grenzen stoßen. Die gefundenen Überreste seien so stark verkohlt, dass sie mit herkömmlichen Analysemethoden nicht zu identifizieren seien. Die Gerichtsmediziner setzen ihre Hoffnung nun in die sogenannte massive parallele Sequenzierung. Bei dieser Technik wird das Genmaterial aufgespalten und geklont. Ein künstlich erzeugter DNA-Strang wird um jeweils einen der vier DNA-Bausteine ergänzt. Entspricht die Sequenz der Vorlage, können die Wissenschaftler dies messen.

Selbst wenn diese Methode neue Erkenntnisse liefert – für die Eltern der ermordeten Studenten dürfte das kaum noch eine Rolle spielen. Den Erklärungen der Staatsanwaltschaft und Regierung schenken sie ohnehin keinen Glauben. Sie hoffen, dass ihre Kinder noch am Leben sind, verschleppt von staatlichen Sicherheitskräften, festgehalten in irgendeinem Keller einer Kaserne in Mexiko.

Der mediale Kampf um die Deutungshoheit im Fall Ayotzinapa geht derweil weiter. Kurz nach Veröffentlichung der Stellungnahme der Staatsanwaltschaft meldete sich Amnesty International zu Wort. „Die Antwort der Staatsanwaltschaft verfehlt auf ganzer Linie, auf die Bedenken der EAAF-Experten zufriedenstellend einzugehen“, schreibt die Menschenrechtsorganisation. Anstatt die Kritik und Empfehlungen der Fachleute anzunehmen, werde „ihre Arbeit und ihr Ruf diskreditiert“. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. (dmz/ds/hl)