Der Benzindiebstahl in Mexiko: Jahrhundert-Coup gigantischen Ausmaßes

Gesehen irgendwo auf dem Land in Puebla: „Gemolkenes“ Benzin am Straßenrand (Foto: unbekannt / Internet)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 8./9. Januar 2019 – Kein Drehbuchschreiber könnte sich sowas ausdenken: Mitarbeiter des staatlichen Ölkonzerns Pemex haben ihren Arbeitgeber jahrelang um Milliarden Einnahmen betrogen. Mitgemacht haben Gewerkschaftsfunktionäre, Unternehmer, lokale Politiker  – und manchmal auch die Mafia.

In mehreren zentralen Bundesstaaten in Mexiko gibt es seit Tagen kein Benzin mehr, auch das Gas wird knapp. Nicht etwa, weil es kein Benzin und kein Gas mehr gäbe. Von beidem gibt es genug in Mexiko. Aber der Benzinklau („huachicol“) hat im vergangenen Jahr mit einem Schaden von etwa 60 Mrd. MXN, umgerechnet etwa 2,7 Mrd. Euro, Ausmaße angenommen, die Mexikos neuen linksnationalen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador zu radikalen Maßnahmen veranlasste.

Eigentlich gab es eine Kriegserklärung mit Ansage, denn schon kurz nach seiner Amtseinführung am 1. Dezember kündigte er an, dass er den Drahtziehern des Benzindiebstahls auf die Schliche kommen werde. Aber es war die Zeit der Posadas, Weihnachtsfeiern und außerdem Ferien. Keiner machte sich so wirklich Gedanken. Nur wenige daheimgebliebene Journalisten hatten die „huachicoleros“ im Kopf und berichteten über die Schließung von Pipelines und Bewachung von Pemex-Anlagen.

Woher das Wort „huachicol“ oder „huachicolero“ (Benzindieb) stammt oder wie es entstanden ist, darüber gibt es keine klaren Erkenntnisse. Es dürfte wohl regionalen Ursprungs sein und steht laut der Tageszeitung „Excélsior“ für etwas Gefälschtes oder minderwertiger Qualität.

Die Bombe platzte dann in den ersten Januartagen, als AMLO, wie der Präsident nach seinen Kürzeln genannt wird, bekanntgab, dass der Benzinklau im großen Stil nicht etwa von der Organisierten Kriminalität mit ihren Pipeline-„Melkern“, sondern von Pemex-Mitarbeitern und -funktionären höchstselbst orchestriert worden sei. „Nur“ 20 Prozent entfielen auf die Organisierte Kriminalität.

Drei Pemex-Mitarbeiter seien festgenommen worden. Ob und wieweit höhere Funktionäre beteiligt waren, ließe sich derzeit noch nicht nachweisen, sagte der Präsident auf einer seiner frühmorgendlichen Pressekonferenzen im Nationalpalast.

Ob er den Krieg gegen die äußerst raffiniert handelnden „huachicoleros“, wie die Benzindiebe in Mexiko genannt werden, gewinnen wird, ist allerdings noch offen, die Verstrickungen reichen bis in höchste Kreise.

Der Präsident veranlasste die Schließung aller Benzin-Pipelines; seit dem 20. Dezember wird Benzin nur noch in Tankwagen ausgeliefert, deren Betankung und Abgabe auf den Milliliter genau kontrolliert werden. Außerdem wurden 4000 Marinesoldaten zur Bewachung der Raffinerien und Benzindepots abgestellt, Mitarbeiter dürfen nicht mehr mit dem Handy telefonieren, damit sie keine Benzindiebe kontaktieren können.

Die Folgen dieser Maßnahmen: In mehreren Bundesstaaten ist das Benzin knapp geworden; erst wurde es rationiert, dann mussten Tankstellen ganz schließen. Betroffen waren zunächst Guanajuato, Jalisco, Querétaro, Hidalgo, Puebla, Estado de México und Tamaulipas. An diesem Dienstag ging nach und nach auch Tankstellen in Mexiko-Stadt das Benzin aus, so in den Bezirken Iztapalapa, Cuajimalpa, Cuauhtémoc, Venustiano Carranza und Coyoacán, meldete die Tageszeitung „Milenio“ in ihrem Online-Dienst.

103 Tankstellen in den betroffenen Bundesstaaten haben in den ersten Tagen des neuen Jahres ihre Konzession verloren, weil sie gestohlenes Benzin verkauft haben. Die Besitzer sind nach Angaben von diversen Medien schwerreiche Unternehmer, die enge Freundschaften mit hochrangigen Politikern gepflegt haben.

In diesem Zusammenhang wurde bereits im vergangenen Jahr mehrfach der ehemalige Gouverneur von Puebla und Senator der PAN-Partei, Rafael Moreno Valle, genannt. Er kam am 24. Dezember zusammen mit seiner Frau und Nachfolgerin Martha Erika Alonso bei einem Hubschrauberabsturz bei Puebla ums Leben. Die Unfallursache ist noch nicht geklärt. Der Bundesstaat Puebla gilt als eine der Hochburgen der Benzindiebe.

Pemex und die Mafia am Golf von Mexiko

Der Benzindiebstahl ist in Mexiko keinesfalls neu. Bereits während der Regierungszeit der konservativen PAN-Politiker Vicente Fox (2000-2006) und Felipe Calderón (2006-2012) wurde über Benzindiebstahl berichtet, der größte Teil sei allerdings während der Regierung von AMLOs Vorgänger Enrique Peña Nieto (2012-2018) verübt worden. Der zwischen 2012 und 2013 aufgelaufene wirtschaftliche Schaden bei Pemex belaufe sich auf 200 Mrd. MXN, umgerechnet etwa 9,4 Mrd. Euro. Zahlreiche Fälle seien zwar angezeigt worden, allerdings hätten die ermittelnden Behörden kaum oder gar nicht reagiert, schreibt dazu die linke Wochenzeitschrift “Proceso“.

Die spanischsprachige Ausgabe von „Newsweek“ berichtete bereits Ende Oktober von Benzindiebstahl gigantischen Ausmaßes am Golf von Mexiko, an dem neben Pemex-Mitarbeitern auch Schifffahrtsunternehmen und andere Dienstleister beteiligt seien. Hier operiere die organisierte Kriminalität mit national und international vernetzter Logistik und modernsten Ausrüstungen. Etwa 90 Schiffe, die zwischen Tamaulipas und Campeche verkehren, seien involviert.  Bei jedem „Überfall“, berichtete „Newsweek“ weiter, würden zwischen 600.000 und 800.000 Liter abgezapft. Das gestohlene Benzin werde nicht nur in Mexiko, sondern auch ins Ausland verkauft. Das damit erwirtschaftete Geld werde in branchenfremde Unternehmen und Projekte investiert und damit gewaschen. Eine Untersuchung dazu, die noch von der Regierung Peña Nieto veranlasst worden sei, sei aber nicht weitergeführt worden, so „Newsweek“.

Bisher ist nicht bekannt, ob auch ein Gewerkschaftsfunktionär festgenommen wurde. Die Tage des jahrzehntelangen Gewerkschaftsführers Carlos Romero Dechamps dürften trotzdem gezählt sein. In seiner Funktion als Gewerkschaftsboss hat er immense Reichtümer angehäuft und gilt als einer der korruptesten Funktionäre in Mexiko. Als Mitglied der alten Regierungspartei PRI, für die er sogar im Senat saß, galt er bisher jedoch als unantastbar.

Vom Ex-Präsidenten Peña Nieto (PRI) ist seit dem 1. Dezember nichts mehr zu hören, was in Mexiko niemanden wundert. Und von Romero Dechamps? Der hat erst an diesem Mittwoch verlauten lassen, dass er die Maßnahmen des Präsidenten unterstütze. (dmz/hl)

 




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