Die Benzindiebe von Mexiko: Das raffinierte System der „Huachicoleros“

Sogenannte „Melker“ bei der Arbeit (Foto: eldebate.com.mx)

Mexiko-Stadt, 9. Januar 2019 – Mexiko hat hervorragende Ingenieure und Baumeister; die vielseitige Kreativität der Mexikaner wird immer wieder hochgelobt. Im Fall der „huachicoleros“ genannten Benzindiebe hat sich diese technische Finesse mit schier unglaublicher krimineller Energie gepaart.

Die Drahtzieher des gigantischen Benzinsklaus bei der staatlichen Erdölgesellschaft Pemex entwickelten ein ausgeklügeltes System, um ihren Arbeitgeber jahrelang im großen Stil zu betrügen. Dafür brauchten sie in den Raffinerien und Benzindepots ein Netzwerk von Kollegen – vom Kontrolleur der Monitore, der die Ladung der Tankwagen überwacht bis zum Ladegehilfen und Chauffeur –, die bereitwillig mitgemacht haben, um ihr Gehalt aufzubessern.

Die Tankstellen schicken ihre monatliche Bestellung an Pemex, das Volumen richtet sich nach der durchschnittlichen Abgabe an die Verbraucher. Bezahlt werden müssen die Tankwagen, deren Fassungsvermögen bei 15.000 Litern liegt, einen Tag vor Lieferung, über ein definiertes Konto, das bei Pemex registriert sein muss. Zahlreiche Tankstellen-Pächter aus mehreren zentralen Bundesländern von Mexiko bestellten mehr als die Hälfte weniger Benzin als sie  brauchten; den Rest bekamen sie zwar auch von Pemex, aber gegen Bargeld oder Einzahlungen auf Konten der Benzindiebe.

In den Benzin-Depots, in denen die Tanklaster gefüllt werden, wurden die Messgeräte und Kontrollmonitore von Komplizen überwacht und so manipuliert, dass nur die Hälfte des gelieferten Benzins registriert und abgerechnet, tatsächlich aber doppelt so viel geliefert wurde. Der Pächter kaufte das auf diese Weise gestohlene Benzin zuletzt zum Preis von  14 Pesos ein und verkaufte es zum offiziellen Preis an der Säule von derzeit um die 21 Pesos/l an die Verbraucher. Ein Wahnsinnsgeschäft.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Tankstellen in Guanajuato, Jalisco, Querétaro, Hidalgo, Puebla, Estado de México und Tamaulipas zuerst der Sprit ausging. Als der Pemex-interne Betrug Anfang vergangener Woche aufflog, erhielten die involvierten Pächter nur die Hälfte des Benzins geliefert, entsprechend ihrer Vorbestellung. Den Rest bekamen sie nun nicht mehr und die Kunden machten lange Gesichter, die Krise begann. Die Pemex-Kontrolleure konnten so leicht die Betrüger unter den Pächtern ermitteln und ihnen die Konzession entziehen – innerhalb der ersten Tage 103.

Dass nun auch an Tankstellen im restlichen Land das Benzin knapp wird, liegt an dem von AMLO verfügten Schritt zurück in die Vor-Pipeline-Ära. Wann die Benzin-Pipelines wieder geöffnet werden, ist noch nicht klar.

Täglich sollen neun Millionen Liter Benzin gestohlen worden sein, das entspricht 600 Tankwagen. Pemex-Mitarbeiter informierten auch sogenannte „Melker“, wann der Druck in den Pipelines soweit abnahm, dass sie die Leitung anzapfen konnten.

Zahlreiche von Landwirtschaft geprägten Regionen leben von den „Huachicoleros“. Ihre Depots findet man in Hinterhöfen und an Straßenständen, wo sich unter den Augen der Polizei Busfahrer, Transportunternehmer und Taxifahrer mit Benzin eindecken, berichtet der renommierte Journalist Carlos Ferreyra auf Facebook.

Die vergangenen Schießereien zwischen Militär und Bewohnern einer Region in Puebla, die „ihre Rechte am Benzinklau“ verteidigen, zeigten, dass nicht nur Funktionäre des öffentlichen Dienstes die Urheber dieses Diebstahls unter den Augen der Öffentlichkeit sind, so Ferreyra.  Er hält es für fast unmöglich, diese über Jahre anhaltenden „Praktiken“ zu stoppen. (dmz/hl)




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