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Panorama

Die neue Festnahme von „El Chapo“: Zufall oder gutes Timing?

Mexiko-Stadt, 8. Januar 2015 – Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Der meistgesuchte Drogenhändler und Ausbrecherkönig Mexikos ist wieder geschnappt worden. Nach seiner filmreifen Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altíplano im zentralen Mexiko spielte Joaquín „El Chapo“ Guzmán 181 Tage lang Katz und Maus mit seinen Verfolgern. War das plötzliche Ende seiner Flucht eher ein Zufall – oder doch nicht? Von Herdis Lüke

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 „El Chapo“ Guzmán nach seiner Festnahme im Zimmer eines Motels in Los Mochis (Foto: almomento.mx)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 8. Januar 2015 – Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Der meistgesuchte Drogenhändler und Ausbrecherkönig Mexikos ist wieder geschnappt worden. Nach seiner filmreifen Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altíplano im zentralen Mexiko spielte Joaquín „El Chapo“ Guzmán 181 Tage lang Katz und Maus mit seinen Verfolgern. War das plötzliche Ende seiner Flucht eher ein Zufall – oder doch nicht? 

Nichts deutete an diesem Freitagmorgen daraufhin, was sich hinter der in Mexiko schon alltäglichen Nachricht verbergen sollte. Bei einer Operation von Polizei und Marine in Los Mochis in Sinaloa sei es zu einer Schießerei gekommen. Fünf Tote, ein Verletzter, sechs Festnahmen, außerdem mehrere Autos und Waffen beschlagnahmt. Gegen Mittag dann die persönliche Nachricht via Twitter von Mexikos Präsidenten Enrique Peña Nieto: „Mission erfüllt: Wir haben ihn. Ich möchte den Mexikanern mitteilen, dass Joaquín Guzmán Loera festgenommen wurde. Meine Anerkennung gilt dem Sicherheitskabinett der Regierung für diesen wichtigen Erfolg für den mexikanischen Rechtsstaat.“

Beim Treffen der mexikanischen Botschafter und Konsuln im Außenministerium überbrachte  Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong im Beisein von Verteidungsminister General Salvador Cienfuegos Zepedaque  und Marineminister Admiral Vidal Francisco Soberón Sanz, die frohe Botschaft, die er kurz zuvor durch einen Anruf von Peña Nieto erhalten hatte. Er erntete donnernden Applaus und Jubelrufe der Diplomaten, Außeninisterin Claudia Ruiz Massieu fiel ihm in die Arme, am Ende wurde die Nationalhymne gesungen. Ein Freudentaumel, der die Schwere der zuvor durch die Flucht Guzmáns erlittene Schmach erahnen lässt.

Aus allen politischen Ecken und jedem Winkel Mexikos hagelte es Lob für den gelungenen Coup, sogar von der Opposition, Glückwünsche aus dem Ausland, die Nachricht in den Schlagzeilen rund um den Globus. Die ersten Fotos der Festnahme des legendären Drogenbarons sickern durch: Auf dem einen sitzt ein etwas ramponiert ins Leere starrender Guzmán in ziemlich dreckigem Unterhemd in Handschellen auf der Kannte eines ungenutzen Hotelbettes; ein anderes zeigt ihn recht entspannt neben einem weiteren Festgenommen im Fonds eines Autos sitzen. Sondersendungen im Fernsehen wiederholen ständig die selben beiden Bilder, Reporter berichten von dem Coup, begleitet im Hintergrund von Aufnahmen mit  Marinesoldaten, die eine Straße überqueren und einem Hubschrauber, der am Himmel kreist. Dazwischen immer wieder die Bilder von der Überführung von „El Chapo“ nach Mexiko-Stadt und ins Hochsicherheitsgefängnis Altíplano nach seiner Festnahme im Februar 2014.

Angesichts dieser Bilder fiel es manchem zunächst  schwer, die Nachricht zu glauben. In den sozialen Medien und Kommentaren zu den Meldungen empörten sie sich über  „das Ablenkungsmanöver“ der Regierung, sprachen von Fotomontagen und „gestellten“ Szenen. Alles wurde für möglich gehalten – nur die Festnahme nicht. Mit der Nachricht sollte von den wahren Problemen nur abgelenkt werden, von der Peso-Abwertung, der Armut, den fehlenden Arbeitsplätzen, den unzureichenden Bildungsangeboten. Weiteres Argument: “Seit Wochen herrschte Funkstille über El Chapo. Komisch…”, sagte ein Taxifahrer. Vom Volk erntete der Präsident Schmach und Kritik.

Facebook wurde überschwemmt mit sogenannten Memes,  jenen karikierenden Fotomontagen mit Kommentaren, mit denen in Mexiko mit viel Witz und Kreativität besondere Ereignisse und Menschen aufs Korn genommen werden. So auch alles rund um „El Chapo“.  

Beliebtestes Opfer für Memes ist im Fall “El Chapo” Präsident Enrique Peña Nieto. Hier fragt er: “Wo sollen wir El Chapo unterbringen?”

Ab durch die Kanalisation…

Erst am späten Freitagabend rückten Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong, Generalstaatsanwältin Arely Gómez und Verteidigungsminister Cienfuegos mit den Details der Festnahme raus:  Am Morgen geht ein anonymer Hinweis ein, dass sich in einem Haus in einem Wohnviertel im Norden der Stadt schwer bewaffnete Personen aufhalten. Als Polizei und Militär anrücken, werden diese aus dem Haus heraus angegriffen. Beim Schusswechsel werden fünf Männer getötet und ein Angehöriger der Sicherheitsskräfte verletzt. Sechs Personen wurden festgenommen sowie mehrere Fahrzeuge, darunter auch zwei gepanzerte, und schwere Waffen beschlagnahmt.

15 Aufragsmörder seien in dem Haus gewesen, unter ihnen „El Chapo“ und sein Sicherheitschef Orso Iván Gastélum Cruz, alias ‘El Cholo Iván’, der auch als Chef der Truppe der Auftragsmörder des Sinaloa-Kartells gilt.

Beide können jedoch flüchteten – in die Kanalisation. An einer Kreuzung steigen sie aus, zwingen einen Mann aus seinem Fahrzeug und setzen damit ihre Flucht fort. Schließlich erreichen sie ein Motel in der Nähe des internationalen Flughafens von Los Mochis, wo sie das Auto auf dem Hof parken. Das Hotel, so berichtet eine Angestellte abends in der Televisa-Nachrichtenschau mit Joaquín López Dóriga, sei evakuiert und Guzmán zusammen mit seinem engsten Mitarbeiter und Freund festgenommen worden. Vier Stunden hätten sie in dem Zimmer verbracht, auf dem noch Spuren der schlammigen Schuhe auf dem Boden und der Hosen vom Chapo auf der Überdecke des Hotels zu sehen waren.

Am späten Freitagabend, rechtzeitig zur Pressekonferenz im Hangar der Generalstaatssanwaltschaft am Internationalen Flughafen von Mexiko-Stadt, wurde „El Chapo“ medienwirksam den Kameras präsentiert: mit gesenktem Kopf, wird er von Soldaten zu einem Hubschrauber geführt. Der brachte ihn dahin zurück, wo er vor 181 Tagen über einen mit allen technischen Rafinesse gebauten Tunnel entfloh: Ins Hochsicherheitsgefängnis El Altíplano. Ob er wieder in einer Zelle im Keller untergebracht wird, wurde nicht mitgeteilt.

„Also gut“, meinte eine mexikanische Unternehmerin im Gespräch mit der DMZ, „da haben sie ihn also wieder. Aber ich wette, die haben ihn schon vorher gehabt und das nur geheimgehalten, bis Weihnachten, Neujahr und die Heiligen Drei Könige vorbei sind. Das ist wieder so ein Spielchen der Regierung. Die will uns nur wieder ablenken von den Problemen… die haben den Zeitpunkt ganz genau ausgewählt!“ Sie ist nicht die einzige, die felsenfest davon überzeugt ist. (dmz/hl)

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