„Lebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück“

 

Ein Demonstrant schwenkt die mexikanische Flagge auf dem Zócalo in Mexiko-Stadt (Foto: Víctor Camacho / La Jornada)

Mexiko-Stadt, 26. Januar 2015 – Vier Monate sind seit dem Massaker an den verschleppten Studenten in Guerrero vergangen. Wie tief das Verbrechen die Menschen immer noch bewegt, hat sich heute gezeigt. Im ganzen Land gab es Protestmärsche. Den Erklärungen der Behörden vertraut kaum einer mehr.

Auf den Tag genau vier Monate sind seit dem brutalen Massaker an den verschleppten Studenten in Guerrero vergangen. Wie tief das Verbrechen die Menschen in Mexiko immer noch bewegt, hat sich heute erneut gezeigt. Im ganzen Land – von Chiapas, Guerrero bis Baja California – versammelten sich Demonstranten zu Protestmärschen, um auf das Schicksal der jungen Leuten aufmerksam zu machen.

Alleine in der Hauptstadt zogen laut Polizeiangaben etwa 13.000 Menschen über die Paseo de la Reforma zum zentralen Platz Zócalo im historischen Zentrum. „Lebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück“, skandierten Angehörige, Kommilitonen und Sympathisanten.

Mehrere Zeitungen begleiteten die Geschehnisse in Mexiko-Stadt seit den Morgenstunden mit einem Live-Blog, etwa La Jornada und der Excelsior.

Angehörige machen Militär für die Ermordung verantwortlich

„Wir haben kein Vertrauen in die Ermittlungsergebnisse der Behörden. Soldaten und Polizisten haben die jungen Leute entführt“, sagte die mexikanische Studentin Andrea der Nachrichtenagentur dpa. „Die Sicherheitskräfte haben eine Geschichte der Unterdrückung sozialer Bewegungen. Die Studenten waren der mexikanischen Oligarchie ein Dorn im Auge.“

Am Unabhängigkeitsdenkmal in Mexiko-Stadt spannten die Demonstranten ein Transparent mit der Aufschrift „Streitkräfte – Mörder der 43“ auf. Sie trugen Plakate mit den Fotos des verschleppten Studenten bei sich und skandierten: „Warum tötet ihr sie, wenn sie doch die Hoffnung Lateinamerikas sind?“

Zugleich beklagten die Demonstranten auch „die Entführungen und Ermordungen von Journalisten“ in Mexiko. Erst heute war bekannt geworden, dass der vermisste Journalist Moisés Sánchez in Veracuz getötet wurde, vermutlich auf Anweisung des lokalen Bürgermeisters.

Staatsanwaltschaft weist Vorwürfe der Angehörigen zurück

Die Staatsanwaltschaft macht als Hauptverdächtige im Fall Iguala den Ex-Bürgermeister, José Luis Abarca, sowie seine Frau María de los Ángeles Pineda Villa für die Morde verantwortlich. Beide wurden bereits angeklagt und sitzen in Haft. Insgesamt wurden bislang 98 Personen in dem Fall festgenommen, darunter viele Gemeindepolizisten.

Die Vorwürfe der Angehörigen, dass auch das Militär in die Tat verstrickt sei, hatte der Chefermittler Tomás Zerón zuletzt auf einer Pressekonferenz erneut zurückgewiesen. Aus keiner der Aussagen in den Ermittlungen gehe hervor, dass Teile der Streitkräfte in die Vorfälle verwickelt seien, so der Staatswalt.

Nach Recherchen der Zeitung „Milenio“ wussten die Streitkräfte jedoch zumindest von den Vorfällen in Iguala im September. Allerdings griffen sie nicht ein, weil sie nicht um Unterstützung gebeten wurden. Auch die in Guerrero stationierte Bundespolizei reagierte demnach nicht.

Leichname werden vielleicht nie identifiziert

Am 26. September hatten Polizisten im Bundesstaat Guerrero 43 Studenten des linken Lehrerseminars Ayotzinapa entführt und sie der kriminellen Organisation „Guerreros Unidos“ übergeben. Mehrere Bandenmitglieder räumten inzwischen ein, die jungen Leute getötet und verbrannt zu haben. Zuletzt hatte der als „El Cepillo“ bekannte Killer erklärt, mindestens 15 Studenten erschossen zu haben. 25 weitere seien an Erstickung gestorben.

Gerichtsmediziner der Universität Innsbruck konnten bislang lediglich eines der Opfer identifizieren. Vergangenen Dienstag hatten die Mediziner mitgeteilt, dass die gefundenen Leichenteile so stark verbrannt seien, dass man sie mit herkömmlichen Methoden nicht identifizieren könne. Die letzte Hoffnung der Experten ist nun die sogenannte massive parallele Sequenzierung. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass die Proben der Genanalyse ohne Ergebnis vernichtet werden.

In Ayotzinapa werden vor allem Studenten aus armen Indio-Familien zu Lehrern ausgebildet. Die Hochschule ist bekannt für ihren politischen Aktivismus. Die Studenten besetzen beispielsweise immer wieder Mautstationen an Autobahnen und verlangen Geld für den Unterhalt des Seminars. (dmz/ds/hl mit Material von dpa)