Lokaler Chefredakteur von „El Mañana“ entführt und bedroht

 

Der Leiter der “El Mañana”-Lokalausgabe von Matamoros, Enrique Juárez Torres, in seinem Büro (Foto: elmanana.com)

von Daniel Schlicht

Matamoros, 6. Februar 2015 – Die Gewalt in Tamaulipas trifft auch den Journalismus: Wegen der Berichte über Bandenkämpfe in der Region ist ein leitender Redakteur von „El Mañana“ selbst ins Visier der Gangster geraten. Unbekannte entführten ihn und drohten ihm mit dem Tod. Der Chef der Zeitung klagt: Die Pressezensur durch Kriminelle in Mexiko wird schlimmer.

Die Wahrheit ist das erste Opfer eines jeden Krieges. Das trifft auch auf Mexikos Kriege zwischen Banden, Kartellen und Sicherheitskräften zu. In den Gegenden, in denen der Staat quasi die Kontrolle verloren hat und die Kartelle de facto die Macht innehaben, gibt es schon längst keine freie Berichterstattung mehr. Im Pressefreiheitsranking der Reporter ohne Grenzen ist Mexiko in den letzten zehn Jahren von Platz 74 auf Platz 152 abgestürzt.

Wie verletzlich die Freiheit der Presse in Mexiko ist, musste die Zeitung „El Mañana“ in Tamaulipas gerade erst erfahren. Seit Tagen berichten die Journalisten dort ausführlich über die Gewalt, die am vergangenen Wochenende in dem nordöstlichen Bundesstaat neu entbrannt war. Bandenmitglieder blockieren Straßen, plündern und liefern sich Gefechte mit Polizisten. Mindestens 14 Verdächtige kamen dabei bislang ums Leben.

Wegen genau dieser Berichterstattung geriet der Chefredakteur der Lokalausgabe von „El Mañana“ in Matamoros nun selbst ins Visier der Gangster. Bewaffnete überfielen Enrique Juárez Torres in seinem Redaktionsbüro, zerrten ihn in einen Geländewagen und misshandelten ihn, wie die Zeitung schreibt.

Gegen 16 Uhr am Mittwochnachmittag betraten drei bewaffnete Männer das Verlagsgebäude und fragten nach dem Chefredakteur, wie „El Mañana“ schreibt. Zwei von ihnen verschafften sich daraufhin Zugang zu seinem Büro im zweiten Stock. Alarmiert vom Wachpersonal wollte dieser die Angreifer zunächst mit einem Messer abwehren, wurde aber von ihnen überwältigt. Anschließend zwangen sie ihn, das Gebäude zu verlassen und in einen Van zu steigen.

„Wir werden dich fertigmachen“

Während der Fahrt musste Juárez Torres Schläge auf Bauch und Kopf ertragen. Dabei warfen die Angreifer ihm vor, für die Berichterstattung über die jüngste Gewalt und Straßenblockaden in der Region verantwortlich zu sein und drohten ihn umzubringen, falls er damit nicht aufhöre. „Wir werden dich fertigmachen“, soll einer von ihnen gedroht haben. Kurze Zeit später ließen die Angreifer ihn jedoch wieder frei.

Am gleichen Morgen war bereits ein Lieferwagen mit Exemplaren der Zeitung bei einer Straßenblockade abgefangen worden. Unbekannte stoppten den Wagen auf der Autobahn zwischen den Grenzstädten Reynosa und Matamoros und zwangen den Fahrer, das Fahrzeug zu verlassen. Es wurde später auf einem Abhang gefunden.

Die Geschäftsführung der Zeitung informierte die Regierung von Tamaulipas über beide Fälle. Staatssekretär Herminio Garza Palacios sicherte den Angestellten Personenschutz zu und verständigte die Generalstaatsanwaltschaft (Procuraduría General de la República) über das Attentat auf den leitenden Redakteur. Diese hat die Ermittlungen aufgenommen.

Chefredakteur beklagt Pressezensur durch Kriminelle

Nach Bekanntwerden der Ereignisse bei „El Mañana“ empörten sich landesweit mexikanische Medien über den erneuten Angriff auf die Pressefreiheit. Dass derartige Angriffe jedoch nicht spurlos am Journalismus vorbeigehen, zeigte sich bereits wenige Stunden nach den Vorfällen in der Redaktion von „El Mañana“. Wie der Chefredakteur in Tamaulipas, Hildebrando Deándar, bekannt gab, kündigten mehrere Mitarbeiter des Blattes ihren Job. Verwaltungsangestellte, Reporter und die stellvertretende Chefredakteurin hätten die Zeitung auf eigenen Wunsch verlassen, sagte er im Radio Fórmula. „Das heißt für uns: Recherche mit noch weniger Personal. Wir sind fast alleine.“

Zur Situation des Journalismus in Mexiko fand Deánder offene Worte: „Es gibt eine Pressezensur durch Kriminelle“. In den letzten Jahren habe es bereits mehrere Einschüchterungsversuche gegen sein Blatt gegeben, was die Berichterstattung immer schwieriger mache. „Selbst wenn wir nur die Fakten veröffentlichen, ist das problematisch“, sagt er. Bei anderen Zeitungen sehe es ähnlich aus. Viele Kollegen hätten deshalb bereits ihre Berichte zu kritischen Themen reduziert oder ganz eingestellt. „Wir waren bereits gewarnt worden, zwei Mal. Dieses war die dritte Warnung.“

Dass diese Drohungen ernst zu nehmen sind, hatte sich vor wenigen Wochen in Veracruz abermals bestätigt. Der Journalist Moisés Sánchez Cerezo berichtete für die Wochenzeitung „La Unión“ über Behördenkriminalität und Gewalt in der Region. Dem Bürgermeister von Medellín war dies ein Dorn im Auge. Als Sánchez sich weigerte, die unerwünschten Recherchen zu unterlassen, ließ er den Journalisten umbringen.

„El Mañana“ will jedoch vorerst nicht klein beigeben. Am heutigen Freitag berichtete die Zeitung erneut über Straßenblockaden von Banden auf der Landstraße zwischen Matamoros und Ciudad Victoria. (dmz/ds/hl)