Mexiko: Eine Katastrophe mit Ansage – Tote und Verletzte nach Benzindiebstahl

Aus mehreren Dörfern kamen die Bewohner, um die angezapfte Benzin-Pipeline zu „melken“ (Foto: Excélsior)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 19. Januar 2019 – Es war ein Inferno unbeschreiblichen Ausmaßes.  Mindestens 71 Tote und mehr als hundert Verletzte forderte die Explosion einer Pipeline am frühen Freitagabend beim Dorf Tlalehuilpan im Bundesstaat Hidalgo im Zentrum von Mexiko.

Die Videos, die am Abend Zeugen der Katastrophe von ihren Smartphones in den sozialen Medien verbreitet haben, zeigen ein surreales Szenario: In Massen strömen Bewohner umliegender Dörfer mit Kanistern und 20-Liter-Plastikflaschen zu einer nahen Pipeline, die zuvor „angestochen“ worden war. In riesigen Fontänen schießt Benzin aus der Leitung.

Es war eine Katastrophe mit Ansage, und symptomatisch für das Land, in dem große Teile des Volkes keinen Respekt vor Militär und Polizei, vor dem Staat überhaupt haben. Und diese Katastrophe markiert den bisherigen Höhepunkt der der Benzinkrise, die Mexiko gerade durchmacht.

Am Samstagmorgen berichten Präsident Andrés Manuel López Obrador und der Gouverneur von Hidalgo, Omar Fayad, vor der Presse, wie es zu der Katastrophe kam. Danach meldete der staatliche Ölkonzern Pemex um 16:20 Uhr den Behörden, dass die Leitung Tuxpan-Salamanca bei Tlalehuilpan angezapft wurde. Kurz nach 17:00 Uhr seien Polizei und Militär vor Ort gewesen und hätten versucht, die Benzindiebe von der Gefahr zu überzeugen, in die sie sich brachten, und forderten sie auf, sich in Sicherheit zu bringen.

Stattdessen begegneten sie den Soldaten und Polizisten mit Aggressionen und Beleidigungen und machten einfach weiter.  Auf einem Video ist zu hören, wie ein „huachicolero“, wie ein Benzindieb genannt wird, stolz in ihre Richtung ruft: „Hier sind wir, Arschlöcher…“ („Aquí estamos, putos…“). Während sich Militär und Polizei nach und nach zurückziehen, machen die Benzindiebe, darunter Frauen und Kinder, unbeirrt weiter, man sieht sie hin- und herlaufen mit Kanistern, Flaschen, Schüsseln, Kannen, manche vor Stolz und Freude tanzend, dass sie ein paar Liter erhaschen konnten. Sie waren pitschnass vom Benzin, das auf sie prasselte. Ein bizarrer Anblick.

Rund 600 Menschen waren organisiert herangekarrt worden, um Benzin zu stehlen, berichtete Verteidigungsminister Luis Cresencio Sandoval. Viele von ihnen nahmen das Geschehen mit ihren Smartphones auf und lachten. Um 19:10 Uhr explodiert die Leitung am Leck. Rund 20 Meter hohe Flammen schießen in den Himmel, kilometerweit sollen sie zu sehen gewesen sein. Im Umfeld verbrennen die Weideflächen, über die die Menschen zu fliehen versuchen. Auf den Aufnahmen sind zahlreiche lebende Fackeln zu sehen; „Werft euch hin, werft euch hin“, rufen ihnen Zeugen zu. Viele wissen offenbar nicht, wie man Flammen am Körper löscht. In ihrer von Benzin durchgesogenen Kleidung rennen viele weiter, schreiend, um Hilfe rufend, bis sie umfallen. Überall sind fackelnde Häuflein zu sehen.

Die Bilder sind entsetzlich. Zu spät kam der Aufruf der Behörden, sie nicht weiter über Internet und Fernsehen zu verbreiten und die Opfer mit Respekt zu behandeln.

Zwei Stunden dauerte es, bis Feuerwehr und Spezialeinheiten die Flammen löschen könnten. Rettungshubschrauber aus Mexiko-Stadt flogen die Schwerstverletzen in Krankenhäuser der Hauptstadt, viele von ihnen haben Brandwunden dritten Grades. Die Todeszahl kann immer noch steigen.

Die Pipeline sollte dieser Tage wieder geöffnet werden. Sie sei seit dem 23. Dezember geschlossen gewesen.  Man sei gerade erst dabei gewesen, sie wieder zu füllen, sagte Pemex-Direktor Octavio Romero, am Sonnabend. Diese Pipeline transportiere täglich 70.000 Barrel (ein Barrel sind knapp 159 Liter) und versorge Guadalajara, Morelia und León mit Benzin.

Der neue Generalstaatsanwalt von Mexiko, Alejandro Gertz, der erst in diesen Tagen in sein Amt gewählt wurde, erklärte, dass die Ermittlungen aufgenommen wurden, die zu den oder dem Schuldigen für die Katastrophe führen sollen. Es sei offensichtlich, erklärte er, dass die Leitung absichtlich perforiert wurde. (dmz/hl)




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