Mexikos Präsident: Wir wollen Frieden, keine Capos

Das ausgehobene Verteilerzentrum in Guanajuato (Foto: SEMAR)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 31. Januar 2019 – Mexikos linker Präsident Andrés Manuel López Obrador will keine Drogen- oder Benzin-Kartellbosse mehr jagen. „Wir sind nicht an den Bossen der Kartelle interessiert, sondern wollen die öffentliche Sicherheit gewährleisten“, unterstrich „AMLO“ auf seiner frühmorgendlichen Pressekonferenz am Mittwoch  im Nationalpalast in Mexiko-Stadt.

Das Ziel seiner Regierung sei, die Zahl der Morde, Raubüberfälle und Diebstähle zu senken und dass es keine Entführungen mehr gibt. „Das ist das Wichtigste, nicht das Spektakuläre. Man hat viel Zeit damit verloren und nichts dabei erreicht“, sagte der linksnationale Politiker zum jahrelangen Krieg seiner Vorgänger gegen die Organisierte Kriminalität, der Zigtausenden Menschen das Leben gekostet hat. „Offiziell gibt es keinen Krieg, wir wollen Frieden und wir werden ihn erreichen.“

So gehe es beim Kampf gegen den Benzindiebstahl (huachicoleo) nicht darum, „die Köpfe der Banden zu schnappen, sondern die Benzinleitungen zu orten, die illegal angezapft werden und das Vertriebssystem zu modifizieren“, erläuterte der Präsident seine Strategie. In den ersten Januartagen waren die wichtigsten Benzinleitungen des Landes geschlossen und der Vertrieb auf Tankwagen umgestellt worden. Das hatte in mehreren Bundesstaaten zu gravierender Benzinknappheit geführt. Der Regierung und dem staatlichen Ölkonzern Pemex zufolge ist der Benzindiebstahl seit Anfang Dezember von durchschnittlich 71.000 Barrel (1 Barrel = 159 Liter) täglich im vergangenen Jahr auf jetzt 3.000 Barrel zurückgegangen. Festgenommen wurden in der Zeit etwa zehn Personen, davon drei bei Pemex. Die großen Köpfe dahinter sind noch frei.

Nach der verheerenden Explosion einer Benzinleitung in Hidalgo am 18. Januar, hatte López Obrador ein Milliarden Pesos schweres Hilfsprojekt für die Orte angekündigt, die entlang den Pipelines im Land liegen. Damit sollen die Bewohner davon abgehalten werden, Benzinleitungen anzuzapfen. Laut AMLO seien dies keine Verbrecher, sondern Menschen, die in Armut lebten und sich durch Benzindiebstahl ernähren. Strafverfolgung sei keine Lösung. Bei der Katatstrophe kamen 79 Menschen sofort ums Leben, von den etwa 100 Überlebenden sind bisher48 an ihren schweren Verletzungen gestorben. Damit hat sich die Zahl der Toten auf 118 erhöht.

Drohungen gegen den Präsidenten

Ob seine Strategie zum Erfolg führen wird, ist eine andere Frage. An diesem Donnerstagmorgen wurde in der Nähe der Raffinerie von Salamanca eine Leinwand mit einer Warnung an AMLO entdeckt, angeblich von einem Benzin-Kartell. In der Nähe stand  ein Fahrzeug mit einer Bombe, die sich jedoch als Attrappe erwies, teilten die Behörden mit. Nähere Angaben dazu wurden nicht gemacht.

Täglich gibt es Nachrichten von angezapften Leitungen. Benzindiebe (huachicoleros) lassen sich von der Explosion und deren entsetzlichen Bildern offensichtlich nicht abschrecken, zu groß sind die Gewinne. In Hidalgo ist unweit von Tula in dieser Woche eine weitere Leitung explodiert, die angezapft worden war. Drei Benzindiebe wurden dabei getötet. Allerdings halten sich die Bewohner von den Leitungen wohl zurück. Ihnen sitzt der Schock noch in den Gliedern. Vergangene Woche wurde in Hidalgo bereits ein riesiges unterirdisches Benzindepot mit zigtausenden Litern von der Marine entdeckt und ausgehoben, dieser Tage auch in Azcapotzalco, einem Vorort von Mexiko-Stadt, wo früher eine Raffinerie stand. Von einem Lagr führte ein Tunnel zu der Pipeline.

Aber jetzt ist es nicht der Staat, der gegen die „huachicoleros“ Krieg führt, sondern sind es die „huachicoleros“ gegen den Staat. Im Ort Salvador Torrecillas im Bundesstaat Guanajuato entdeckte die Marine am Dienstag ein gigantisches Benzinlager bei einer angezapften Leitung, offensichtlich ein großangelegtes Verteilerzentrum.

Bei dem Zugriff wurden unter anderem elf leere und acht volle Tankwagen (Kapazität jeweils 15.000 Liter) und 14 für den Transport von riesigen Benzinkanistern bereitstehende Lkw beschlagnahmt, aber nur eine Person festgenommen. Etwa 100 Bewohner des Orts protestierten umgehend gegen die Operation des Militärs, sie zündeten Reifen und Fahrzeuge sowie Weideflächen im Umfeld des Lagers an und blockierten damit zunächst Zufahrtsstraßen nach Salvador Torrecillas, später unter anderem auch die Autobahn zwischen Celaya und Salamanca und die Panamericana – wie zu den „besten“ Zeiten des Drogenkriegs in Jalisco. Nach Angaben des Marineministers, Admiral José Rafael Ojeda, operierte von hier aus das Kartell Santa Rosa de Lima mit 40 Tankwagen. Entdeckt worden sei das Lager bei Aufklärungsflügen.

„Wir dürfen keine Komplizen sein“

Beirren lässt sich der Präsident von den Protesten nicht. Das gehöre eben zum Kampf gegen den Benzindiebstahl, sagte „AMLO“, der nicht müde wird zu wiederholen, dass die Mexikaner gute Menschen seien. Die Ursache allen Übels sieht er nach wie vor in der Armut, die er bekämpfen will. Er rief die Bevölkerung von Guanajuato und dem ganzen Land dazu auf, die Kriminellen nicht zu schützen und die Taten nicht zu tolerieren. López Obrador: „Wir dürfen keine Komplizen sein.“

Die Bundesstaaten Hidalgo, Guanajuato und Puebla liegen im zentralen Mexiko und sind die Schwerpunkte des Benzindiebstahls durch das „Melken“ von Pipelines. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf See im Golf von Mexiko. Am Mittwoch hat hier die Marine zwei Tanker beschlagnahmt, bei denen Benzin illegal in Ballasttanks umgeleitet wurde – zum illegalen Weiterverkauf. Die Tanker waren auf dem Weg von den Ölfeldern im Meer vor Campeche zum Hafen Dos Bocas in Tabasco. Beide Kapitäne wurden festgenommen.  (dmz/hl)




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