Ermittler wollen Studenten-Massaker zu den Akten legen

 

Chefermittler Tomás Zerón de Lucio und Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam während der Pressekonferenz zum Fall Iguala (Foto: PGR)

Mexiko-Stadt, 28. Januar 2015 (Update) – Die Behörden haben alle 43 Studenten für tot erklärt. Laut dem Generalstaatsanwalt gibt es „keinen Zweifel“, dass die jungen Leute ermordet und ihre Leichen verbrannt wurden. Die Familien wollen das Ende der Emittlungen nicht hinnehmen. Auch Menschenrechtler protestieren.

Vier Monate nach der Entführung der Studenten in Guerrero haben die Behörden die jungen Leute für tot erklärt. „Die Beweise erlauben uns festzustellen, dass die Studenten entführt, getötet und verbrannt wurden“, sagte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam am Dienstag. „Das ist die Wahrheit. Daran gibt es keinen Zweifel.“ Damit schließen die Ermittler die Untersuchung des Verbrechens praktisch ab. Bislang galten die Studenten offiziell noch als vermisst.

In einer über einstündigen Pressekonferenz legte Mexikos Chefermittler zahlreiche Geständnisse, Zeugenaussagen und gerichtsmedizinische Ermittlungsergebnisse vor. Er werde die Verdächtigen wegen Mordes anklagen, kündigte Murillo Karam an.

Laut den offiziellen Ermittlungsergebnissen hatten Polizisten in Iguala die 43 Studenten des linken Lehrerseminars Ayotzinapa am 26. September entführt und sie der kriminellen Organisation „Guerreros Unidos“ übergeben. Bandenmitglieder hatten eingeräumt, die jungen Leute getötet und ihre Leichen auf einer Müllkippe verbrannt zu haben. Laut dem Staatsanwalt habe die Untersuchung bewiesen, dass das Feuer auf der Deponie heiß genug gewesen sei, die Studenten bis zur Unkenntlichkeit zu verbrennen.

Bislang wurde jedoch erst eines der Opfer zweifelsfrei identifiziert. Im Gerichtsmedizinischen Institut in Innsbruck versuchen Wissenschaftler derzeit, die Identität der weiteren Toten zu ermitteln. Die Knochenreste sind allerdings so stark verkohlt, dass eine Bestimmung mittels herkömmlicher Gentests bislang gescheitert ist. Die letzte Hoffnung der Experten ist nun die sogenannte massive parallele Sequenzierung. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass die Proben der Genanalyse ohne Ergebnis vernichtet werden.´

Opferanwalt kündigt Klage vor dem UN-Komitee wegen Verschwindenlassen an

Die Familien der Opfer zweifeln den offiziellen Ergebnissen und fordern weitere Ermittlungen. „Die Regierung hat ihr wahres Gesicht gezeigt“, sagte Studentensprecher David Flores. „Wir werden nicht zulassen, dass der Fall Ayotzinapa von einem auf den anderen Tag geschlossen wird.“

„Die Regierung will den Fall aus politischen Gründen schnell schließen, egal welchen Schmerz sie uns damit bereitet“, sagte der Sprecher der Angehörigen, Felipe de la Cruz. Der Anwalt der Angehörigen, Vidulfo Rosales, erklärte, es gebe noch immer zahlreiche Ungereimtheiten. Er kündigte eine Anzeige gegen die mexikanische Regierung vor dem UN-Komitee gegen das Verschwindenlassen an. „Der Fall ist nicht ungewöhnlich, sondern typisch für Mexiko“, sagte er.

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte das Ende der Ermittlungen als verfrüht. Es habe offenbar Eile bestanden, die Untersuchungen medienwirksam abzuschließen, sagte Regionalchef José Miguel Vivanco am Mittwoch im Radiosender MVS. „Das ist nicht die historische Wahrheit, das ist die offizielle Version“, sagte Vivanco.

Präsident Peña Nieto will den Fall vor den Wahlen ad acta legen

Präsident Enrique Peña Nieto rief die Mexikaner indes auf, nach vorne zu schauen. „Ich bin überzeugt, dass wir nicht in diesem Moment des Schmerzes verharren dürfen“, sagte der Staatschef. Im Juni finden in Mexiko Regionalwahlen statt. Regierungskritiker gehen davon aus, dass der Präsident den unangenehmen Fall rechtzeitig vor der Abstimmung zu den Akten legen will.

Der Politologe José Merino von der mexikanischen Universität ITAM wirft der Regierung Ignoranz vor. Peña Nieto wolle aus dem Fall offenbar keine Konsequenzen ziehen und einfach so weitermachen wie bisher, schrieb der Professor auf Twitter.

Tausenden gehen aus Solidarität auf die Straßen Mexikos

Am Montag waren auf den Tag genau vier Monate seit dem brutalen Massaker an den verschleppten Studenten in Guerrero vergangen. Wie tief das Verbrechen die Menschen in Mexiko immer noch bewegt, hatte sich erneut gezeigt. Im ganzen Land – von Chiapas, Guerrero bis Baja California – versammelten sich Demonstranten zu Protestmärschen, um auf das Schicksal der jungen Leuten aufmerksam zu machen.

Alleine in der Hauptstadt zogen laut Polizeiangaben etwa 13.000 Menschen über die Paseo de la Reforma zum zentralen Platz Zócalo im historischen Zentrum. „Lebend wurden sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück“, skandierten Angehörige, Kommilitonen und Sympathisanten.

Mehrere Zeitungen begleiteten die Geschehnisse in Mexiko-Stadt mit einem Live-Blog, etwa La Jornada und der Excelsior.

 (dmz/ds mit Material von dpa; Aktualisierung am 28.01.14)