Papst-Interview: „Der Teufel bestraft Mexiko mit Gewalt“

 


Papst Franziskus im Interview mit der Vatikan-Korrespondentin von Televisa, Valentina Alazraki (Foto: Televisa)

Mexiko-Stadt/Rom, 14. März 2015 – Anlässlich des zweiten Jahrestags seines Pontifikats hat Franziskus dem mexikanischen Fernsehsender Televisa ein Interview gegeben. Darin spricht der Papst über seine unglückliche Äußerung zur „Mexikanisierung“, die Gewalt in Mexiko – und stellt eine These auf, die erneut für Wirbel sorgen könnte.

Es dürfte kein Zufall sein, dass Papst Franziskus zum Jahrestag seines Pontifikas ausgerechnet ein mexikanisches Fernsehteam im Vatikan empfangen hat – hatte er doch jüngst mit seiner Äußerung zur „Mexikanisierung“ für einigen Wirbel hierzulande bei Politikern und Kirchenvertretern gesorgt. In den Interview mit der Journalistin Valentina Alazraki betont Franziskus, dass es nie seine Absicht war, das Land oder die Würde der Menschen mit dem Begriff zu beleidigen. Im Gegenteil habe er den Ausdruck „Mexikanisierung“ als „technischen Ausdruck“ zur Beschreibung des Drogenproblems in seinem Heimatland Argentinien verwenden wollen, so wie man in politischen Kontexten auch von „Kolumbianisierung“ (colombización) oder „Balkanisierung“ (balcanización) spreche.

„Wenn wir von der ‚Balkanisierung’ sprechen, sind weder Serben, noch Makedonier, noch Kroaten darüber verärgert. Man spricht von „Balkanisieren“ im technischen Sinne und auch die Medien haben den Begriff viele Male verwendet, nicht wahr?“, sagte Franziskus. Er sei deshalb erschrocken gewesen, welche Empörung seine private Äußerung in den Medien hervorgerufen habe. Umso erleichtert sei er, dass das mexikanische Volk das offenbar anders beurteile. „Laut einigen Statistiken von Journalisten, die mir zugetragen worden sind, hat sich die Mehrheit der Mexikaner – 90 Prozent – dadurch nicht verletzt gefühlt. Darüber bin ich sehr froh.“ Auch die mexikanische Regierung habe seine Erklärung akzeptiert.

„Der Teufel bestraft Mexiko mit Gewalt“

Mit Blick auf den Fall der ermordeten Studenten aus Ayotzinapa und die zunehmenden Gewalttaten in vielen Teilen des Landes zeigte sich der Papst besorgt. Zugleich wies er darauf hin, dass es nicht das erste Mal in der Geschichte Mexikos sei, dass das Land „schwierige Momente“ durchstehen müsse und auch dieses Mal überwinden könne. Er erinnerte an die vielen Märtyrer, die das Land hervorgebracht habe. In diesem Zusammenhang kommt er zu einer Schlussfolgerung, die erneut für Wirbel in Mexiko sorgen könnte: „Es hat was mit Heiligkeit zu tun, nicht wahr? Ich denke, der Teufel bestraft Mexiko mit Gewalt“, sagte er hinsichtlich der Huldigung der Virgen de Guadelupe in Mexiko. Dem katholischen Glauben nach war die Jungfrau Maria im Dezember 1531 am Stadtrand von Mexiko-Stadt erschienen. „Ich denke, der Teufel hat es Mexiko nie vergeben, dass sie sich hier gezeigt hat. So ist zumindest meine Interpretation“, sagte Franziskus weiter. „In Mexiko gibt es Katholiken, Nicht-Katholiken, eingeschlossen Atheisten, aber sie alle sind ‚guadalupanos’“, so der Papst.

„Die Regierung kann die Probleme Mexikos nicht alleine lösen“

Für die Lösung des Drogenproblems und der Kriminalität in Mexiko könne man jedoch nicht alleine die Regierung verantwortlich machen. „Wir können uns nicht von den Problemen abwenden, als ob sie uns nichts angingen, und alle Schuld der Regierung oder einer Gruppe, einer Person zuschreiben, das wäre kindisch“, sagte Franziskus. „Ich weiß, es fällt schwer, einen Drogendealer anzuzeigen“, sagte der Papst mit Blick auf die Gefahr fürs eigene Leben. „Auch das ist eine Art Märtyrertum.“ Aber jeder in der Gesellschaft müsse seinen Beitrag leisten. Als Vorbild nannte er den Erzbischof Alberto Suarez Inda von Morela – eine Diozöse, die schwer unter der Drogenkriminalität leidet. Der Erzbischof sei ein “großartiger Priester“, obwohl er direkt in der Schusslinie stehe. Franziskus sagte, er wolle ihn deshalb bald zum Kardinal zu ernennen.

Franziskus kündigte an, dass er Mexiko bald persönlich besuchen wolle. Bei seiner Nordamerikareise im kommenden September sei dies jedoch aus terminlichen Gründen nicht möglich. „Ich habe darüber nachgedacht, über Ciudad Juárez oder Morelia in die USA reisen, hätte aber dann wohl keine angemessene Zeit gefunden, den Wallfahrtsort Villa de Guadalupe zu besuchen, was sicher einige Mexikaner verwundert hätte“, sagte Franziskus. Für eine Mexikoreise sei mindestens eine Woche notwendig. „Ich möchte Mexiko in Ruhe besuchen.“


Papst Franziskus im Interview mit der Vatikan-Korrespondentin von Televisa, Valentina Alazraki (Foto: Televisa)

„Ich habe das Gefühl, dass mein Pontifikat kurz sein wird“

Angesprochen auf die Dauer seines Pontifikats sagte der 78-Jährige: “Ich habe das Gefühl, dass mein Pontifikat kurz sein wird. Vier oder fünf Jahre”, sagte er im Interview. “Ich weiß nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass der Herr mich für eine kurze Sache eingesetzt hat. Es ist aber nur ein Gefühl. Mir stehen also alle Möglichkeiten offen.”

Im Sommer vergangenen Jahres hatte Papst Franziskus bereits über seinen eigenen Tod spekuliert. “In zwei oder drei Jahren kehre ich in das Haus des Herrn zurück”, sagte er auf einem Flug von Südkorea zu Journalisten.

Papst Franziskus schloss auch einen Rücktritt nach dem Vorbild seines Vorgängers Papst Benedikt XVI. nicht aus. “Ich glaube, Benedikt hat mit viel Mut eine Tür für emeritierte Päpste geöffnet”, sagte der 78-Jährige. “Man sollte Benedikt nicht als Ausnahme sehen.” Als erster Papst in der Neuzeit war Benedikt XVI. 2013 im Alter von 85 Jahren von seinem Amt zurückgetreten.

„Ich habe nichts gegen Reiche. Was mich empört, sind ungerechte Löhne“

In den vergangenen zwei Jahren setzte sich Papst Franziskus immer wieder für die Armen ein und forderte mehr soziale Gerechtigkeit. Kritiker warfen ihm ein linksgerichtetes Weltbild vor. “Heutzutage ist Links und Rechts eine Vereinfachung, die keinen Sinn hat”, sagte der Papst in dem Interview.

Er habe nichts gegen Reiche, aber mit dem Wohlstand gehe Verantwortung einher. “Was mich empört, sind ungerechte Löhne. Weil sich da jemand auf Kosten der Würde eines anderen bereichert,” sagte der Papst. “Das ist eine Sünde.”

„Ich würde gerne einfach mal eine Pizza essen gehen“

Das Kirchenoberhaupt äußerte sich auch zu Vatikan und Kurie. “Ich glaube, es ist der letzte (Adels-)Hof Europas. Die anderen haben sich demokratisiert, selbst die traditionellsten”, sagte der Argentinier. “Das muss sich ändern. Wir müssen eine Arbeitsgruppe sein, im Dienste der Kirche. Im Dienste der Bischöfe. Das verlangt natürlich eine persönliche Veränderung.”

Obwohl er als Kirchenoberhaupt viel unterwegs ist, möge er das Reisen nicht, sagte Franziskus weiter. “Ich hänge sehr an meinem Umfeld, es ist eine Neurose. Das ganze Reisen gefällt mir nicht.” Anfangs habe ihm Rom nicht gefallen, aber jetzt fühle es sich dort wohl. “Hier gibt es gute Leute.”

Auf die Frage, ob er gerne Papst sei, antwortete Jorge Mario Bergoglio: “Es missfällt mir nicht.” Allerdings vermisse er es, unerkannt auf die Straße zu gehen. “Ich würde eines Tages gerne mal in eine Pizzeria gehen und eine Pizza essen”, sagte er.

Der mexikanische Sender Televisa strahlte das fast eineinhalbstündige Interview in zwei Teilen aus. Am Donnerstagabend war der erste Teil zu sehen, der zweite folgte Freitagabend. Beide Teile sind online abrufbar.

(dmz/ds mit Material von dpa)