Präsidentenwahl in Guatemala: Bananenrepublik sucht Saubermann

 

Jimmy Morales geht am Sonntag als Favorit in die Stichwahl zum neuen Präsidenten von Guatemala (Foto: Facebook)

Von Denis Düttmann, dpa

Guatemala-Stadt, 19. Oktober 2015 – Mitten in einer der schwersten politischen Krisen der jüngeren Geschichte wählt Guatemala ein neues Staatsoberhaupt. In den Umfragen liegt TV-Komiker Morales vor der früheren First Lady Torres. Der Sieger tritt ein schweres Erbe an.

Auf der Leinwand hat Jimmy Morales schon mal für seinen Traumjob geübt. In seinem letzten Film “Un presidente de a sombrero” spielt der TV-Komiker ein Staatsoberhaupt – jetzt will er tatsächlich in den Präsidentenpalast einziehen. Der Sprung von der Fiktion in die Realität könnte ihm durchaus gelingen: Der Kandidat der rechtsnationalen Partei FCN geht als Favorit in die Stichwahl um das Präsidentenamt in Guatemala am kommenden Sonntag (25. Oktober).

Seit Monaten wird das Land von einem schweren Korruptionsskandal erschüttert. Ex-Präsident Otto Pérez und seine frühere Stellvertreterin Roxana Baldetti sitzen in Untersuchungshaft. Da dürfte Morales mit seinem Slogan “Weder Korrupte, noch Diebe” vielen Wählern aus der Seele sprechen. Ihm wird allerdings eine Nähe zu konservativen Militärkreisen nachgesagt. Er bestreitet das und präsentiert sich als Saubermann.

Morales organisierte seinen Wahlkampf maßgeblich über die sozialen Netzwerke und genießt die Unterstützung der urbanen Mittelschicht. Im Falle eines Wahlsiegs will er die Korruption bekämpfen sowie Bildung und Wirtschaftsentwicklung fördern.

Seine Konkurrentin Sandra Torres von der sozialdemokratischen Partei UNE gilt vielen als Vertreterin der alten Netzwerke. Gerade auf dem Land verfügt die frühere First Lady allerdings über erheblichen Rückhalt. Dort erinnert man sich noch an die Sozialprogramme, die sie während der Amtszeit ihres Ex-Manns Álvaro Colom anschob. Viel Geld soll damals aber auch in dunklen Kanälen verschwunden sein. Den größten Rückhalt hat sie deshalb noch immer unter der armen Landbevölkerung. Ihre politischen Gegner sagen der 60-Jährigen eine Nähe zur linken Guerilla nach, was sie aber bestreitet.

Sandra Torres hat bei der Landbevölkerung erheblichen Rückhalt (Foto: Facebook)

“Die Menschen in Guatemala haben das Gefühl, sie hätten nur die Wahl zwischen Pest und Cholera”, sagt der deutsche Anwalt Michael Mörth, der seit Jahrzehnten in Guatemala arbeitet. “Morales stützt sich auf die organisierte Unternehmerschaft und rechtsradikale Militärs, Torres auf korrupte Strukturen.”

Obwohl Morales im ganzen Land als Komiker bekannt ist, warnen Experten davor, ihn als Witzbold abqualifizieren. Der Betriebswirt hat in einer Militärakademie ein Aufbaustudium in Verteidigungs- und Sicherheitsstrategie absolviert. “Hinter seiner Kampagne stehen die alten Militärs aus der Zeit des Bürgerkriegs”, sagt José Carlos Sanabria vom sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut Asies.

Was ihm aber tatsächlich fehlt, ist politische Erfahrung. “In der Regierung kann man nicht improvisieren”, hielt ihm seine Konkurrentin Torres bei einer Debatte in der vergangenen Woche vor. “Sollte er die Wahl gewinnen, muss Morales Allianzen schmieden”, sagt Annette Schwarzbauer von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Guatemala. “Erstens hat er kein eigenes erfahrenes Personal und zweitens verfügt er über keine Mehrheit im Parlament.”

Wer auch immer die Wahl gewinnt, übernimmt das Land in einer schwierigen Zeit. Der Skandal um das Korruptionsnetzwerk “La Línea” um Ex-Präsident Pérez hat Guatemala in eine tiefe Krise gestürzt. Der Fall machte deutlich, wie tief verwurzelt kriminelle Strukturen in der Politik und Gesellschaft des Landes sind. Um dort richtig auszumisten, braucht es Rückgrat und langen Atem.

Außerdem hat Guatemala mit einem enormen Haushaltsdefizit zu kämpfen. In den vergangenen 16 Jahren stieg die Staatsverschuldung um 386 Prozent. Nach Angaben der Weltbank hat das Land mit zwölf Prozent die niedrigste Steuerquote weltweit. Im Gegensatz zu anderen Niedrigsteuerländern verfügt Guatemala auch kaum über andere Einnahmequellen.

“Neben der Korruption ist die Haushaltskrise das drängendste Problem, mit dem sich der Wahlsieger auseinandersetzen muss”, sagt Politikwissenschaftler Sanabria. “Die Mittel sind begrenzt und es werden immer mehr Forderungen an den Staat herangetragen. Die Regierung muss die Einnahmenseite stärken, Arbeitsplätze schaffen und die Armut bekämpfen.” (dmz/dpa/hl)