Sicherheitsfiasko in Mexiko: Flucht von Drogenboss beschämt Behörden

 

Ein Kopfgeld in Höhe von 60 Millionen Pesos (etwa 3,4 Millionen Euro) ist auf Guzmán ausgesetzt (Foto: almomento.mx)

Von Denis Düttmann

Mexiko-Stadt, 14. Juli 2015 . Der Ausbruch von „El Chapo“ aus einem Hochsicherheitsgefängnis ist eine Blamage für die mexikanische Regierung. Für seinen spektakulären Ausbruch war der Chef des mächtigen Drogenkartells von Sinaloa auf zahlreiche Helfer angewiesen. Der Coup zeigt, wie weit sein Arm auch noch aus dem Gefängnis reichte und wie korrupt die Sicherheitskräfte des Landes anscheinend sind.

El Altiplano soll eines der sichersten Gefängnisse Mexikos sein. Hinter dicken Mauern, umgeben von Wachtürmen, Gittern, Stacheldraht und bewacht von Hunderten Wärtern sitzt in der Haftanstalt die Spitze der mexikanischen Unterwelt ein: Servando Gómez Martínez alias „La Tuta“ von den Tempelrittern, der frühere Chef des Verbrechersyndikats „Los Zetas“, Miguel Treviño Morales, und Miguel Ángel Félix Gallardo vom Guadalajara-Kartell. Der prominenteste Häftling, Joaquín „El Chapo“ Guzmán, spazierte am Wochenende durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel in die Freiheit.

Für seinen spektakulären Ausbruch war der Chef des mächtigen Drogenkartells von Sinaloa auf zahlreiche Helfer angewiesen. Der Coup zeigt, wie weit sein Arm auch noch aus dem Gefängnis reichte und wie korrupt die Sicherheitskräfte des Landes anscheinend sind. „Er hat alles Geld der Welt und viele Leute, die bereit sind, ihm zu helfen“, sagte der ehemalige Chef der US-Antidrogenbehörde DEA, Peter Bensinger, der Zeitung „USA Today“.

Für den mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto ist die Flucht seines wichtigsten Gefangenen eine Blamage. „Dieser Fehler beschämt uns alle“, sagte Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong. Kritiker bemängeln vor allem, dass Mexiko den prominenten Häftling nicht an die Vereinigten Staaten überstellte, wo eine Flucht kaum möglich gewesen wäre. „Nach seiner Festnahme hatten die mexikanischen Behörden die Möglichkeit, ihn an die USA auszuliefern. Sie haben es nicht getan. Das war eine schlechte Entscheidung“, schrieb der mexikanische Sicherheitsexperte Alejandro Hope.

Innenminister Osorio Chong (re.) begeht das Gelände um das unfertige Haus, wohin der Fluchttunnel führt (Foto: almomento.mx)

Die Flucht von Guzmán könnte die Sicherheitskooperation zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten auf eine harte Probe stellen. Der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, versicherte zwar, die USA unterstützten Mexiko bei der Suche nach „El Chapo“ nach Kräften. Angesichts der offenkundigen Korruption innerhalb des mexikanischen Sicherheitsapparats dürften die US-Behörden künftig allerdings vorsichtiger sein, welche Erkenntnisse sie mit ihren Kollegen teilen.

In Mexiko ist inzwischen ein Großeinsatz angelaufen, um Guzmán erneut festzunehmen. Zahlreiche Soldaten und Polizisten beteiligen sich an der Suche. „Wir werden nicht an Ressourcen sparen, bis wir ihn wieder fassen. Dieser Verbrecher wird keine Ruhe haben“, sagte Innenminister Osorio Chong. Die Generalstaatsanwaltschaft setzte ein Kopfgeld in Höhe von 60 Millionen Pesos (etwa 3,4 Millionen Euro) auf Guzmán aus. Rund um seinen Heimatort Badiraguato im Hochland von Sinaloa kontrollierten Soldaten jedes Auto, wie die Zeitung „Excélsior“ berichtete.

Wenn er nicht schnell ergriffen werde, könne er für immer verschwunden sein, warnte der ehemalige Leiter der internationalen DEA-Operationen, Michael Vigil. Sollte er es erstmal in seine Hochburg im Dreieck zwischen Sinaloa, Durango und Chihuahua schaffen, dürfte er tatsächlich kaum noch zu fassen sein. „El Chapo“ kennt sich in dem unwegsamen Gelände bestens aus und kann auf Rückhalt bei den Einwohnern bauen.

Dort dürfte Guzmán schnell wieder die Kontrolle über sein Kartell übernehmen. Es wurde während seiner 16-monatigen Haft von seinem Kompagnon Ismael „El Mayo“ Zambada und seinem Nachfolger Dámaso López recht reibungslos weitergeführt. Das Kartell soll allein mit dem Drogenhandel jährlich Milliarden US-Dollar umsetzen. Außerdem ist es in Produktpiraterie, Menschenhandel und Erpressung von Schutzgeld verwickelt.

Der Ausstieg aus dem Tunnel, durch den „El Chapo“ in die Freiheit spazierte (Foto: almomento.mx)

Guzmán werden in Mexiko und den Vereinigten Staaten unter anderem Drogenhandel und organisierte Kriminalität vorgeworfen. Die Chicago Crime Commission erklärte ihn zum Staatsfeind Nummer 1, wie zuvor nur den legendären US-Gangster Al Capone. „Verglichen mit «El Chapo» Guzmán war Al Capone ein Amateur“, sagte Kommissionschef J.R. Davis.

Sicherheitsexperte Hope geht davon aus, dass die Rückkehr von „El Chapo“ ohne größere interne Konflikte verlaufen wird. „Es ist der perfekte Zeitpunkt für Guzmán, um die Hegemonie seiner Organisation wieder herzustellen“, schreiben die Analysten des Fachportals „Insight Crime“. Die wichtigsten Konkurrenten des Sinaloa-Kartells wie die Zetas, das Golf-Kartell und die Tempelritter sind nach Festnahmen und wegen interner Kämpfe geschwächt.

„El Chapo“ könnte beispielsweise versuchen, die Kontrolle über die nordöstliche Grenzregion und damit eine der wichtigsten Schmuggelrouten in die USA zu erlangen. Das Sinaloa-Kartell dürfte auch ein Auge auf die Methamphetamin-Produktion in Michoacán und die Routen über Jalisco und Colima geworfen haben, die vom Kartell Jalisco Nueva Generación kontrolliert werden.

Guzmán setzt bei seinen kriminellen Geschäften auf eine Mischung aus Gewalt und Kooperation. Sein Geschäftssinn hatte ihn einst in die „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt gebracht. „Wenn er Erfolg hat, könnte sich das Sinaloa-Kartell einmal mehr den Löwenanteil am organisierten Verbrechen in Mexiko sichern“, heißt es in der Analyse von „Insight Crime“. (dmz/dpa/hl)

 




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