Sohn von Drogenboss Escobar: „Es hat nie an Liebe gemangelt“

 

Sebastián Marroquín während der Buchvorstellung auf dem Filmfestival in Guadalajara (Foto: www.ficg.mx)

Guadalajara, 9. März 2015 – Was für ein Mensch ist ein Drogenboss? Jemand, der für den Kokainschmuggel und den Tod Tausender Menschen verantwortlich ist? Juan Pablo Escobar, Sohn des einst mächtigen Anführers des Medellín-Kartells, zeichnet in seinem Buch ein gemischtes Bild – und fordert Frieden statt Krieg gegen Drogen.

Der Sohn von Pablo Escobar hat den mächtigen kolumbianischen Drogenhändler als liebevollen Vater in Erinnerung. „In meiner Familie hat es nie an Liebe gemangelt“, sagte Juan Pablo Escobar am Sonntag bei der Vorstellung seines Buchs „Pablo Escobar, mein Vater“ auf dem Filmfestival in Guadalajara. „Er ist sehr liebevoll mit seinen Kindern und seiner Frau umgegangen. Aber mir ist bewusst, welchen Schmerz er in anderen Familien hinterlassen hat“.

Der Chef des Medellín-Kartells dominierte in den 1980er Jahren den internationalen Kokain-Schmuggel und soll für den Tod Tausender Menschen verantwortlich sein. Nachdem er dem kolumbianischen Staat den Krieg erklärt hatte, wurde er 1993 von der Polizei erschossen.

Wegen seiner Wohltaten für Bewohner von Elendsvierteln gilt Escobar noch immer zahlreichen Menschen als Held. „Wo der Staat sich zurückgezogen hatte, wo er keine Schulen gebaut und Arbeitsplätze geschaffen hat, da war mein Vater. Die herrschende Korruption hat den Aufstieg von Pablo Escobar möglich gemacht“, sagte sein Sohn, der seit der Flucht der Familie nach Argentinien im Jahr 1994 den Namen Sebastián Marroquín trägt.

„Mexiko sollte von Kolumbien lernen“

Mit Blick auf die sich ausweitenden Drogenkämpfe in Mexiko mahnte Marroquín, dass Mexiko aus den Geschehnissen in Kolumbien seine Lehren ziehen sollte. „Aus der Geschichte Kolumbien, die bereits geschrieben ist und in der wir leben, soll man lernen“, sagte er. Weder Mexiko noch ein anderes lateinamerikanisches Land müssten zwangläufig die Geschichte wiederholen.

Zugleich forderte er einen Kurswechsel in der Drogenpolitik Lateinamerikas. „Der sogenannte Krieg gegen Drogen ist lediglich Teil einer imperialistischen Unterwerfungsstrategie, die nur beendet werden kann, wenn die lateinamerikanischen Regierungen ihre Prohibititionspolitik ändern, die sich ohnehin in den letzten vier Jahrzehnten als völlig wirkungslos herausgestellt hat“, sagte Marroquín.

Selbst wenn man einzelne Kartelle wie die seines Vaters vernichte, würden die Probleme bloß verlagert, aber nicht gelöst. „Heute verkünden sie dir, dass das Drogenproblem in Kolumbien eingedämmt ist, und zugleich flammt es in Mexiko erneut auf. Morgen gelingt es vielleicht in Mexiko das Problem zu bekämpfen, aber dann verlagert es sich womöglich an einen anderen Ort in Richtung Zentralamerika“, sagte Marroquín weiter. „Wie können die Geschichten (der Politiker) nicht mehr hören, während die eigentlichen Probleme ungelöst bleiben“.

Als Positivbeispiel nannte er Uruguay, welches als erstes lateinamerikanisches Land den Anbau, Vertrieb und Konsum von Marihuana im vergangenen Jahr legalisiert hat. Uruguay sei ein „Beispiel des Friedens, der Zivilisation, der Bildung und Vernunft“, da es den Mut gehabt habe, den Krieg gegen Drogen aufzugeben und stattdessen Frieden mit den Drogen zu schließen.

Es ist bereits Marroquíns zweiter Besuch beim internationalen Filmfestival in Guadalajara. Im Jahr 2010 hatte er dort den Dokumentalfilm „Los pecados de mi padre“ (Die Sünden meines Vaters) vorgestellt. (dmz/ds mit Material von dpa)