Wochen des Hoffens und Bangens

Tausende Mexikaner demonstrieren für die vermissten Studenten wie in dieser Woche in Mexiko-Stadt (Foto: almomento.mx)

Von Denis Düttmann, dpa

Eine Bande aus Politikern, Polizisten und Drogenhändlern soll hinter dem Verschwinden der jungen Leute in Guerrero stecken. Der Sumpf aus Korruption und Gewalt passt nicht zum Bild des modernen Mexikos, um das Präsident Peña Nieto so bemüht ist.

Mexiko-Stadt, 25. Oktober 2014 – Langsam weichen die schlimmsten Befürchtungen quälender Gewissheit. Die vor einem Monat (26. September) in Guerrero verschleppten Studenten sind wahrscheinlich tot. Zwar wurden ihre Leichen bislang nicht gefunden, aber kaum jemand in Mexiko glaubt daran, dass die jungen Leute noch am Leben sind. Alles deutet darauf hin, dass eine korrupte Clique aus Politikern, Polizisten und Gangstern die angehenden Lehrer auf dem Gewissen hat.

Die Gewalttat wirft ein Schlaglicht auf die engen Verbindungen zwischen staatlichen Institutionen und dem organisierten Verbrechen. „Wir sehen uns der schwersten Menschenrechtsverletzung in Mexiko in den vergangenen 40 Jahren gegenüber“, sagt Santiago Aguirre von der Menschenrechtsorganisation Centro Prodh.

Am 26. September hatte die Polizei mehrere Busse der Studenten in Iguala gestoppt und das Feuer eröffnet. Dabei kamen sechs Menschen ums Leben, darunter auch Unbeteiligte. Ein junger Mann wurde grausam verstümmelt. Die Täter zogen ihm die Haut vom Gesicht und stachen ihm die Augen aus. Von 43 Studenten des linken Lehrerseminars Ayotzinapa fehlt bis heute jede Spur.

Die Allmachtsfantasien eines Provinzpolitikers, eine durch und durch korrupte Polizei und ein Verbrechersyndikat, das sein Stammland verteidigen will: Diese tödliche Gemengelage dürfte die Studenten das Leben gekostet haben. Der Fall Iguala ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. In ganz Mexiko gelten über 20 000 Menschen als vermisst, viele von ihnen werden nie gefunden.

Bürgermeister José Luis Abarca habe das harte Vorgehen gegen die Studenten angeordnet, sagte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam. Der Rathauschef wollte offenbar verhindern, dass die für ihren Aktivismus bekannten Studenten eine Rede seiner Frau als Vorsitzende des lokalen Familien- und Kinderschutzbundes störten. María de los Ángeles Pineda Villa stammt aus einer Drogenhändlerfamilie und ist nach Einschätzung der Ermittler ein führendes Mitglied des Verbrechersyndikats „Guerreros Unidos“.

Später übergaben die Polizisten die Studenten an die Bande. Dann kam es wohl zu einer folgenschweren Verwechslung: Die „Guerreros Unidos“ hielten die jungen Leute für Angehörige der verfeindeten Gang „Los Rojos“. Bandenchef Sidronio Casarrubias Salgado befahl, „das Territorium zu verteidigen“, wie er nach seiner Festnahme zu Protokoll gab. Das dürfte das Todesurteil für die Studenten gewesen sein.

Die Familienangehörigen wollen die Hoffnung allerdings noch nicht aufgeben. „Lebend wurden sie uns genommen, lebend werden wir sie finden. Es spielt keine Rolle, was wir tun oder wie lange wir warten müssen“, sagte eine Mutter der Nachrichtenagentur dpa bei einem Protestmarsch in die Provinzhauptstadt Chilpancingo. „Ich weiß, ich werde meinen Sohn wieder in die Arme schließen, ihm einen Kuss geben und ihm sagen, wie sehr ich ihn vermisst habe.“

Guerreros Gouverneur Ángel Aguirre Rivero ist bereits zurückgetreten, aber auch für Präsident Enrique Peña Nieto ist der Fall Iguala eine politische Katastrophe. Der telegene Staatschef präsentiert sich gerne als dynamischer Macher, der Mexiko grundlegend modernisiert und Investoren ins Land lockt. Über die desaströse Sicherheitslage und die Verflechtungen zwischen dem Staat und den Kartellen spricht er nicht gerne. Selbst international gerät er immer stärker unter Druck. Die Europäische Union, die Vereinten Nationen und die USA zeigten sich besorgt und forderten zügige Aufklärung.

Weite Teile der örtlichen Polizei im Norden von Guerrero seien von kriminellen Banden unterwandert, sagte ein ranghoher Beamter der Bundespolizei der Nachrichtenagentur dpa. Mittlerweile haben die „Federales“ in zwölf Ortschaften die Kontrolle übernommen. Die Gemeindepolizisten wurden entwaffnet und zur Überprüfung in eine Kaserne der Streitkräfte gebracht.

„Dieses Ereignis stellt alles infrage, was uns die Regierung über ihre Erfolge im Kampf gegen das Verbrechen erzählt hat“, sagt der Vorsitzende der Organisation Observatorio Nacional Ciudadano, Francisco Rivas. Der prominente Menschenrechtsaktivist Pater Alejandro Solalinde geht noch einen Schritt weiter. Der Staat sei in Iguala selbst zum Täter geworden. „Die Studenten waren der Regierung immer ein Dorn im Auge“, sagte er in einem Interview des Fernsehsenders CNN México. „Es war ein Staatsverbrechen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ (dpa/dmz/hl; Foto: www.almomento.mx)

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