Studenten von Iguala: Es gibt kein Zurück zur Normalität

 

Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto (Foto: almomento.mx)

Von Denis Düttmann, dpa

Mexiko-Stadt, 20. Dezember 2014 – Der mutmaßliche Mord an den verschleppten Studenten ist ein Gradmesser der engen Verbindungen zwischen Politikern, Sicherheitskräften und Verbrechern in Mexiko. Die Tat stürzt Präsident Peña Nieto in eine schwere Krise. Der Staatschef reagiert unbeholfen und würde gerne zum Tagesgeschäft übergehen – doch die Menschen in Mexiko können und wollen nicht vergessen.

„Was in Iguala geschehen ist, markiert ein Vorher und Nachher.“ Bis Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto die Tragweite des mutmaßlichen Massakers an Dutzenden Studenten klar wurde, hatte er wochenlang geschwiegen. Der Staatschef ging seinen Amtsgeschäften nach, reiste nach China und zum G-20-Gipfel nach Australien, das grausame Verbrechen in seinem Land schien ihn nicht weiter zu interessieren.

Schließlich konnte der telegene Präsident – stets darum bemüht, sein aufstrebendes Schwellenland ins beste Licht zu rücken – die Gewalttat von Ende September nicht länger ignorieren. „Nach Iguala muss sich Mexiko ändern“, sagte er zuletzt in einer Grundsatzrede zur Sicherheitslage. Er kündigte eine Polizeireform und Konjunkturprogramme für die verarmten Regionen des Landes an.

Das mutmaßliche Studentenmassaker hat Peña Nieto in die bislang schwerste Krise seiner Amtszeit gestürzt. Zehntausende Menschen gingen gegen die Regierung auf die Straße und forderten umfassende Ermittlungen. Am Rande einer Demonstration griffen Randalierer den Nationalpalast in der Hauptstadt an und steckten eine Puppe, die den Präsidenten darstellte, in Brand. „Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück“ und „Peña, verschwinde“ wurden zu den Schlachtrufen der Empörten.

Bürgermeistergattin führte Geschäfte der „Guerreros Unidos“

Einmal mehr hatte der mutmaßliche Mord an den 43 Studenten des linken Lehrerseminars Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero ein Schlaglicht auf die engen Verbindungen zwischen Politikern, Polizisten und Verbrechern in Mexiko geworfen. Die jungen Leute waren von der Polizei verschleppt und der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben worden. Bandenmitglieder räumten den Mord an den jungen Leuten inzwischen ein.

Der mittlerweile festgenommene Bürgermeister der Stadt Iguala und seine Frau sollen für die Tat verantwortlich sein. José Luis Abarca wollte offenbar verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Gattin als Vorsitzende des örtlichen Wohlfahrtsverbandes störten. María de los Ángeles Pineda stammt aus einem einflussreichen Drogenhändlerclan aus der Region.

Bisherigen Ermittlungsergebnissen zufolge hatte sich das Ehepaar Iguala zur Beute gemacht. Die Bürgermeistergattin soll aus dem Rathaus heraus die Geschäfte der Guerreros Unidos geführt haben. Abarca zahlte der Gruppe laut Staatsanwaltschaft regelmäßig zwei bis drei Millionen Pesos (117.000 bis 176.000 Euro). Außerdem soll er eine private Polizeitruppe von bis zu Hundert Mann unterhalten haben, die ihm treu ergeben war.

„Staatsverbrechen überwindet man nicht“

Rund 85.000 Tote und über 20.000 Vermisste: Nach acht Jahren des blutigen Drogenkriegs sind die Menschen in Mexiko zwar Kummer gewöhnt, doch das Verschwinden der Studenten hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Deutlich wie selten zeigt der Fall, wie sehr die kriminellen Organisationen des Landes die staatlichen Institutionen bereits unterwandert haben.

Während sich die Familien der Studenten noch immer an die Hoffnung klammern, dass ihre Kinder womöglich doch noch am Leben sind, erregt Präsident Peña Nieto mit seinen wenigen Äußerungen zu dem Thema immer wieder Unmut. „Wir müssen diesen schmerzlichen Moment überwinden und voranschreiten“, sagte der Staatschef zuletzt in Guerrero. Viele Mexikaner verstanden das als Affront.

„Die 43 Studenten sind noch immer verschwunden. Über was genau sollen wir hinwegkommen?“, schreibt der Professor für Politikwissenschaft an der mexikanischen Universität ITAM, José Merino, auf Twitter. Der Sicherheitsexperte Edgardo Buscaglia von der Columbia-Universität bringt es deutlicher auf den Punkt: „Staatsverbrechen überwindet man nicht. Man bringt sie vor den Internationalen Strafgerichtshof.“

(dmz/dpa/ds; Foto: almomento.mx)