Suche nach Kriegskindern aus El Salvador

Von Denis Düttmann, dpa

Seit 20 Jahren sucht die Organisation Pro Búsqueda nach Kindern, die im salvadorianischen Bürgerkrieg verschleppt wurden. Jetzt rückt sie Deutschland in den Fokus ihrer Ermittlung. Möglicherweise adoptierten in den Kriegswirren auch deutsche Paare Kinder aus El Salvador.

San Salvador, 20. März 2014 – Als Josefina Osorio Henríquez ihre Tochter nach fast 30 Jahren wieder in die Arme schließt, fließen Tränen. Im salvadorianischen Bürgerkrieg nahmen Soldaten der Bäuerin aus San Jacinto ihr zweijähriges Mädchen weg. Heute ist Xiomara verheiratet und selbst Mutter von drei Kindern. Pro Búsqueda hat die beiden Frauen aufgespürt und zusammengebracht.

„Die Entführung von Kindern war eine Kriegsstrategie“, sagt die Leiterin der Organisation, Mirla Carbajal. „Damit sollte der Widerstand der Bevölkerung gebrochen und die Guerilla demoralisiert werden.“ Wie viele Kinder zwischen 1980 und 1992 verschleppt wurden, weiß niemand. Die Streitkräfte weigern sich bis heute, ihre Archive zu öffnen. Die Rebellen, die für schätzungsweise zehn Prozent der Entführungen verantwortlich waren, führten wahrscheinlich nie Buch über ihre Taten.

Auch ohne staatliche Unterstützung hat Pro Búsqueda mittlerweile Hinweise auf über 900 Fälle gesammelt. „Entweder die Familien zeigen das Verschwinden ihrer Kinder an oder die Kinder bitten uns bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern um Unterstützung“, erklärt Ermittlerin Monserrat Martínez. Über 300 Schicksale hat die Organisation bereits aufgeklärt.

Nun will Pro Búsqueda auch in Deutschland nach verschleppten Kindern aus El Salvador suchen. In Frankreich, Italien, der Schweiz, Belgien, Holland und Großbritannien hat die Organisation schon junge Erwachsene gefunden, die während des Bürgerkriegs adoptiert wurden. „Da ist es höchst wahrscheinlich, dass es auch Fälle in Deutschland gibt“, sagt Martínez.

Sie wolle niemandem unterstellen, bewusst ein entführtes Kind adoptiert zu haben, sagt Carbajal. Allerdings würden in Krisenzeiten regelmäßig die Kontrollen aufgeweicht und die Adoptionen nähmen zu. Das sei zuletzt nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti zu beobachten gewesen.

So hätten in den 1980er Jahren ausländische Paare auch in El Salvador relativ leicht Adoptionsvisa erhalten. Zudem wurden in den Kriegswirren die Geschichten der Militärs über die angeblichen Waisenkinder nicht gründlich überprüft. „Nach Kampfeinsätzen haben die Soldaten die aufgegriffenen Kinder oft der Kirche übergeben und gesagt, ihre Eltern seien tot“, sagt Carbajal.

Vor wenigen Wochen besuchten die Bundestagsabgeordneten Frank Schwabe (SPD) und Harald Petzold (Die Linke) das Büro der Organisation in San Salvador. „Die Arbeit von Pro Búsqueda ist sehr wichtig“, sagt Schwabe, der als Beobachter die erste Runde der Präsidentenwahl in dem mittelamerikanischen Land begleitete. „Die verfeindeten Lager in El Salvador stehen sich noch immer unversöhnlich gegenüber. Gerade deshalb ist die Aufarbeitung der Vergangenheit so wichtig.“

Allerdings stößt Pro Búsqueda mit ihren Nachforschungen auch immer wieder auf Kritik. „Uns wird vorgeworfen, dass wir alte Wunden aufreißen“, sagt Leiterin Carbajal. Vor allem ehemalige Militärs, die in El Salvador noch immer über erheblichen Einfluss verfügen, versuchten, weitere Ermittlungen zu verhindern. „Die sitzen heute im Parlament und wollen nicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“ Im November wurde das Büro von Pro Búsqueda von bewaffneten Männern überfallen. Sie nahmen Festplatten mit und verbrannten Dokumente.

Für die Suche nach den verschleppten Kriegskindern in Deutschland ist Pro Búsqueda auf Hilfe angewiesen. Die Organisation verfügt über eine Datenbank mit Genmaterial von Familien, deren Kinder entführt wurden. Für einen DNA-Abgleich müssen mögliche Betroffene sich allerdings in El Salvador melden. „Wir wollen keine glücklichen Familien zerstören, sondern Klarheit schaffen“, sagt Carbajal. „Die damals adoptierten Kinder haben ein Recht darauf, ihre Geschichte zu erfahren.“ (dpa/dmz/hl)

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