Tag der Toten in Mexiko: Zwischen Freude und Schmerz

 

Altar von Betsabée Romero im Museo Carrillo Gil (Foto: Facebook Betsabée Romero)

Tag der Toten in Mexiko: Zwischen Freude und Schmerz

Von Miguel Ángel Ceballos und Denis Düttmann

Der «Día de Muertos» ist eigentlich ein freudiger Anlass. An dem Tag gedenken die Mexikaner der Toten und feiern gleichzeitig das Leben. Angesichts der jüngsten Gewaltwelle kommt allerdings keine rechte Lust an dem morbiden Fest auf. Eine Künstlerin reagiert darauf.

Mexiko-Stadt, 1. November 2014 – Die Mexikaner haben eigentlich ein entspanntes Verhältnis zum Tod. Anfang November naschen sie gerne Totenschädel aus Zuckerguss, schmücken ihre Hausaltäre mit gruseligen Skeletten und veranstalten ausgelassene Picknicks auf den Gräbern ihrer Vorfahren. In diesem Jahr hat der «Día de Muertos» (Tag der Toten) am 1. November allerdings einen bitteren Beigeschmack.

Das Land bangt um Dutzende verschleppte Studenten. Seit über einem Monat werden die jungen Leute aus dem Bundesstaat Guerrero im Südwesten des Landes vermisst. Noch ist ihr Schicksal völlig unklar, doch alles deutet daraufhin, dass sie einer unheiligen Allianz aus ruchlosen Politikern, korrupten Polizisten und brutalen Gangstern zum Opfer gefallen sind. Kaum jemand glaubt noch daran, dass die Studenten lebend gefunden werden.

Es ist nicht die einzige Horrormeldung, die Mexiko in den vergangenen Monaten in die internationalen Schlagzeilen katapultierte: Wegen eines Massakers mit über 20 Toten ermittelt die Staatsanwaltschaft derzeit gegen mehrere Soldaten. Die Flüchtlingswelle mittelamerikanischer Kinder in die USA hat erneut ein Schlaglicht auf die Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft geworfen. Und vor allem in der Provinz werden Journalisten immer wieder Opfer von Anschlägen. Die leicht makabre Lust an der Zelebrierung des Todes hat in diesen Tagen ihre Unschuld verloren.

Mit Altären im Museum Carrillo Gil in Mexiko-Stadt will die Künstlerin Betsabeé Romero die Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Migranten lenken. «Auch wenn es keine genauen Zahlen gibt, viele sind verschwunden», sagt sie. «Man geht davon aus, dass jedes Jahr 400 000 Menschen auf ihrem Weg in die USA Mexiko durchqueren. Ich bin sehr besorgt, was zwischen Chiapas (Süden) und Juárez, Sonora und Tijuana (Norden) mit ihnen passiert.»

Vor allem Guatemalteken, Honduraner und Salvadorianer fliehen zu Tausenden vor der Gewalt der Jugendbanden in ihren Heimatländern. Die Reise durch Mexiko ist allerdings nicht minder gefährlich. Die Strecke wird von Gangs kontrolliert, die die Auswanderer ausrauben, vergewaltigen und häufig auch töten. Der Güterzug, auf dem viele als blinde Passagiere nach Norden fahren, heißt in der Region schlicht «La Bestia» (Die Bestie).

Für ihre Altäre verbindet Romero traditionelle Elemente der mexikanischen Opfergaben wie Blumen, Kerzen und Skelette mit Autoreifen, in die sie aztekische Pilgerszenen eingraviert hat. In der Mitte des Rades thront ein blutüberströmter Totenkopf. «Die Reifen stehen für die Mobilität, für die Migration als eines des wichtigsten, aber auch problematischsten Phänomene seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts», sagt Romero.

In einer anderen Installation hat die Künstlerin gebrauchte Schuhe von Migranten aufgehängt. Eine Hilfsorganisation hatte sie an Haltestellen von «La Bestia» eingesammelt und die Flüchtlinge mit neuem Schuhwerk versorgt. Die Besucher der Ausstellung sollen auf Zetteln eine Botschaft an die getöteten Migranten hinterlassen.

Im Nationalmuseum San Carlos im Zentrum von Mexiko-Stadt hat Romero einen Altar in Gedenken an die getöteten und verschwundenen Journalisten aufgebaut. Mexiko gilt als eines der gefährlichsten Länder für Medienschaffende. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten wurden seit 2007 mehr als 50 Reporter getötet oder entführt.

«Auf der ganzen Welt werden Journalisten umgebracht und verschleppt. Unglücklicherweise steuert Mexiko traurige und ungesühnte Fälle bei. Es ist eine schreckliche Zone der Unsicherheit für den Beruf des Berichterstatters», sagt Romero. (dpa/dmz/hl)




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