Oberwasser für die Abholzer in Brasilien

Das Amazonas-Gebiet – die Lunge der Erde (Foto: Faszination-Regenwald)

Von Georg Ismar

Brasília, 24. November 2015 – Es hört sich eindrucksvoll an, was Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Planalto-Palast verspricht: „Die Wiederaufforstung von zwölf Millionen Hektar, null Abholzung in Amazonien bis 2030“.

Die Kanzlerin lobt Rousseff. Dass sie sich verpflichte, bis 2030 jegliche illegale Rodung zu verhindern, sei eine „gewaltige Anstrengung“. Nicht nur für das Weltklima, auch für die mit deutschem Entwicklungsgeld unterstützten indigenen Völker sei es essenziell, dass deren Lebensumfeld, der tropische Regenwald, erhalten bleibe.

Das war am 20. August 2015 bei den ersten deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen in der Hauptstadt Brasília. Merkel sieht Brasilien beim Klimaschutz als ein Schlüsselland, um andere zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Und als Mittler zwischen den G7-Industriestaaten und zum Beispiel den G77, einem großen Zusammenschluss von Entwicklungs- und Schwellenländern.

Doch wer im fünftgrößten Land der Welt herumreist, die Versprechen von Rousseff einem Realitätscheck unterzieht, sieht anderes. Das Land ist in einer schweren ökonomischen Krise. Es will sich zwar gerne bei der entscheidenden Klimakonferenz in Paris als Vorreiter präsentieren – könnte aber als Beispiel für das Drama beim Klimaschutz stehen.

Denn hehre Ziele bis 2030, deren Erfüllung die Regierung ohnehin nicht mehr im Amt erleben wird, sind das eine. Der politische Nutzen ist kaum messbar und die politische Leistung kaum demonstrierbar, anders als wenn man neue Flughäfen oder Autobahnen eröffnet. Und Rousseff, deren Zustimmung bei unter zehn Prozent liegt und die die Mehrheit der Bürger laut Umfragen gerne des Amtes enthoben sähen, steht unter massivem Druck – auch von der Industrie.

Ende Oktober ist der erste Schritt zu einer Verfassungsänderung gemacht worden. Nach dem Votum des zuständigen Sonderausschusses des Parlaments könnten Schutzzonen von indigenen Völkern aufgelöst und der dortige Regenwald abgeholzt werden – wenn es wirtschaftliche Gründe dafür gibt. Zum Beispiel wenn dort Bodenschätze schlummern oder der Platz für Sojaplantagen gebraucht wird. Oder ein Staudamm angelegt werden soll, zur Stromgewinnung aus Wasserkraft. Bis zu 15 Prozent des Landes in Brasilien gelten bisher als geschützte Zonen. Viele der 900 000 Indigenas im Land fürchten eine Vertreibungswelle.

Rousseff hat – nach Straßenblockaden und wütendem Protest – erklären lassen, der Schutz der von Urvölkern bewohnten Regenwaldgebiete sei vom Obersten Gerichtshof ausdrücklich bestätigt worden. Aber es ist unklar, ob es in Parlament und Senat am Ende nicht doch eine Mehrheit für die Verfassungsänderung („PEC215“) gibt.

Schon jetzt scheint der Schutz oft nur auf dem Papier zu bestehen. Beispiel Ka’apor-Indianer – der Name steht für „Bewohner des Waldes“. Der Stamm hat rund 2000 Mitglieder, sie leben im Amazonasgebiet im Bundesstaat Maranhão auf einer Fläche sechsmal so groß wie Berlin.

Im Kampf gegen Holzfäller, die illegal edle Tropenhölzer in ihrem eigentlich geschützten Gebiet schlagen, haben sie mit Hilfe der Umweltorganisation Greenpeace Kameras installiert und versuchen, in entdeckten Lastwagen, GPS-Sender einzubauen, um den Weg des Holzes zu verfolgen. Doch nachdem erstmals einige internationale Medien – darunter die Deutsche Presse-Agentur – sie besuchen konnten, hat der Druck massiv zugenommen. Holzfäller seien mit Waffen in das Gebiet eingedrungen und hätten Feuer bei Ka’apor-Siedlungen gelegt, sagt Marina Lacorte von Greenpeace. „Sie haben ihnen den Krieg erklärt“.

Ein Grundproblem: Der geringe Verfolgungsdruck. So verweist der Leiter des Greenpeace-Amazonas-Programms, Oliver Salge, darauf, dass der Anführer der größten Tropenholz-Mafia, Ezequiel Castanha, im Oktober nach nur acht Monaten wieder aus der Haft entlassen worden ist – die Gruppe soll für zehn Prozent der illegalen Abholzungen im Amazonasgebiet seit 2012 verantwortlich sein. „Durch die geplante Verfassungsänderung haben viele Oberwasser“, meint Salge. Zudem sei Rousseffs Ankündigung, die illegale Abholzung erst bis 2030 auf null zurückzufahren, eine Einladung, vorher noch richtig viel zu fällen.

Ortswechsel, Sinop, Bundesstaat Mato Grosso, hier muss der Regenwald vor allem den riesigen Soja- und Maisplantagen weichen. Denn hier wird der Rohstoff für das Tierfutter auch in Deutschland produziert. Immer mehr Monsanto-Gensoja wächst auf den Feldern, hochgezüchtet mit chemischen Erntebeschleunigern, es gibt zudem Klagen über stark belastete Muttermilch in einem Teil von Mato Grosso, angeblich durch den massiven Pestizideinsatz. Und auch hier: Viele Landkonflikte. Die hiesige Pastoralkommission (Comissão Pastoral da Terra) schätzt, dass seit dem Jahr 2000 mindestens 18 215 Familien vertrieben worden sind.

„Es ist ein ständiger Kampf“, sagt der deutschstämmige Matthias Krause, Geschäftsführer der örtlichen Umweltbehörde (Ibama). Draußen vor seinem Büro stehen gepanzerte Jeeps, aber einige Gegenden sind mittlerweile selbst für die staatliche Behörde zu gefährlich – der Staat kann hier die Erreichung seiner Ziele nicht mehr sichern.

Ein Stopp der illegalen Abholzung bis 2030? „Ein optimistisches Ziel“, sagt Krause in seinem Büro. Wenn die Behörde Traktoren oder Lastwagen von illegal tätigen Holzfällern in indigenen Schutzgebieten sicherstellt, erwirken deren Anwälte trotz des Gesetzesvorstoßes meist wieder die Herausgabe. In ihrer Verzweiflung geht die Behörde dazu über, Fahrzeuge abzufackeln. Rund 36 Prozent des Regenwaldes im Bundesstaat Mato Grosso seien schon verschwunden – insgesamt verlor Brasilien von August 2014 bis August 2015 eine Regenwaldfläche fünfmal so groß wie Berlin. Eine Trendwende sieht anders aus.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat sich selbst im Oktober ein Bild in Mato Grosso gemacht – seine Kernfrage mit Blick auf den globalen Fleischhunger: „Wie kann man die wachsende Weltbevölkerung ernähren, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören?“ Schließlich sei der Amazonas-Regenwald durch die Aufnahme von viel Kohlendioxid die Lunge der Welt. „Die brasilianische Regierung darf nicht weiter tatenlos zusehen, wie sich industrielle Großgrundbesitzer ohne jede Rücksicht auf Menschenrechte oder die Natur weiter ausbreiten.“ Sie raubten fremdes Land, um dann mit Soja, Viehzucht oder Tropenholz Geschäfte zu machen. „Auch Europa ist hier in der Verantwortung, solche miesen Geschäfte nicht zu fördern“, mahnt Hofreiter. (dmz/dpa/hl)