«Überleben oder Untergehen»: Die Stunde der Kleinen in Lima

 

Der mexikanische Umweltminister Juan José Guerra Abud (2. von rechts) berichtete über Mexikos Aktionsprogramm (Foto: BMUB / Inga Wagner)

Von Georg Ismar, dpa

Vertreter von 195 Staaten dürfen beim UN-Klimagipfel in Lima reden. Alle warnen sie vor dem Klimawandel, aber hinter den Kulissen wird gebremst, wenn es um konkrete CO2-Minderungsziele geht. Einigen platzt der Kragen: Ihr Staatsgebiet könnte im Meer versinken.

Lima, 10. Dezember 2014 – Tuvalu ist ein klitzekleiner Inselstaat im Pazifik, einer der kleinsten Staaten der Welt. 26 Quadratkilometer groß, verteilt auf neun Atolle, 10 700 Einwohner. Bis 1978 britische Kolonie, Königin Elisabeth II. ist als Königin von Tuvalu weiter Staatsoberhaupt. Das Problem: Der höchste Punkt ist vier Meter über dem Meeresspiegel, im Schnitt sind es nur zwei Meter.

Man mag lamentieren über die zumeist zähen Verhandlungen auf Klimagipfeln – aber ohne die Treffen würden Leute wie Tuvalus Premier Enele Sopoaga kaum Gehör finden auf der Weltbühne. Es gebe wohl kaum einen Staatenlenker, der jemals folgender Frage ausgesetzt war, redet er den Delegierten bei der Klimakonferenz in Lima ins Gewissen: «Werden wir überleben oder wir werden im Meer verschwinden?»

Der UN-Klimaprozess sei der «einzige Prozess, in dem wir das Problem des Klimawandels adressieren können». Für Tuvalu könne einer der dunkelsten Plätze in der Hölle reserviert sein – obwohl man das Klimaproblem keineswegs verschuldet habe.

Bevor es am Freitag in die Schlussverhandlungen über das Gerüst für einen erstmaligen Weltklimavertrag geht, schlägt die Stunde der «Kleinen», sie alle dürfen sich an das Plenum wenden. «Wir sehen in Tuvalu in die Augen der Kinder. Wir müssen ihnen antworten. Nicht die fossile Energieindustrie», betont Tuvalus Regierungschef. «Wir müssen dramatisch unseren Energiemix ändern, hin zu erneuerbaren Energien», fordert Sopoaga eindringlich.

Tuvalu ist zum Symbol geworden, als Staat der sein Staatsgebiet verlieren kann. Durch Untergang wegen steigender Meeresspiegel. Die Gruppe kleiner Inselstaaten hält schon das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, für unzureichend, nötig seien maximal 1,5 Grad. Der Inselstaat droht Trinkwasser- und Nahrungsgrundlagen zu verlieren. Der Druck zu gehen wächst.

Neuseeland habe schon vor Jahren ein Einwanderungsprogramm für Menschen aus Tuvalu aufgelegt, wurde in einem Report für die UN betont. Dort wird gewarnt: «Der Verlust des Staatsgebiets kann bedeuten, dass Tuvalu seine nationale Identität verlieren wird.»

Baron Divavesi Waqa ist Präsident von Nauru, der Inselstaat liegt 1500 Kilometer westlich von Tuvalu und ist ähnlich groß. Waqa beklagt zwei Jahrzehnte der Ignoranz und des Nicht-Handelns. Er erinnert an das Schicksal der großen Philippinen, die zum zweiten Mal in Folge zu einer Klimakonferenz von einem Taifun heimgesucht worden sind. 2013 trat der philippinische Delegationsleiter Yeb Sano beim Treffen in Warschau aus Protest in den Hungerstreik.

 

Vielen Inselstaaten geht es vor allem um Geld, um Hilfen zur Anpassung an den Klimawandel, ein Verhandlungsstrang firmiert unter dem Oberbegriff «Loss and Damage» (Verlust und Schäden).

Es geht auch um Hilfen etwa für den Bau von Schutzdeichen oder von Flut-Frühwarnsystemen. Denn all die Debatten um nationale CO2-Minderungsziele, die bis Ende 2015 zum Paris-Protokoll, einem womöglich eher unverbindlichen Weltklimavertrag zusammengeschnürt werden sollen, helfen ihnen wenig. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnt, es müsse ein klarer Weg definiert werden für das Ziel von 100 Milliarden US-Dollar zur Unterstützung betroffener Staaten ab 2020. Bisher sind in dem grünen Klimafonds rund 10 Milliarden Dollar, immerhin wurde in Lima diese symbolische Grenze geknackt.

Zu einer Abrechnung nutzt der Sozialist Evo Morales das Treffen von 195 Staaten. Der frühere Kokabauer und heutige Präsident Boliviens wettert gegen Klima-Kolonialismus, die armen Staaten müssten für einen uferlosen Kapitalismus, für die Gier der Industriestaaten nach Wachstum büßen. Und mit dem Verlust der «Mutter Erde», der natürlichen Lebensgrundlagen bezahlen. Er fordert einen internationalen Klimastrafgerichtshof – zur Begleichung der unabsehbaren Schäden.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) will hingegen ein Ende des Schwarze-Peter-Spiels zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Das Ministerium betont, beide Seiten trügen heute gleich viel zum globalen CO2-Ausstoß bei, 2020 würden die Entwicklungsländer zwei Drittel der Emissionen verursachen. Hendricks selbst muss der Hitze und stickigen Luft in den Zelten Tribut zollen: Sie muss nach einem Schwächeanfall mehrere Termine absagen, für die Schlussverhandlungen soll sie wieder fit sein. (dpa/dmz/hl)