Zum Tod von Eduardo Galeano: Eine kritische Stimme Lateinamerikas verstummt

 

Eduardo Galeano im Jahr 2014 (Foto: revistaforum.com.br)

Montevideo, 13. April 2015 – Eduardo Galeano war Journalist, Essayist, Schriftsteller und stets eine kritische Stimme im politischen Alltag seiner Heimat Uruguay und ganz Lateinamerika. Sein Hauptwerk „Die offenen Adern Lateinamerikas“ ist bis heute ein weltweiter Klassiker. Nun ist er im Alter von 74 Jahren gestorben.

Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano ist tot. Er starb im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus in seinem Geburtsort Montevideo in Uruguay an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung, wie mehrere Medien unter Berufung auf seinen Verlag berichten.

Eduardo Galeano, am 3. September 1940 in Uruguays Hauptstadt geboren, zählte zu den wichtigsten Publizisten Lateinamerikas. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Bereits im Alter von 14 Jahren begann er seine journalistische Tätigkeit und verkaufte erste Texte an Tageszeitungen in Montevideo. Im Alter von 20 Jahren wurde er stellvertretender Chefredakteur der regimekritischen uruguayischen Wochenzeitung „Marcha“.

International bekannt wurde Galeano im Alter von 31 Jahren mit seinem Hauptwerk „Las venas abiertas de América Latina (Die offenen Adern Lateinamerikas), in dem er sich mit der durch Kolonialherrschaft geprägten Geschichte Lateinamerikas – von Christoph Kolumbus bis in die Gegenwart – beschäftigt. Galeano geht in dem Buch, welches bei seinem Erscheinen im Jahr 1971 zunächst in Uruguay, Chile und Argentinien verboten war, der Frage nach, woher die Armut auf dem Kontinent rührt. Polemisch und pointiert schildert er die Ausbeutung des Kontinents durch Europäer – als Bedingung für den Aufstieg Europas und Nordamerikas.

„Las venas abiertas de América Latina“ wurde bald nach seinem Erscheinen zu einem Klassiker linker Geschichtsliteratur – nicht zuletzt, weil Galeano trotz seiner wissenschaftlichen Fundierung eine literarische Sprache pflegt. Zuletzt verschaffte Venezuelas Ex-Präsident Hugo Chávez dem Buch neue Aufmerksamkeit im Jahr 2009, als er US-Präsident Barack Obama ein Exemplar davon überreichte. Anschließend schnellte es in der Amazon-Bestsellerliste nach oben.

Nach dem Militärputsch 1973 wurde Galeano verhaftet und floh ins Exil, zunächst nach Argentinien, wo er leitender Redakteur der Zeitung „Crisis“ (Krise) wurde. Als 1976 auch in Argentinien das Militär die Macht übernahm, wanderte er nach Spanien aus. Während dieser Zeit schrieb Galeano in Katalonien sein dreibändiges Werk Memoria del fuego: Los nacimientos, Las caras y las máscaras, El siglo del viento (Erinnerungen an das Feuer: Geburten, Gesichter und Masken, Das Jahrhundert des Sturms). In Hunderten, chronologisch geordneten kleinen Geschichten nähert sich Galeano der Historie Lateinamerikas. „Sein literarisches Leben lang hat er diese ‚Gedichte, die so tun, als seien sie Prosa’, wie Galeano sie bezeichnete, bis zur Meisterschaft verfeinert und radikalisiert“, schreibt die Deutsche Welle in einem Nachruf. „Sein direkter und bestimmter Ton, mit dem er auch das Tagesgeschehen beobachtete, waren sein Markenzeichen“.

1985 kehrte der Schriftsteller nach Montevideo zurück, wo er bis zuletzt lebte. Neben seiner literarischen Tätigkeit begleitete er auch in Artikeln für diverse Zeitungen, darunter auch „La Jornada“ (Mexiko), das politische und gesellschaftliche Geschehen. Eine seiner letzten Veröffentlichungen in der „Jornada“, „Leo y comparto“, widmete er dem Verschwinden der 43 Studenten in Guerrero. „Die Waisen der Tragödie von Ayotzinapa sind nicht alleine bei ihrer Suche nach ihren verlorenen Lieben im Chaos brennender Mülleimer und Gräbern voller menschlicher Überreste“, schreibt Galeano darin. „Die solidarischen und warmherzigen Stimmen begleiten sie in Mexiko und darüber hinaus, bis auf die Fußballfelder, wo Spieler ihre Tore mit dem Zeichen der 43 feiern, um den Verschwundenen zu gedenken“.

„Immer auf der Seite der Armen, der Ausgestoßenen und der Ungeschützten“, beschreibt Ericka Montaño Garfias in einem Nachruf in der „Jornada“ den zeitlebens linken Schriftsteller, der die Politik linker Regierungen in Südamerika mit kritischer Sympathie begleitete. Vor allem die gnadenlose Wachstumspolitik, die auf die Umwelt wenig Rücksicht nimmt, war ihm ein Dorn im Auge. Aber auch beim Umgang mit den indigenen Völkern auf dem lateinamerikanischen Kontinent und den nach wie vor bestehenden Rassismus – in Mexiko und anderen Ländern – nahm der Schriftsteller kein Blatt vor den Mund. Eduardo Galeano wird für all diese Dinge in Erinnerung bleiben – die Politiker und Wirtschaftsbosse gerne vergessen wollen“, schreibt „La Jornada“. (dmz/ds/hl)