Und in der Mitte der Erde war Feuer: Eine Erinnerungsreise

 

Lässt hautnah teilhaben an ihrem Leben: Vera Kohn (© Bernhard Hetzenauer)

Bernd Hetzenauers Dokumentarfilm über sein Treffen mit der 98-jährigen Vera Kohn in Ecuador geht unter die Haut – Geschichtsverarbeitung einmal anders. Zu sehen am 21. Und 22. November in der Cineteca Nacional.

Mexiko-Stadt, 17. November 2014 – Die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und Österreichs und die Aufarbeitung der Geschichte ist immer heikel. Für die ältere Generation, weil sie selbst betroffen war, als Opfer, als Täter oder Mittäter, aber auch für ihre Nachkommen. «Die Geschichte ist noch nicht zu Ende», sagt Vera Kohn.

Bernhard Hetzenauer, 1981 in Innsbruck geboren, ist ein Dokumentarfilm gelungen, der tief berührt und dabei ohne mahnenden Zeigefinger auskommt. «Und in der Mitte der Erde war Feuer» ist die Geschichte von einem, der auszieht, um die Vergangenheit zu verstehen. Eine, die diese nie verstehen wird, soll ihm dabei helfen. Im ecuadorianischen Quito trifft Hetzenauer auf die 98-jährige Psychotherapeutin Vera Kohn, Schülerin von Karlfried Graf Dürckheim und Wegbereiterin des Zen-Buddhismus in Ecuador. Von ihr möchte der junge Filmemacher lernen, mit der SS-Vergangenheit seines Großvaters umzugehen. Doch die Frau, die er um Hilfe ansucht, stand als Jüdin einst auf der Opferseite. 1939 floh Kohn mit ihrer Familie nach Südamerika und kämpfte selbst jahrelang mit dem Trauma des Heimatverlusts.

Der Betrachter nimmt unmittelbar Teil an der Geschichte dieser großartigen, noch immer schönen Frau, die aus ihrem faszinierenden Leben erzählt und dies untermauert mit Fotos und Filmaufnahmen. Von ihrer Ausreise aus Prag, ihren Onkel auf dem verlassenen Bahnsteig zurücklassend. Ein Bild, das sie nie vergessen wird. Ihre Begeisterung auf der dreiwöchigen Reise nach Ecuador, ihre Neugier und ihre Faszination über das neue Land. Sie ist jung, sie wird zu einer großen Schauspielerin am deutschen Theater in Quito. Bis sie mit sich selbst nichts mehr anfangen kann, das Trauma der Vergangenheit erreicht sie, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie kommt zu Karlfried Graf Dürckheim – und das verändert ihr Leben, ihr Bewusstsein, und der Zen-Buddhismus lehrt sie zu verzeihen.

Vier Jahre lang arbeitete Hetzenauer an dieser Dokumentation. Während des Drehs geht er mit Vera Kohn auf Erinnerungsreise durch ihr Leben. Der sehr persönliche Film wird für beide zur therapeutischen Unternehmung.

Bernhard Hetzenauer  studierte Gestalttherapie, Bühnen- und Filmgestaltung, sowie Filmregie in Wien, New York, Quito, Buenos Aires und Hamburg. Der Österreicher ist Regisseur und Kameramann mehrerer Kurz- und Dokumentarfilme, die überwiegend in Lateinamerika entstanden. Seine Arbeiten wurden im Rahmen von Festivals, Ausstellungen und im Fernsehen in zahlreichen Ländern Lateinamerikas und Europas gezeigt. 

«Und in der Mitte der Erde war Feuer» entstand als Abschlussprojekt des jungen Regisseurs an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und wurde dort von den Filmemachern Wim Wenders und Pepe Danquart dramaturgisch begleitet. Der Dokumentarfilm lief bei mehr als 20 Filmfestivals und Ausstellungen in 16 Ländern und wurde mehrfach ausgezeichnet (HFBK-Filmpreis der Hamburgischen Kulturstiftung, DAAD Preis Hamburg, Theodor Körner Preis für Kunst Wien, Diplom der St. Petersburg Cinema Press Federation, Erasmus Euro Media Award Spezialpreis für kritischen Diskurs Wien, 2. Preis der Jury der Kunstbiennale Toluca/Mexiko). Im November ist die Arbeit auch beim Filmfestival «Filmar en América Latina» in Genf, Schweiz, und beim International Film Festival Listapad in Minsk, Weißrussland, zu sehen, außerdem startet der Film ebenfalls im November in österreichischen Kinos. 2006 wurde Hetzenauer mit dem Ursula Blickle Videopreis/Wien und 2008 mit dem Publikumspreis des Vienna Independent Shorts Film Festivals ausgezeichnet. Er war Stipendiat u. a. des DAAD, der österreichischen und mexikanischen  Regierung.

2013 erschien im Alexander Verlag Berlin sein Buch «Das Innen im Außen» über den ungarischen Regisseur Béla Tarr. 2015 erscheint die spanische Übersetzung im Verlag der Cineteca Nacional in Mexiko-Stadt. Derzeit arbeitet Hetzenauer an einem neuen Filmprojekt in Mexiko.

In der Cineteca Nacional ist der Film am 21.  und 22. November jeweils um 19:30 Uhr in der Sala 8 Hermanos Rodríguez zu sehen sein. Der Regisseur wird am Abend des 21. November den Film persönlich vorstellen und für ein Gespräch mit dem Publikum zur Verfügung stehen. (dmz/hl)