“Uns fehlen 43”: Wut und Trauer nach einem Jahr in Ayotzinapa

 

Familien und Freunde glauben bis heute nicht das offizielle Ermittlungsergebnis (Foto: medios independientes)

Von Denis Düttmann

Ayotzinapa, 24. September 2015 – Vor einem Jahr verschwanden in Mexiko 43 Studenten aus dem Lehrerseminar Ayuotzinapa. Die Regierung hat sie für tot erklärt. Nicht nur die Familien zweifeln an der offiziellen Version. Viele auf dem Campus glauben, Soldaten hätten die Studenten verschleppt und hielten sie in einem Geheimgefängnis fest.

In Ayotzinapa ist die Zeit stehen geblieben. Seit über einem Jahr findet in der Landuniversität in den Bergen von Guerrero kein Unterricht mehr statt. Zu groß ist die Trauer über die 43 Kommilitonen, die seit einem Jahr verschwunden sind. Die Studenten bestellen die Felder, versorgen das Vieh und halten den Campus sauber. Das akademische Leben ist aber weitgehend zum Erliegen gekommen.

“Uns fehlen 43 – wir können nicht einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen”, sagt der 25-jährige Alfredo Sánchez. Die Studenten malen Transparente, fahren zu Protestkundgebungen nach Mexiko-Stadt, besprechen auf Versammlungen ihre nächsten Aktionen. Vor allem aber warten sie: Auf neue Ermittlungsergebnisse, Berichte der unabhängigen Experten, Reaktionen der Regierung.

Örtliche Polizisten hatten die Studenten am 26. September vergangenen Jahres in der Stadt Iguala angegriffen und sie der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben. Mehrere Bandenmitglieder räumten ein, die jungen Männer getötet und ihre Leichen auf einer Müllkippe verbrannt zu haben. Die Angehörigen und Kommilitonen glauben die offizielle Version nicht und fordern weitere Ermittlungen.

José Luis Méndez Pérez hat die tragische Nacht überlebt. Er saß im letzten Bus, als die Polizei den Konvoi der Studenten stoppten. “Wir sind in die Berge geflüchtet, die Polizisten haben uns hinterher geschossen. Dann konnten wir uns im Haus einer Frau verstecken, die uns hineinließ”, erzählt der 20-Jährige.

Überlebender: Niemand hat auf uns gehört

Erst am nächsten Tag erfuhr er, dass bei dem Angriff sechs Menschen ums Leben kamen und 43 seiner Kommilitonen verschleppt wurden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hält der junge Mann für manipuliert. “Viele Dinge sind im Dunkeln geblieben”, sagt er. “Wir wollten unsere Aussage machen, aber niemand hat auf uns gehört.” Von dem fünften Bus, in dem sich Méndez befand, war in den offiziellen Bericht beispielsweise nie die Rede.

Die zögerliche Reaktion der Regierung, Widersprüche in den Ermittlungen, konträre Einschätzungen unabhängiger Ermittler – all das hat Zweifel an der Version der Generalstaatsanwaltschaft geschürt. Viele auf dem Campus glauben, Soldaten hätten die Studenten verschleppt und hielten sie in einem Geheimgefängnis fest. An der Landstraße nach Ayotzinapa stehen Transparente mit der Aufschrift: “Es war der Staat.”

International schlägt den Studenten von Ayotzinapa eine Welle der Solidarität entgegen. Auf dem Hauptplatz der Universität haben sie Fotos von Unterstützern aus aller Welt aufgehängt. Darunter eine Mennonitengemeinde aus Paraguay, ein Fotografen-Kollektiv aus Neu-Delhi und eine Schülergruppe aus Rom. Sie halten Schilder mit der Aufschrift “Wir alle sind Ayotzinapa” in den Händen.

Von der eigenen Regierung fühlen sich die Eltern und Kommilitonen der Vermissten hingegen in ihrem Schmerz alleingelassen. Schon drei Monate nach der Entführung der jungen Männer forderte Präsident Enrique Peña Nieto, Mexiko müsse “darüber hinwegkommen”. Der damalige Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam beendete eine Pressekonferenz zu dem Fall einmal leicht genervt mit den Worten: “Mir reicht’s”.

Konflikt mit den Mächtigen gehört in Ayotzinapa zum Programm

Die Studenten und Professoren in Ayotzinapa sind stramm links. Porträts von Che Guevara, Lenin und Emiliano Zapata schmücken die Gebäude der Uni. Bei Demonstrationen stehen die Studenten des Lehrerseminars stets in der ersten Reihe. Der Konflikt mit den Mächtigen gehört hier zum Programm. “Du kommst als Kind und gehst als Mann”, sagt ein Student über die Zeit in der Landuniversität.

“Unsere Jungs haben sich für soziale Belange eingesetzt, deshalb waren sie der Regierung ein Dorn im Auge”, sagt Cristina Bautista Salvador. Ihr Sohn Benjamin ist einer der 43 verschleppten Studenten. Seit einem Jahr leben auch die Eltern der Vermissten auf dem Campus, um bei den Kommilitonen ihrer Söhne zu sein und sich an den Protestaktionen zu beteiligen.

“Wir gehen ohne unsere Söhne nicht nach Hause”, sagt Estanislao Mendoza. Er baute im nahe gelegenen Dorf Apango Mais und Bohnen an, bis sein Sohn Miguel Ángel vor einem Jahr verschwand. Jetzt ist sein kleiner Hof verwaist, Mendoza hat sein Leben ganz der Suche nach seinem Sohn gewidmet.

Auf dem Basketballplatz der Uni haben die Eltern 43 Stühle aufgestellt – einen für jeden Vermissten. Margarita Zacarias richtet die Blumen und das Porträt auf dem Stuhl ihres Sohnes in der ersten Reihe. “Miguel Ángel war Friseur, aber er wollte Lehrer werden und die Kinder in den Bergen unterrichten”, sagt die Hausfrau.

In Ayotzinapa ist nichts mehr, wie es einmal war. Das Verschwinden der jungen Männer hat Träume zerstört und Familien zerrissen. “Auch unsere anderen Kinder leiden”, sagt Familienvater Mendoza. “Wir suchen die einen und verlassen dafür die anderen.” (dmz/dpa/hl)