Viva Mexico!

,,El Grito“ und die Militärparade sind ein patriotischer Akt und ein Fest voller Lebensfreude mit langer Tradition

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 15. September– Am 15. und 16. September eines jeden Jahres herrscht in Mexiko-Stadt Ausnahmezustand: Tausende von patriotischen Landsleuten kommen mit Kind und Kegel am Abend auf dem Zijcalo vor dem Regierungspalast zusammen, um das zu zelebrieren, was ihnen heilig ist: Ihre Unabhängigkeit als Nation. Und dass sie sich das Fest nicht verderben lassen wollen, dafür hat in Mexiko-Stadt am Freitag die Regierung bewiesen, als sie die protestierenden Lehrer und deren Sympathisanten vom Zijcalo und aus dem Historischen Zentrum mit Tränengas und Wasserwerfern verjagen lieÄŸ.

Punkt 23:00 Uhr tritt an diesem späten Sonntagabend der Präsident auf den Mittelbalkon seines Amtssitzes und wiederholt den Freiheitsschrei von Dolores (El Grito de Dolores), kurz El Grito, mit dem der Priester Miguel Hidalgo y Costilla1810 in dem kleinen Ort Dolores nordwestlich von QuerÄ©taro die Unabhängigkeitsbewegung einläutete. Für Enrique Peıa Nieto ist es das erste Mal.

,,Viva MÄ©xico“ tönt es vom Balkon, und tausende Kehlen wiederholen mit Inbrunst ,,Viva!“. Wenn dann die Nationalhymne von der Masse gesungen wird, versinkt das Volk in ehrfurchtsvolle Ergriffenheit, die mit der ersten Kanone, die das riesige Feuerwerk ankündigt, in ungebremsten Jubel mündet. Sie tanzen, lachen, stürmen die Imbiss- und Getränkestände, die Cantinas (Kneipen) und Restaurants. Denn erst nach dem Grito endet die Ley Seca, ein gesetzliches Alkoholverbot, das vielerorts in Mexiko an Feiertagen greift.

Die Hauptattraktion am 16. September ist am Vormittag die Militärparade, die begleitet wird von Volksstämmen in ihren typischen, farbenprächtigen Trachten und Musikgruppen sowie den traditionellen Charros.  Am besten beobachtet man den spektakulären Umzug vom Paseo de la Reforma aus – falls die Lehrer und ihre Sympathisanten nicht einen Strich durch die Rechnung machen. Für Sonntagvormittag haben sie einen Mega-Protestmarsch vom Revolutionsdenkmal bis zum Präsidentensitz Los Pinos angekündigt. Der Luftraum über Mexiko-Stadt wird am Vormittag für den zivilen Luftverkehr gesperrt; die Luftwaffe fliegt ihre eigene Parade am Himmel über der Hauptstadt.

El Grito erschallt im ganzen Land

Gefeiert wird im ganzen Land. El Grito erschallt überall: In den Hauptstädten der jeweiligen Bundesstaaten ist es der Gouverneur, der den Ruf zur Unabhängigkeit vom Balkon brüllt, in den kleineren Städten und Dörfern der jeweilige Bürgermeister. Besonders schön sind die Unabhängigkeitsfeiern in den touristischen Hochburgen wie Oaxaca, Puebla, Guanajuato, Queretaro, MÄ©rida und – natürlich – Dolores Hidalgo, wie die Kleinstadt heute zu Ehren ihres Helden Miguel Hidalgo heiÄŸt.

Der September wird auch als der ,,patriotische Monat (mes patria) bezeichnet und steht für den Nationalstolz unseres Gastlandes. Wo man auch hingeht, ob ins Restaurant oder ins CafÄ©, in ein Geschäft oder eine Galerie: Die mexikanische Flagge ziert Fassaden, Schaufenster und Tische, Autos, Balkons – sie ist in allen GröÄŸen zu haben.

Dabei ist der 16. September nicht der eigentliche Tag der Unabhängigkeit vom spanischen Mutterland. Bereits um die Wende vom 17. auf das 18. Jahrhundert gab es erste Stimmen, die die Unabhängigkeit von der spanischen Krone forderten. Es waren zunächst die Kreolen – die in den spanischen Kolonien, in diesem Fall Mexiko geborenen Spanier – die sich gegen den alleinigen Anspruch des Mutterlands auf Macht und Reichtum in Mexiko auflehnten. Sie hatten es unter anderem durch den Abbau von Edelmetallen zu beachtlichem Wohlstand gebracht, wurden aber von der Krone in Spanien diskriminiert – die Gachupines genannten gebürtigen Spanier wurden für Ä„mter und Posten stets bevorzugt. Liberales Gedankengut aus Frankreich und den USA erreichte damals Mexiko und trug so zu den Freiheitsbestrebungen bei. Die spanische Krone machte schlieÄŸlich ein paar Zugeständnisse, indem sie die lokalen Führer mit mehr Vollmachten ausstattete, auf ihren absoluten Machtanspruch wollte sie aber keineswegs verzichten.

Der lange Weg zur Unabhängigkeit

So ist es eine von Miguel Hidalgo y Castillo geführte Gruppe Kreolen, die am 15. September 1810 von Dolores, dem Heimatort Hidalgos, aus den Kampf um die Unabhängigkeit einläutet. Nach anfänglichen Erfolgen unterliegen die Aufständischen 1811 den königstreuen Truppen. Miguel Hidalgo und sein Mitstreiter Ignacio Allende aus dem benachbarten San Miguel (de Allende) werden gefangen genommen und hingerichtet. JosÄ© MarÄ­a Morelos, Priester wie Hidalgo, führt einen weiteren Aufstand an und verkündet 1813 in Chilpancingo, der Hauptstadt des Bundesstaats Guerrero, die Unabhängigkeit. Aber auch die von ihm geführten Aufständischen unterliegen den Truppen des königstreuen Hauptmanns AgustÄ­n de Iturbide und Morelos wird 1815 hingerichtet.

Die Entwicklung ist jedoch nicht mehr aufzuhalten: Nach weiteren Schlachten, die beide Seiten viele Blutopfer kostet, vermittelt General AgustÄ­n de Iturbide schlieÄŸlich zwischen Aufständischen und Royalisten und erklärt 1821, elf Jahre nach Hidalgos Grito, die Unabhängigkeit Mexikos. 1822 lässt er sich zum ersten Kaiser Mexikos Iturbide I. krönen. Erst 1836 erkennt Spanien die Unabhängigkeit Mexikos an. (dmz/hl)

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