Walter Reuter-Preis für herausragende Reportagen

 

Der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Viktor Elbling, bei seiner Ansprache zum Walter-Reuter-Preis  (Foto: Andrea Schneider)

Von  Andrea Schneider und Herdis Lüke

Die preisgekrönten Reportagen enthüllen Korruptionsskandale bei Pemex, bei Grundstückstransaktionen im Bundesstaat Mexiko und im mexikanischen Kongress bei der Vergabe von Haushaltsmitteln für Projekte in Kommunen

Mexiko-Stadt, 12. Dezember 2014 – „Desafios de la corrupción“ (Herausforderungen der Korruption) war das Thema für den diesjährigen Walter Reuter-Preis, der diese Woche für herausragende Artikel im Goethe-Institut in Mexiko Stadt verliehen worden ist. Den  mit 2.000 Euro dotierten ersten Platz erreichte Manuel Hernández Borbolla mit seiner Reportage “El millonario negocio privado de la importación de gasolina de Pemex” (Das private Millionengeschäft des Benzinimports bei Pemex), eine Serie von drei Artikeln, veröffentlicht im Oktober 2013 von der Nachrichtenagentur Quadratín México. Ihm folgen auf dem zweiten (1.500 Euro) und dritten Platz (1.000 Euro) Humerberto Padgett mit uhren Reportagen Antorcha: la maquina de extorsión (Antorcha: Die Maschine der Erpressung), erschienen bei der Online-Zeitung www.sinembargo.mx im April 2014 und „La red de los moches“ (Das Netz der Los Mochos)  vom Rechercheteam der Zeitung AM aus León, Guanajuato.

Der Preis schließt eine einwöchige Reise auf Kosten der Bundesregierung in Deutschland ein sowie einen zehnwöchigen (übertragbaren) Deutschkur im Goethe-Institut.

Der Walter-Reuter-Preis wird von der Deutschen Botschaft, dem Goethe-Institut zusammen mit mehreren deutschen Stiftungen und der deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer (CAMEXA an mexikanische Medien für herausragende Reportagen vergeben. Benannt ist der Preis nach dem Fotografen Walter Reuter, der 2005 im Alter von 99 Jahren in Mexiko gestorben ist. Ihm widmet das Goethe-Institut gerade eine Ausstellung „Der Koffer von Walter Reuter“.  

Die Preisträger des Walter-Reuter-Preises mit dem deutschen Botschafter Viktor Elbling (2. Von rechts). Foto: Andrea Schneider

„Ziel des Walter-Reuter-Preises ist es, den Journalismus in seiner qualitativen Form zu fördern, erklärte der deutsche Botschafter in Mexiko, Viktor Elbling, bei der Verleihung. „In dieser schwierigen Situation, die Mexiko zurzeit durchlebt, spielen die Journalisten und die Kommunikationsmedien eine bedeutende Rolle zum Schutz der Demokratie“.

Diese ist zurzeit in Gefahr: Mexiko belegt nach Angaben des Globalen Barometers für Korruption 2013 den Platz 106 von insgesamt 177 korrupten Ländern, die analysiert wurden. Es vergehen kaum Tage, an denen kein Korruptionsskandal in Mexiko ans Licht kommt. Der Staat, politische Parteien, Gesetzgeber, Gerichte und die Polizei suchen durch illegale Geschäfte ihre Vorteile. In Mexiko ist die Korruption zu einer gesellschaftlichen Interaktion geworden, denn auch die Bürger und die Unternehmen im Land versuchen durch Bestechungen, ihren Nutzen zu ziehen.

Vor diesem Hintergrund forderten wichtige Institutionen in Mexiko, wie die Deutsche Botschaft und die politischen Stiftungen, Journalisten aus ganz Mexiko auf, ihre relevanten Arbeiten zum Thema der Korruption bei der Walter-Reuter-Jury einzureichen, zu der auch die herausragende Journalistin Carmen Aristegui gehört. Mit Erfolg, so der Botschafter: „Die fast 150 eingesandten Beiträge zeigen, dass in Mexiko ernsthaft und selbstkritisch diskutiert wird“. Dies bestätigte auch die hohe Besucherzahl. Die Sitzplätze im Auditorio Altana im Goethe-Institut Saal waren schnell, einige Gäste verfolgten die Veranstaltung von den Stehplätzen aus.

In seiner preisgekrönten Reportage „El millonario negocio privado de la importación de gasolina de Pemex” berichtet Manuel Hernández Borbolla ausführlich über zwielichtige Geschäfte im Ölkonzern. Durch Geldwäschen, in die seine privaten Filialen, darunter auch Petróleos Mexicanos Internacional (PMI) und staatliche Scheinunternehmen, verwickelt seien, fehlten bei der Überprüfung der Treibstoffimporte in den Jahren 2000 bis 2013 rund drei Milliarden US-Dollar in der Kasse. Mittels seiner privaten Filialen habe Pemex sich selbst Multi-Millionen-Verträge zugeschoben, deren Gewinne auf Privatkonten im Ausland verbucht worden seien. “Borbolla greift auf eine Reihe von Werkzeugen des investigativen Journalismus zurück, um ausgewogen und wahrheitgestreu am Beispiel von Pemex zu berichten, wie sich eine Handvoll hoher Funktionäre vorsätzlich und zu ihrem eigenen Nutzen  staatliches Gut aneignen, indem sie über PMI einen Bereich der Ölindustrie de facto privatisieren und den Staat damit berauben”, erklärte die Jury in ihrer Würdigung.

Die für ihren investigativen Journalismus bekannte  Fernseh- und Radiojournalistin Carmen Aristegui ist Präsidentin der Jury des Walrer-Reuter-Journalistenpreises (Foto: Andrea Schneider)

Humberto Padgett León nimmt in seiner Reportage „Antorcha: la maquina de extorsión del PRI“ betrügerische Grundstückstransaktionen unter die Lupe. Danach soll Eruviel Ávila Villegas, Gouverneur des Bundesstaats Mexiko, von seinem Vorgänger und jetzigen Präsidenten Enrique Peña Nieto ein 38 Hektar großes Grundstück für den Preis von 165 Millionen Pesos gekauft haben. Gelder, die Ávilas Regierung aus dem zurückgeflossenen Fonds für den Bau der Metrolinie 12 in der Metropolregion von Mexiko-Stadt benutzt habe. Das Gelände sei in jeweils 2200 Quadratmeter große Grundstücke unterteilt und für einen Preis von 125 bis 150 Millionen Pesos pro Grundstück an die Bauernorganisation Antorcha Campesina verkauft worden. Diese wurde 1974 in Puebla gegründet, um gegen die Armut vorzugehen. Die Grundstücke seien von Antorcha Campesina illegal an die arme Landbevölkerung verkauft worden, die im Gegenzug dafür an politischen Veranstaltungen von Peña Nieto hätten teilnehmen müssen und so als Parteisympathisanten aufgetreten seien. Außerdem hätten sie zugunsten der Siedlungen auf den Grundstücken Beiträge an die Antorcha Campesina zahlen sollen. Die Jury würdigte den Beitrag wegen seiner “drastischen Zeugenaussagen” über das Tauschgeschäft von Stimmen bei politischen Wahlen gegen das Recht auf Wohnen auf dem eigenen Grundstück. Padgetts Beitrag zeige eine „tiefe Kenntnis der Machtverflechtungen und die institutionellen Erpressung im mexikanischen Staat“, sagte Aristegui.

Die vierteilige Serie „La red de los moches*“ (Das Netz der Korrupten), verdeutliche den Ermessensspielraum bei der Verwendung des nationalen Haushalts, die Abzweigung von Geldern zu Gunsten von Parteispitzen im Kongress und dem illegalen Nutzen öffentlicher Mittel für politische Kampagnen. „Wir haben eine journalistische Untersuchung vor uns, deren Tragweite und Daten ausreichen, um zu einer gerichtlichen Untersuchung zu führen”, sagte Aristegui im Namen der Jury. Danach sollen mindestens ein Dutzend Bürgermeister von Abgeordneten des Kongresses gezwungen worden sein, ihnen “Kommissionen” (sprich Schmiergelder) im Gegenzug dafür zu bezahlen, dass sie ihnen einen höheren Haushalt für ihre Kommunen zukommen ließen. Genannt werden konkret die Fraktionsführer der PAN, Luis Alberto Villarreal, und der Regierungspartei PRI, Manlio Fabio Beltrones. Nach Angaben der Reportage war Celaya (Guanajuato) die Gemeinde, die durch die dunklen Machenschaften den größten Anteil der illegalen Gelder verzeichnen konnte. Es ist die Rede von 160 Millionen Pesos extra, von einer Gesamtsumme von einer Milliarde Pesos für ein Asphaltierungsprojekt, bei dem 35 Prozent Kommission bezahlt worden seien. Bei der Prozedur seien Verträge über Strohmänner mit Scheinfirmen abgeschlossen worden. So habe Villarreal die Bürgermeister aufgefordert, Verträge mit Unternehmen von anderen Politikern abzuschließen, um auf diese Weise das Geld wieder in die Kasse zu bekommen.

Der Medienpreis, der in diesem Jahr zum achten Mal verliehen wurde, trägt in Würdigung des Pioniers des Foto-Journalismus den Namen von Walter Reuter. Er wurde 1906 in Deutschland geboren und kam 1942 als politischer Flüchtling nach Mexiko, wo er seine neue Heimat fand, um seine Arbeit als Fotograf und Filmemacher weiterzuführen. Walter Reuter wurde mehrfach für seine fotografische und filmische Leistung ausgezeichnet, darunter mit dem Bundesverdienstkreuz. (dpa/dmz/hl)

*“Los moches” bedeutet im Volksmund “Korrupte” und “mocharse”, einen Gefallen im Gegenzug für einen anderen Gefallen zu verlangen, also zu bestechen.




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