Wende im Fall Ayotzinapa? Mutmaßlicher Auftraggeber des Studentenmassakers gefasst

Die 43 Studenten sollen auf einer Müllhalde getötet und verbrannt worden sein (Foto: almomento.mx)

Mexiko-Stadt, 18. September 2015 – Er soll den Mord an den 43 jungen Männern vor einem Jahr in einer Müllhalde bei Iguala angeordnet haben. Laut Staatsanwaltschaft hielt „El Gil“ die Studenten des Lehrerseminars von Ayotzinapa für Mitglieder einer verfeindeten Bande. Erst zwei der Opfer wurden identifiziert. Seine Aussagen gelten als Schlüssel zur Wahrheit über die fatale Nacht vom 26. auf den 27. September letzten Jahres.

Knapp ein Jahr nach der Entführung und dem mutmaßlichen Massaker an den 43 Studenten des Lehrerseminars in Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero hat die Bundespolizei in der Silberstadt Taxco Gildardo López Astudillo alias „El Gil“ gefasst. Das bestätigte am Donnerstagabend der Nationale Sicherheitsbeauftragte Renato Sales. Bei der Festnahme in dem bei Touristen beliebten Städtchen in den den Bergen von Guerrero sei kein Schuss gefallen.

„El Gil“ soll der Regionalchef der kriminellen Organisation „Guerreros Unidos“ sein. Er hatte sich fast ein Jahr lang einer Festnahme entziehen können, weil er immer immer wieder den Wohnort wechselte. Nach einer längeren Observierung durch den Geheimdienst und die Polizei griffen die Beamten am Mittwoch schließlich zu.

„Sie werden sie nie finden“

Wie der Anwalt der Angehörigen, Vidulfo Rosales, am Freitag in einem Interview mit dem Radiosender Fórmula erklärte, habe Gildardo López ausgesagt, den Transport der Studenten in ein Haus nach Loma de Coyote angeordnet zu haben. Hier habe er die Studenten verhört und sie anschließend auf Kleintransporter verfrachtet. Rosales zitierte außerdem Aussagen des Chefs der „Guerreros Unidos“, Sindronio Casarrubuas, wonach „El Gil“ ihm eine Nachricht geschickt mit folgendem Wortlaut geschickt habe: „Wir haben Staub aus ihnen gemacht und sie in den Fluss geworfen, sie werden sie nie finden.“ Er, „El Gil” sei der Kontakt zu den Polizeieinheiten gewesen, die ihnen in Guerrero Schutz geboten hätten.

Der Anwalt appellierte an die Ermittler, alle ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, so viel wie möglich aus „El Gil“ herauszuholen. „Er ist der Schlüssel.“ Er habe das Wissen, das zur Wahrheit führen könne. „Die Generalstaatsanwaltschaft muss jetzt nur richtig arbeiten“, betonte Vidulfo Rosales.

Gekaperte Busse, blockierte Autobahn

Der Fall der 43 Studenten aus Ayotzinapa brachte die bis zu dem Zeitpunkt erfolgsverwöhnte Regierung von Enrique Peña Nieto in Bedrängnis. Die „Normalistas“, wie die Studenten in Anlehnung an die „Escuelas Normales“ bezeichneten Lehrerseminare im Land genannt werden, waren wegen ihrer teilweise rabiaten Proteste gegen die schlechte Ausstattung und die Lebensbedingungen in den Seminaren nicht gerade beliebt. Vor allem die Studenten aus Guerrero brachten Regierung, Reiseunternehmer und Touristen häufig gegen sich auf: Immer wieder kaperten sie Überlandbusse oder hinderten diese daran, weiterzureisen. Nicht selten blockierten sie stundenlang die Autobahn zwischen Cuernavaca und Acapulco in beiden Richtungen. Mit ihren Aktionen versuchten sie auch Gelder einzutreiben.

Der 26. September 2014 schien wieder so ein Tag. Örtliche Polizisten hatten die Studenten observiert, die Busse gekapert hatten. Ihr Ziel: Iguala, wo sie eine Versammlung der Frau des Bürgermeisters stören wollten. Am Abend griff die Polzei die Busse an; im Kugelhagel der Polizei starben bereits mehrere Studenten sowie unbeteiligte Zivilisten, darunter auch junge Fußballspieler, die in einem unbeteilgten Bus saßen. Videoaufnahmen von Straßenkameras zeigen, wie die überlebenden Studenten in Pick-ups und Vans der Polizei fortgefahren werden.

Mehrere im Zuge der Ermittlungen festgenommene Bandenmitglieder räumten ein, die jungen Männer getötet und ihre Leichen auf der Müllhalde im nahen Cocula verbrannt zu haben. Den Auftrag, die Studenten zu verschleppen und zu töten, soll der Bürgermeister von Iguala gegeben haben, dessen Frau an dem Abend als Präsidentin der staatlichen Familien- und Kinderschutzorganisation eine Rede hielt. Die Frau des Bürgermeisters, ein reicher Juwelier und Immobilienunternehmer, soll zu einer regionalen Drogenhändlerfamilie gehören. Wochen nach dem Verschwinden der Studenten wurde das Ehepaar in Mexiko-Stadt festgenommen, wo es untergetaucht war. Der Vorfall warf ein Schlaglicht auf die engen Kontakte zwischen Politik, Sicherheitskräften und organisiertem Verbrechen in Mexiko.

Mittlerweile sind 111 Verdächtige in Haft, nun auch der Ausführende des Mordauftrags. Einige sagten aus, es sei „El Gil“ gewesen, der angeordnet habe, die Studenten auf einer Müllhalde bei Cocula zu töten und ihre Leichen zu verbrennen. Den Ermittlungen zufolge schrieb er dem Chef der Guerreros Unidos, Sidronio Casarrubias Salgado, zuvor eine Nachricht, bei den jungen Männern handele es sich um Mitglieder einer rivalisierenden Bande. Casarrubias Salgado ordnete daraufhin an, “das Territorium zu verteidigen” und „El Gil“ führte den Auftrag aus.

Bislang sind erst zwei Opfer identifiziert. Experten der Universität Innsbruck ordneten in Cocula entdeckte Leichenteile zwei Studenten des Lehrerseminars Ayotzinapa zu. Die Angehörigen der jungen Männer bezweifeln jedoch nicht nur das Untersuchungsergebnis der österreichischen Forensiker, sondern überhaupt die offizielle Version der Ereignisse. Eine unabhängige Expertenkommission nährt diese Zweifel. Danach ist es gar nicht möglich gewesen, die Leichen auf der Müllhalde so zu verbrennen, wie die Festgenommenen es behauptet haben. Auch die Nationale Menschenrechtskommission von Mexiko hat die Arbeit der Ermittler kritisiert. (dmz/hl mit Material von dpa)




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