Zahlreiche Verletzte bei Zusammenstößen in Chilpancingo

 

Bei den Zusammenstößen steckten Demonstranten Polizeifahrzeuge in Brand (Foto: almomento.mx)

Auslöser der Zusammenstöße soll eine Gruppe betrunkener Polizisten sein, die Studenten des Lehrerseminars von Ayotzinapa vor einem Solidaritätskonzert in Chilpancingo angegriffen haben.

Chilpancingo, 14. Dezember 2014 –  Mindestens 16 Menschen sind bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Bundespolizisten am Sonntag in Chilpancingo im Bundesstaat Guerrero verletzt worden. Acht der Verletzten seien Polizisten. Drei Polizeifahrzeuge seien wenige Stunden später von Vermummten in Brand gesetzt worden, berichtete die Tageszeitung «Reforma».

Laut «Reforma» wollten die Demonstranten Straßensperren anlässlich eines Rockkonzerts mit zehn Bands, darunter die populäre Gruppe Panteón Rococó, errichten. Unter dem Motto „Ein Licht in der Dunkelheit“ (Una luz en la oscuridad)  sollte damit der 43 Lehramtsstudenten gedacht werden, die Ende September in Iguala verschleppt und mutmaßlich ermordet wurden. Das Konzert wurde nach der „Provokation der Studenten seitens der Bundespolizei“ abgeblasen, bestätigte ein Sprecher von Panteón Rococó.

Wie die Onlinezeitung «sinembargo.com» berichtet, seien die Studenten am frühen Sonntagmorgen in zwei Bussen unterwegs in Chilpancingo gewesen, wo sie das Konzert vorbereiten wollten. Eine Gruppe „betrunkener“ Polizisten in Zivil sei in einem Taxi gekommen, habe sie angehalten und zwei der Studenten aus Ayotzinapa attackiert. Daraufhin seien immer mehr Unterstützer der Studenten, darunter auch Familienangehörige der Opfer, dazugekommen.

Die Demonstranten haben «sinembargo.com zufolge die fünf betrunkenen Polizisten festgehalten. 300 Bundespolizisten seien daraufhin angetreten, um ihre Kollegen aus den Händen der Demonstranten zu befreien. Die Nationale Vereinigung der Demokratischen Anwälte erklärten in einer Pressemitteilung, die fünf Bundesbeamten seien in ein Hotel gegangen, aus dem rund 30 uniformierte Bundespolizisten, darunter fünf bewaffnete, herausgekommen seien. Andere Medien berichten dagegen, dass Mitglieder der Lehrergewerkschaft  CETEG in das Hotel eingedrungen seien, um die fünf Polizisten wieder einzufangen, die sie zuvor festgehalten hätten. Im Zuge der Auseinandersetzungen sei die Polizei mit Tränengas gegen die Demonstranten vorgegangen.

 „sinembargo.com“ zitiert das Menschenrechtszentrum Montaña Tlachinollan, die dem Roten Kreuz in Chilpancingo vorwirft, eine Behandlung der verletzten Demonstranten abgelehnt zu haben. Sie seien dann auf andere Krankenhäuser verteilt worden. Ihnen seien ihre Telefone, Schuhe und Geldbörsen abgenommen worden.

Auch der Korrespondent von «Reforma» berichtete von betrunkenen Polizisten. „Alles fing am frühen Sonntagmorgen an, als fünf offensichtlich betrunkene Bundespolizisten zwei Studenten aus Ayotzinapa attackiert haben, die mit der logistischen Vorbereitung des Rockkonzerts betraut waren». 

Die Überreste von einem der 43 verschleppten Studenten sind vor einer Woche unter den verkohlten Knochenresten identifiziert worden, die zuvor in einem Müllbeutel am Rande der Müllhalde von Cocula an einem Flussufer gefunden worden waren. Bislang sind 80 Menschen wegen des Falls verhaftet worden, unter ihnen 44 Polizisten sowie der Bürgermeister von Iguala und seine Frau, die als Drahtzieher des Massakers gelten.

Die Demonstranten, allen voran die Eltern der Opfer, fordern die Aufklärung der Tat. Sie glauben nicht an die Version der Regierung, wonach festgenommene Mitglieder der kriminellen Organisation «Guerreros Unidos» gestanden haben, dass sie die Studenten getötet und anschließend auf der Müllkippe des Ortes Cocula unter Stapeln von Gummireifen und Plastik verbrannt haben wollen. Diese Version sei nicht schlüssig, argumentieren die Eltern und berufen sich auf einen Wissenschaftler der UNAM, demzufolge 33 Tonnen Holzscheite und 53 Kilo Gas pro Körper nötig gewesen wären, damit nur noch Asche und verkohlte Knochen übrigblieben. Vielmehr seien die gefundenen Knochenreste „gesät“ worden, um ein Ermittlungsergebnis vorzuweisen. Der Tatort könne nicht die Müllhalde sein. Am 27. September, dem Tag des Massakers, sei in Cocula auch keine Rauchsäule zu sehen gewesen.

Das Massaker an den Studenten hat die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto in eine schwere Krise gestürzt. Im ganzen Land und im Ausland werden seitdem Massenproteste gegen die Regierung organisiert. In den sozialen Medien hat sich die täglich größer werdende Gruppe protestierender Bürger„#YaMeCansé“ (ich bin müde) formiert. Der Name geht auf die Worte zurück, mit denen der mexikanische Bundesgeneralanwalt Jesús Murillo Karam die Pressekonferenz beendete, in der er erstmals über die gefundenen menschlichen Überreste in Cocula berichtet und Videoaufnahmen der Verhöre der festgenommenen Bandenmitglieder präsentiert hatte. (dmz/hl mit Material von  dpa; Foto: www.almomento.mx)