Zeichen aus der Vogelperspektive: Ausstellung W. Holderieds „Eine Insel für die Zeit“ in Mexiko

 

Zeichen aus der Vogelperspektive: Ausschnitt aus „Eine Insel für die Zeit“, von Wilhelm Holderieds Fotoausstellung im German Centre in Mexiko-Stadt (Fotos: Herdis Lüke)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 27. September 2015 – Jeder hat einmal von den merkwürdigen Erdzeichen von Außerirdischen gelesen, die der Schweizer Hobbyforscher und Autor Erich von Däniken in seinen Büchern beschreibt. Auch „Eine Insel für die Zeit“ ist nur aus der Luft zu sehen, aber durchaus irdisch und doch überirdisch

Erfunden und geschaffen hat das Erdzeichen der Münchner Künstler Wilhelm Holderied (72). Zu sehen ist es bis 9. Oktober in einer Fotoausstellung im German Centre in Santa Fe.

Die Insel für die Zeit liegt in der Nähe des Münchner Flughafens im Erdinger Moos und ist nur vom Flugzeug aus zu sehen. Sie sieht aus wie ein riesiger Notenschlüssel oder eine ungleichmäßige auslaufende Acht geformt aus 3,40 Meter tiefen Furchen mit einer Gesamtlänge von 3100 Metern, die sich auf 40.000 Quadratmeter ausdehnen. „Eine Insel für die Zeit“ ist ein Aufruf, innezuhalten. Denn wer viel reist, vor allem geschäftlich, ist viel im Stress und verliert zuweilen den Blick für die Schönheiten der Erde und für sich selbst. So hat es also mit der Fliegerei zu tun, und nur die nehmen es wahr, die wirklich die Augen aufhalten. Zum Beispiel Piloten wie Joannis von dem Borne, der „fliegende Erzähler“.

Warum zeigt Holderied seine Arbeit in Mexiko? „Mir kam die Idee dazu im Flieger von Mexiko-Stadt nach Puerto Escondido in Oaxaca, weil fliegen ist langweilig, man weiß nicht, wo man ist. Am liebsten wäre man ein Hund, der seine Markierung überall hinterlässt. Auf keinem Airport wird man von einem Zeichen der Kunst verabschiedet und begrüßt“, erklärt Holderied seine Gedanken im Gespräch mit der Deutschen Mexiko-Zeitung. Jener Flug ist nun 30 Jahre her. Dieses Zeichen, dachte er damals, müsste mindestens so groß sein wie ein Flugzeug. Und es sollte ein Gegenzeichen zur Hektik sein, ein Zeichen der Ruhe, wo die Zeit ein Reservat haben sollte.

Der Schöpfer des Erdzeichens Wilhelm Holderied vor seinem Werk, das ein Zeichen gegen die Hektik unserer Zeit setzt

Zunächst dachter er an eine Maske und malte viele Zeichen in den Sand am Pazifik, bis er den Bogen spannte zum Erdinger Moos am Münchner Flughafen. Weltweit war es die erste Figur, die speziell für Fluggäste geplant und verwirklicht wurde.

Von der Idee bis zur Realisierung vergingen zehn Jahre – und das Projekt kostete viel Geld. Am 28. September 1994 rückte auf dem Feld zwischen der Autobahn Deggendorf und dem Flughafen endlich der erste Bagger an und begann, die Furchen auszuheben. Neun Monate arbeiteten vier Baggerführer daran, bis es am 17. Mai 1995 eingeweiht werden konnte. Holderied hat Sponsoren gefunden – der Münchner Flughafen war damals noch nicht darunter – ein gemeinnütziger Verein wurde gegründet, deren Mitglieder sich um den Erhalt und die Pflege des Erdzeichens kümmern. Es hat sich im Lauf der Jahre auch in ein einzigartiges Biotop verwandelt, weil nie irgendwelche Insekten- und Pflanzengifte zum Einsatz gekommen waren. Diese wollen gepflegt werden: Jeden Sommer kommen Mitglieder zum Jäten der Furchen.

Der „fliegende Erzähler“

In dem Lufthansa-Piloten Joannis von dem Borne hat Holderied einen besonderen Mitstreiter und Unterstützer, um nicht zu sagen, seinen größten Bewunderer gefunden. Holderied nennt den 49-järhigen einen begnadeten Redner, und das ist noch untertrieben. Seine Rede über den Traum vom Fliegen, über Otto Lilienthal und Antoine St. Exupéry, über die moderne Fliegerei ist Erzählkunst vom Feinsten, einfach mitreißend. Wer es am vergangenen Donnerstag nicht zur Eröffnung geschafft hat, hat wirklich etwas versäumt.

Wilhelm Holderied (re.) und der „fliegende Erzähler“ Joannis von dem Borne im German Centre

Der Pilot, bei aller Technik, sieht sehr wohl, erklärt von dem Borne, er folgt auf seinem Flug immer irgendwelchen Zeichen, die ihm den Weg weisen: „Landschaftsformen, Berge, Hügel, Flussläufe, oder von Menschen geformte Veränderungen: Straßen Felder, Gebäude. All das bekommt von oben einen neuen Zusammenhang, der uns letztlich hilft, uns zu orientieren.“

Seitdem von dem Borne das Erdzeichen kennt, fasziniert ihn die Idee, einem bestimmten Ort der Erde ein eigenes Gesicht zu geben. „Und immer wieder mit anderem Aussehen. Mal umrahmt von Kornfelderm, dann gelbem Raps, satten Grün des Grases oder im Winter verschneit: Eine Insel für die Zeit.“

Wahrgenommen hat von dem Borne das Erdzeichen vor 20 Jahren beim Anflug auf München. „Die Bahn Richtung Osten lag vor uns, mein Blick schweifte nach rechts, um ein Flugzeug auf der Parallelbahn zu beobachten, da sah ich diese Zeichen am Boden, doch bevor ich es richtig wahrnahm, war es wieder vorbeigehuscht, und kurze Zeit später rollten wir auf der Bahn aus. Später einnerte ich mich daran. Sollte es ein Kunstwek nur für die fliegenden Menschen sein? Ein Kunstwerk, das man nur ‚von oben‘ richtig erfassen kann?“ Er fragte sich, was es wohl darstellen sollte, einen Notenschlüssel, eine liegende Acht, ein „Zeichen für Unendlichkeit“? „Heute weiß ich, jeder sieht etwas anderes darin.“ Der Pilot war neugiering, suchte nach dem „Macher“ dieses Zeichens und fand ihn in Wilhelm Holderied.

Der Flughafen als Taktgeber der Zeit

Durch das Erdzeichen, so von dem Borne, habe der Flughafen in München sein eigenes Gesicht bekommen, es „gehört zu diesem Ort wie die Landebahnen oder der Tower“. Der Flughafen als Taktgeber der Zeit: „Die Menschen eilen hinein, hinaus. Erfahrene Vielflieger neben aufgeregten Urlaubern, strahlende Kinder, Abreisen, Ankommen, Abschied, Wiedersehen, Trauer, Freude – alles ist sehr dicht beeinander.“

„Die großen Anzeigentafeln erzählen davon, wo die Menschen hinreisen, wo sie herkommen: Die ganze Welt scheint hier vereint, Ziel oder Herkunft der reisenden, fliegenden Menschen.“ Das Erdzeichen am anderen Ende des Fllughafen „ist ein Zeichen für die Beständigkeit und Orientierung in all dem Trubel.“

Joannis von dem Borne hat Germanistik studiert, bevor er Pilot wurde. Kein Wunder, dass er als „Meister des Erzählens“ gilt. Außerdem beschäftigt er sich mit der Zauberkunst und tritt unter dem Namen „Janis“ regelmäßig auf. Er verbindet seine Kunst mit den Geschichten und Bildern seiner Reisen und hat mehrere Preise gewonnen.

Über das Erdzeichen am Münchner Flughafen ist das Buch „Bewahrt eine Insel für die Zeit“ erschienen mit vielen Fotografien und Texten verschiedener Autoren zum Kunstwerk ansich und das Biotop, das damit entstanden ist ( ISBN 978-3-00-034770-2). Über Holdenried gibt es verschiedene Kunstbücher über seine Malerei und seine Installationen. Einige davon hat der Künstler zu seiner Ausstellung mitgebracht. Sie ist noch bis 9. Oktober zu sehen.

German Centre, Av Santa Fe 170, Zedec Sta Fé, Mexiko-Stadt; Öffnungszeiten montags bis sonntags 08:00 – 18:00 Uhr). (dmz/hl)