Geheimnisvolles Tepoztlán – Dorf voller Leben, Magie und und Traditionen

Blick auf den Tepozteco

Von Sandra Weber

Fotos: Herdis Lüke

Foto Pyramide Tepozteco: Sectur Morelos

Tepoztlán – „Tepoztlán es mi vida” („Tepoztlán ist mein Leben“) – so  lautet der offizielle Leitspruch des malerischen Orts Tepoztlán im Bundesstaat Morelos. Stolz und Patriotismus der Bewohner schwingen da mit. Aber auch Erholungssuchende, Esoterik-Touristen, Aussteiger und Künstler aus aller Welt schätzen den besonderen Charme von Tepoztlán. Doch was genau macht diesen Charme aus? Wir haben uns auf Spurensuche nach „Tepoz“ begeben.

Die 75 Kilometer südlich von Mexiko-Stadt gelegene Ortschaft gilt als Magischer Ort, als eines der „Pueblos Mágicos“, die es in ganz Mexiko, vor allem im zentralmexikanischen Hochland, gibt (121 im Jahr 2019). Der Name Tepoztlán kommt aus dem Náhuatl, und bedeutet „Nahe der aztekischen Gottheit Tepoztécatl“ oder auch: „Ort des reichlich vorhandenen Kupfers“. Man sagt, wer „Tepoz“ ein Mal besucht hat, kommt so schnell nicht wieder davon los. Man sagt auch, Tepoztláns Berge seien verzaubert und dass die eine besondere Energie ausstrahlen.

Nach etwas mehr als einer Stunde atemberaubender Fahrt durch wilde Landschaften, eine Höhe von 3000 Meter überwindend, kommt der Bus aus Mexiko-Stadt in Tepoztlán an. Wir fühlen uns nicht abgestoßen, im Gegenteil – eher angezogen. Was am kleinen Busbahnhof an der Tankstelle sofort auffällt, sind einige Europäer und Nordamerikaner – ist doch „Tepoz“ bekannt dafür, ein Auffangbecken zu sein für Eso- und Ökotouristen, Sinnsuchende und Auswanderer aus aller Welt.

Nach einer kurzen Taxifahrt erreichen wir das 14 130 Seelen-Dorf, über holprige wie hügelige Kopfsteinpflaster, vorbei an Wellness-Hotels, kleinen Läden mit buntem Kunsthandwerk, vielen Cafés, der bekannten Eisdiele „Tepoznieves“ und vielen mexikanischen wie internationalen Restaurants. Ein kleiner Zócalo fügt sich perfekt ins Gesamtbild ein und ein beeindruckendes Dominikanerkloster deutet auf eine interessante Geschichte des Ortes hin. Die verwinkelten Gassen sind gesäumt von Jacaranda- und Limonenbäumen.

Überschaubar, bunt und lebendig ist dieses Dorf auf 1400 Metern Höhe. Umgeben von majestätischen Bergen, die über „Tepoz“ wachen – auf einem von ihnen thront die Pyramide „El Tepozteco“ – scheint das idyllische Bergdorf ein Ort der Ruhe zu sein, ein Ort zum „die-Seele-baumeln-lassen“.

Fiestas, Cohetes und Musik – es herrscht Partystimmung

Doch plötzlich wird die Idylle unterbochen von einem lauten Knall. Ein Feuerwerkskörper, ein „Cohete“ wurde gezündet, wie Dorfbewohner erklären. Diesem folgt ein Zweiter und ein Dritter. Tepoztláns Berge, allen voran der imposante Ehecatepetl (bennant nach Ehecatl, Gott des Windes) erzeugen ein Echo mit Gänsehaut-Feeling. Nicht selten ist dies der Auftakt für ein großes Feuerwerk, oft bleibt es bei vereinzelten Böllern. Die „Cohetes“, seien hier was ganz Alltägliches, erkären die Dorfbewohner weiter – ob zu Ehren eines Heiligen, zur Geburt oder zum Tod eines „Tepoztecos“, wie man die Einwohner hier nennt, einen Grund zu Feiern gibt´s hier eigentlich immer. Es heißt, sich schnell an die „Cohetes“ zu gewöhnen, denn sie gehören zu Tepoztláns Geräschkulisse wie das nächtliche Hundegeheul, das morgendliche Hahnkrähen, der lautstarke Tamales- und Empanadas-Verkäufer sowie die Musik vom Band aus der Dorfkirche, die das ganze Dorf beschallt. Mexiko wäre nicht Mexiko, wäre es still.

Überhaupt scheinen die „Tepoztecos“, mitsamt den „Tepoztizos“, wie die hier ansäsigen Ausländer genannt werden, ein feierwütiges Volk zu sein. Neben den religiösen und patriotischen Festen, die überall in Mexiko gefeiert werden, wie Ostern, Weihnachten, Silvester, der Unabhängigkeitstag und der „Día de los Muertos“ (Totentag), finden unzählige Feste zu Ehren der diversen Schutzheiligen der Dorfviertel wie Santo Domingo, San Sebastián, La Santísma Trinidad oder San Miguel statt. Zum “Día del Tiznado” (übersetzt: Tag des Geschwärzten) am 21. Januar schwärzen sich die kleinen und großen Tepoztecos ihr Gesicht und tanzen zum Rhythmus der Kappelle. Die geschwärzten Gesichter sollen den Apostel Sebastian repräsentieren, der sich sein Gesicht schwarz anmalte, um die Wächter der gefangenen Christen zu täuschen und diesen das Evangelium zu predigen. Die meisten Besucher zieht es alljährlich aber zu den ganz großen Festen: Der „Carnaval“ und Ostern  sind die bekanntesten.

Beim Karneval laden die „Chinelos“ zum Tanz ein

Wer Tepoztlán im Ausnahmezustand erleben möchte, sollte zum Karneval im Februar oder März zu Besuch kommen:  Es ist die Zeit des „Carnaval“ und der „Chinelos“. Vier Tage vor Aschermittwoch beginnt das Spektakel. Tagelang laufen die Karnevalskapellen schon in den sehr frühen Morgenstunden durch die Gassen und wecken die Bewohner. Jedes Viertel hat seine eigene Kapelle und die Gastgeber, die den Karnevalisten Speis und Trank geben, stehen früh fest. Das Repertoire an Liedern ist nicht groß und so hat man nach einigen Tagen der immer wiederkehrenden Karnevalsumzüge den Eindruck, die Feierwütigen schlafen nie – und man selbst hat für Tage den immergleichen Refrain und Rhythmus im Kopf.

Um 16 Uhr treffen sich die Kapellen auf dem Marktplatz. Die Verkaufsstände des Marktes wurden vorher extra für die „Chinelos“ abgebaut. Diese erkennt man an ihren Kostümen, bestehend aus Sombrero, Tunika, Maske und Umhang mit vielen Verzierungen. Die früher obligatorischen Stiefel weichen immer öfter gemütlichen Sportschuhen. Schaut man sich die Masken mit ihren blauen Augen und langen Bärten genauer an, wird schnell klar, dass hier auf satirische Weise die spanischen Eroberer repräsentiert werden. Die Tuniken wiederum spiegeln den arabischen Einfluss wider. Der Höhepunkt der Zeremonie ist der berühmte „Brinco del Chinelo“ – Die „Chinelos“ fangen an, im Rhythmus des Paukenschlags zu tanzen, dabei bewegen sich nur Füße und Hüften, immer wieder hüpfen sie wie Marionetten nach oben. Bald macht auch das schon lange gespannt wartende Publikum mit. Marktplatz und Zócalo sind eine einzige tanzende energiegeladene Masse, stundenlang wird der „Brinco del Chinelo“ getanzt, bis spät in die Nacht.

Woher dieser Brauch kommt, darüber gibt es verschiedene Versionen. Eine besagt, dass die Tlahuicas, die damals vorherrschende Kultur in dieser Region, sich mit dieser Kostümierung über die Spanier lustig machten, die in ihren Haziendas Feste feierten, von denen  die Tlahuicas ausgeschlossen waren. Alkohol trinkend erfanden sie der Legende nach den „Brinco del Chinelo“, der seit des ersten Karnevals in Tepoztlán 1852 getanzt wird.

Es wird viel gegessen beim Karneval. Die Straßen sind voller Stände, die alles auffahren, was das Herz des „Tepoztecos“ – wie auch des „Tepoztizos“ – begehrt. Viele traditionelle mexikanische Gerichte wie Babacoa, Quesadillas, Gorditas, Chalupas, Tlacoyos, Cecina, werden angeboten, dazu Spezialitäten aus „Tepoz“ wie die Itacates, dreieckige Maisfladen in Creme und Salsa mit geriebenem Käse. Immer wieder bestaunen Besucher die blauen Maistortillas, die besonders im Süden von Mexiko beliebt sind, und ihre Farbe aus der Verwendung von Maismehl aus blauem Mais bekommen. Wer besonders experimentierfreudig ist, probiert die blauen Tortillas mit Huitlacoche, einem Pilz, der Maiskörner befällt und in Mexiko als Delikatesse gilt– es schmeckt garantiert lecker!

Tepoztlán ist bis weit über seine Grenzen hinaus bekannt für sein Eis. Die bunten „Tepoznieves-Läden“ kann man nicht übersehen. Ausgeschmückt mit mexikanischer Folklore in den intensivsten Farben bieten sie Eissorten wie Kokos mit Gin, Tequila mit Limone, Milchreis, Mezcal-Tequila, Chilli-Karotte oder Maiseis mit Cajeta – einer Süßigkeit aus Ziegenmilch – an. Inzwischen haben die „Tepoznieves“ allerdings Konkurrenz bekommen: Leckeres Eis wie ebenso leckere Pizzas bieten die Italiener von „Los Calzones de Tepoz“ und „La Pizza a la Leña“ an – ein Stück Italien mitten im Herzen Mexikos!

Aber natürlich wird beim „Carnaval“ auch getrunken, und das nicht zu wenig. Neben nicht alkoholischen traditionellen Getränken wie dem Kräftespender Atole (ein Mix aus Mais, Zucker und Milch), fließen massenhaft Bier, Mezcal, Pulque und Tequila.

 Nicht alles ist eitel Sonnenschein: Alkohol ein großes Problem

Tepoztlán und der Alkohol – auch das ist ein Thema für sich. Einiges läuft anders in „Tepoz“ als im Rest des Landes. Der öffentliche Genuss von Alkohl auf den Straßen ist in Mexiko eigentlich verboten. Gleich beim ersten Spaziergang fallen hier die vielen feiernden Menschen auf. Sie sitzen am Straßenrand mit einer Caguama (1-Liter-Bierflasche) oder einer Michelada (ein Biermischgetränk aus Bier, Limettensaft, Salz und Chillisoße). Dieses Straßenbild kennt man so von Mexiko nicht, denn der öffentliche Genuss von Alkohl auf den Straßen ist verboten. Im Rest des Landes sind in Plastiktüten eingepackte Bierflaschen zum „Heimlichtrinken“ verbreitet. In „Tepoz“ gibt es aber keinen Grund zum Heimlichtrinken. So kommen junge Mexikaner aus der Hauptstadt am Wochenende nach Tepoztlán, um zu feiern  – da sie hier bei einer Höhe von 1400 Metern größere Mengen an Alkohol vertragen als in Mexiko-Stadt, das auf 2240 Metern liegt, wie ein Besucher sagt.

Die vielen Feste machen aus Tepoztlán ein weltoffenes, lebenslustiges, tolerantes Städtchen, aber der hohe Alkoholkonsum hat auch seine Schattenseiten. Immer wieder gibt es Meldungen über Schlägereien und Vergewaltigungen. 2009 verlor das Dorf seinen Status als „Pueblo Mágico“(Magischer Ort)  – wegen Nichteinhaltung der Vorschriften. „Pueblos Mágicos“ ist ein von früheren Regierungen geschaffenes Programm zur Förderung touristisch und historisch bedeutender Orte im Land. Auch der hohe Alkoholkonsum passte nicht mehr zu den Kriterien eines „Pueblo Mágico“. Seit 2012 darf sich Tepoztlán wieder „Pueblo Mágico“ nennen. Kampagnen zur Reduzierung des Alkoholkonsums werden seither durchgeführt – bisher ohne großen Erfolg.

Internationales Flair, Traditionen und Spiritualität

Davon abgesehen geht es in Tepoztlán aber ausgeprochen friedlich zu. Respektvoll und freundlich begegnen sich hier die verschiedenen Kulturen. Die „Tepoztecos“ sind für ihren Zusammenhalt und ihre kommunalen Organisationsstrukturen bekannt, fast schon starrsinnig werden Traditionen verteidigt. Der alteingesessene „Tepozteco“ verteidigt sein Dorf gegen den Bau einer Autobahn oder eines Einkaufszentrums ebenso vehement wie der europäische oder amerikanische Neuankömmling, der sich – satt vom McDonalds- und Starbucks-Überangebot daheim – über das Traditionsbewusstsein des eigenwilligen Bergdorfes freut. Mexikaner und Ausländer achten sich gegenseitig, das Dorf lebt von der Freigeistigkeit und des Austausches der verschiedenen Nationen. Trotz aller Willkommenskultur und Offenheit bleibt aber trotzdem klar, dass die „Tepoztizos“ eben keine „Tepoztecos“ sind, Fremde werden nicht gleich in alle überlieferten Gebräuche eingeweiht.

Berühmt für seinen Mystizismus und seine Spiritualität zieht Tepoztlán viele Künstler aus aller Welt an. Witzelnd erzählt man sich, man treffe drei Typen von Menschen im Dorf an, entweder Schamanen oder Musiker, wenn nicht eines von Beidem, dann müsse es sich um Filmproduzenten handeln. In der Tat trifft man auf hochinteressante Lebensbiografien – vom Kanadier, der in „Tepoz“ gitarrespielend überwintert über den älteren Mexikaner, den es bereits in alle Welt verschlagen hat und sich nun in Tepoztlán zur Ruhe setzt, bis hin zum Apachen-Indianer aus Colorado, der zeremonielle Riten in Amatlán, Geburtsort von Quetzalcoatl, aztekischer Gott der Gefiederten Schlange, durchführt. Wahrsager, Schamanen, Heiler findet man an jeder Straßenecke, Esoteriker kommen hier genauso auf ihre Kosten wie Wellness-Freaks: Ein Spa-Hotel reiht sich ans Nächste, Massagen, Temazcales (eine Art Sauna mit Heilkräutern aus der Kultur der Ureinwohner), Gesundheitsbehandlungen- und Yoga-Kurse werden überall angeboten. Man spricht vom Magnetismus in Tepoztlán und davon, dass die verzauberten Berge einen entweder sofort in ihren Bann ziehen oder abstoßen. Einige kommen nach Tepoztlán, um UFOs zu bobachten, die dort des Öfteren gesichtet werden (sollen).

Neben Deutschen trifft man unter anderem auch viele Kanadier, US-Amerikaner, Italiener, Spanier und Tschechen – entsprechend bunt und international ist die Küche Tepoztláns. Selbst die arabische Küche ist vertreten mit dem „Teteria Cardamomo“, das Falafel und Kebap anbietet.

Historische Stätten ziehen auch Stars an

Ein „Must Do“ bei jedem Besuch ist natürlich der Aufstieg zur Pyramide „El Tepozteco“, auf einem Gipfel in ca. 2000 m Höhe oberhalb von Tepoztlán gelegen. Erbaut wurde die Pyramide zwischen 1150 und 1350 vom Stamm der Xochimilca. Ihr Tempel ist Tepoztecatl gewidmet, dem aztekischen Gott des Pulque. Schon in der postklassischen Periode zog die Kultstätte Pilger selbst aus Guatemala an – heute aus der ganzen Welt. Passend zum gegenwärtigen Widerstand der „Tepoztecos“ gegen die Kommerzialisierung ihres Dorfes symbolisiert die Pyramide trotzig die nie vollendete Unterwerfung der Mexica-Stämme durch die Spanier. Der Weg führt über einen steilen Fußweg durch den Regenwald, teils überTreppenstufen, teils balanciert man auf Steinen den schwindelerregenden und anstrengenden Weg über 600 m Höhenunterschied nach oben. Angekommen, ist aber jede Müh vergessen. Ein traumhafter Blick auf Tepoztlán und die bergige Landschaft von Morelos eröffnet sich. Auf der Pyramide sitzend, angelehnt an ihre sonnenerwärmte Wand, fühlt man etwas von der Magie Tepoztláns, seiner Berge und seiner Erde, von der Energie des Tepoztecos, von der hier immer die Rede ist.

Das Dominikanerkloster „Exconvento de la Natividad“ ist definitiv ein weiteres Highlight. Zwischen 1555 und 1580 von der indigenen Bevölkerung Tepoztláns im Auftrag der Dominikanermönche erbaut, ist es seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe. Eine Kirche, das Kloster samt Turm mit spektakulärem Ausblick, ein großer Park und ein Museum ziehen täglich viele Besucher an. Im März wurde gar Mick Jagger, Frontmann der Rockband Rolling Stones, im „Exconvento“ angetroffen. Er verbrachte einen ganzen Tag in „Tepoz“ und das nicht zum ersten Mal, wie Dorfbewohner erzählen. Es scheint, als ziehe Tepoztlán selbst Stars und Weltenbummler wie Jagger in seinen Bann.

Abends bietet Tepoztlán allerlei Möglichkeiten, sich zu amüsieren. Hochwertige Kulturangebote, tolle Konzerte, die besten Tequilas, Mezquales und Mojitos bieten das „Rock and Bike“, das „Jacaranda“ und das „Mango“.  Das „Rock and Bike“ überrascht im Übrigen den deutschen Besucher mit dem Schriftzug „So ist das Leben“ an einer seiner Wände.

Fazit: Wir sind begeistert vom internationalen Flair, der entspannten und mysthischen Atmosphäre, die dieses Dorf charakterisieren. Tradition trifft auf Moderne, Mexikaner auf Europäer, Feste auf Spiritualität und Wellness, präkolumbischer Götterglaube vermischt sich mit Katholizismus und Esoterik. Nicht ohne Grund schätzten schon die aztekischen Herrscher Tepoztlán wegen seines Klimas und seiner Lage und nutzten das Dorf als Winterresidenz. Auch wir sind überzeugt: Wir kommen wieder! (dmz/sw/hl)