Totenkult in Mexiko

Manchen Europäern mögen die Feiern zu Ehren der Toten am 1. und 2. November in Mexiko makaber, mindestens aber exotisch erscheinen. Dabei hat der Brauch viele sympathische Seiten – und fröhlich sein darf man dabei auch. Im Text finden Sie auch eine Anleitung, einen typisch mexikanischen Opferaltar selbst aufzubauen

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 25. Oktober – Es duftet leicht nach Orangen und brennendem Harz.  Überall leuchten riesige Sträu߸e und Töpfe mit orangeblühenden Cempasĺchil-Blumen (auch Cempoalxochitl geschrieben).  Die Marktstände quellen über mit Skeletten aus Ton oder Holz in lustigen Fratzen und bemalt oder bekleidet mit Gewändern  aus der Zeit um 1900. Totenköpfe aus Zuckerguss, bunt verziert, die Augenhöhlen gefüllt mit einer farbigen Paillette stehen allerorts zum Verkauf.  Nach Hefe und Zimt duftendes Totenbrot liegt in den Auslagen der Bäckereien und in riesigen Körben auf den Märkten. Häuser und Plätze in Dörfern und Städten werden mit bunten Opferaltären geschmückt, ausgestattet mit Cempasĺchil-Blumen, sü߸en Totenschädeln, Speisen und Getränken, Kerzen und den Fotos der Verstorbenen. Schon Tage vor dem 1. und 2. November werden sie in Häusern, an Stra߸en und auf Plätzen aufgestellt.

Der Totentag in Mexiko wurde 2003 als „immaterielles Kulturerbe“ in die Liste der UNESCO aufgenommen. Anders als in vielen anderen Kulturen wird hier der Totentag, an dem die Seelen der Verstorbenen auf die Erde zurückkehren, mit Märkten, Wettbewerben, farbenprächtig geschmückten Altären, Tänzen und Musik gefeiert.

Der Brauch geht zurück auf die Zeit vor der Eroberung durch die Spanier. Für die Völker Mesoamerikas war der Tod nicht das Ende des Lebens, sondern nur ein Übergang in eine andere Daseinsform. Dieser Übergang hatte mehrere Etappen, an deren Ende erst das kam, was wir als Paradies bezeichnen würden. Bei den Azteken war das MictlÄ¡n, der Ort, wo die Seelen der Toten wohnen. Um ihnen diesen Übergang zu erleichtern, wurden die Toten mit allem ausgestattet, was sie im Leben gebraucht und liebgewonnen hatten: Ihre Lieblingsspeisen und Getränke, Kleidung, Schmuck und andere Gebrauchsgegenstände. 

Heute ist der Totenkult in Mexiko eine Mischung aus prähispanischen und katholischen Riten, in deren Mittelpunkt der Altar steht. Einen Altar zuhause aufzubauen, ist nicht so schwer, man braucht allerdings auch ein bisschen Phantasie und Kreativität. Jedes Element hat seine Bedeutung.

Nach der Tradition steht der Altar zum Empfang der Toten, die ihre Hinterbliebenen besuchen kommen. Auf dem Altar stehen Speisen und Getränke, die sie auch im Leben gerne genossen haben, und, falls man sie zur Hand hat, Gegenstände, die ihnen gehörten und an denen sie besonders hingen. Damit will man ihnen während ihrer kurzen Rückkehr Freude und Spa߸ bereiten.

Auf dem Altar dürfen vier Naturelemente nicht fehlen:

Erde: Sie wird repräsentiert durch die Früchte, deren Aroma die Seelen nährt.

Wind: Er wird durch gestochenes beziehungsweise in Muster mit Totenköpfen geschnittenes dünnes Papier in den Farben orange (prähispanisch), lila (katholisch) oder wei߸ symbolisiert.

Wasser: Ein Glas oder eine Kanne Wasser, damit die Toten nach ihrem langen Weg zum Altar ihren Durst löschen können.

Feuer: Es wird durch Kerzen repräsentiert. Für jede Seele eine Kerze und eine zusätzliche für die vergessene Seele.

Die Opfergabe wird ergänzt durch Salz, das die Atmosphäre reinigt, brennendes Harz, dessen Geruch den Seelen den Weg weist, und die Cempasĺchil-Blüten, die von der Tür bis zum Altar gelegt werden, um den Weg zum Altar sichtbar zu machen. Dazwischen stellt man wieder Kerzen.

In Geschirr aus Ton werden gekochte oder gebackene Früchte serviert, au߸erdem Obst, Kekse, Sü߸igkeiten für die Seelen der Kinder, Säfte, alkoholische Getränke, Wasser und das Totenbrot. Um den Altar herum legt man mit den Blüten ein Tor, das die Erlaubnis für die Toten symbolisiert, aus dem Paradies ein- und auszugehen.

Die Totenköpfe aus Zucker tragen die Namen der Toten, denen sie dargebracht werden sollen. Das Salz, so hei߸t es, sei auch für Kinder, die vor der Taufe gestorben sind. Die Kerzen sollen Licht ins Dunkel des Totenreichs bringen.

Knochen aus Teig

Auch das Totenbrot hat eine Bedeutung. Der Teig aus  Mehl, Hefe, Milch, Eiern, Zucker, Salz, Zimt und geraspelter Orangenhaut wird besonders verziert: Der zu einer Halbkugel geformte Teig bekommt „Knochen“ aus Teig aufgesetzt, die mit den Fingern geformt werden. Zwei Knochen über Kreuz, darauf kommt eine Kugel. Die Knochen symbolisieren Arme und Beine, die Kugel den Schädel. Die Form symbolisiert den Leichnam, der nach prähispanischer Tradition in Mexiko sitzend mit hochgezogenen Knien beigesetzt wurde.

Aber nicht nur zuhause werden die Toten geehrt und gefeiert, sondern vor allem auch auf den Friedhöfen. In den Nächten auf den 1. und 2. November strömen Angehörige zu den Gräbern ihrer Toten, um hier mit ihnen zu essen und zu trinken. Der 1. November (Allerseelen) ist besonders den verstorbenen Kindern gewidmet. Berühmt sind die Totenfeiern in PÄ¡tzcuaro in MichoacÄ¡n, in OcotlÄ¡n in Morelos und in dem Dorf Mixquic, ein Vorort im Südosten von Mexiko-Stadt, und TlÄ¡huac (ebenfalls Südosten) mit dem Friedhof San Lorenzo Tezonco. Auf den Friedhöfen in Mexiko-Stadt sind alkoholische Getränke inzwischen allerdings verboten.

Las Catrinas

Die Darstellung toter Charaktere, die alltäglichen Aktivitäten nachgehen, kannte man schon von früher. So hatte schon der Graphiker Manuel Manilla (1830-1895) lustige Totenfiguren in Alltagssituationen geschaffen. Die heute bekannten „Catrinas“ genannten Skelette indes gehen zurück auf den Kupferstecher und Karikaturisten Josá Guadalupe Posadas (1854-1913). Mit „La Catrina“ karikierte Posadas mit bei߸endem Sarkasmus und schwarzem Humor die mexikanische Oberschicht gegen Ende des Porfiriats (wie die 30 Jahre währende Diktatur von Porfirio DÄ­az genannt wird)  vor dem Ausbruch der Revolution (1910-1917).

Berühmt wurde Posadas allerdings erst nach seinem Tod, nachdem der Muralist Diego Rivera Posadas‘ „La Catrina“ für sein berühmtes Wandbild „Sonntagsträumerei in der Alameda“ (zu sehen heute im Museo Mural Diego Rivera bei der Metrostation Hidalgo) aufgriff und der französische Künstler Jean Charlot 1920 seine Zeichnungen erstmals öffentlich vorstellte. Heute sind die „Catrinas“ aus dem mexikanischen Leben nicht mehr wegzudenken. Es gibt sie in allen Grö߸en und Variationen – selbst als Redakteur vor dem Computer. (dmz/hl)

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