Der Koffer von Walter Reuter – Reisender für die Freiheit

 

Seine Fotos zeigen Situationen, die er für den richtigen Moment mit seinem „verlängerten Auge“ eingefangen hat (Foto: Noe Becerril / Goethe-Institut)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 14. Dezember 2014 –  Walter Reuter war ein außergewöhnlicher Mann. Als er 2005 im Alter von 99 Jahren in Cuernavaca starb, hinterließ er einen unermesslichen Schatz an Fotografien und fast 100.000 Negative. Seine Bilder und preisgekrönten Filme beweisen seine Liebe, seine Faszination und vor allem sein tiefes Verständnis für Mexiko, dieses Land, das ihn und seine Familie 1942 als Flüchtlinge aufnahm und das wie für so viele andere Emigranten seine Heimat wurde.

Das Goethe-Institut zeigt derzeit  die Ausstellung „Hely Reuter: Der Koffer von Walter Reuter – Reisender für die Freiheit“. Die elf Teile dieser Ausstellung passen in einen alten dunkelbraunen Lederkoffer, 46 Zentimeter lang, 30 Zentimeter breit und 12 Zentimeter hoch. Es sind ausgewählte Stücke aus dem umfangreichen fotografischen Werk von Walter Reuter, Dokumente und einige der wenigen erhaltenen Briefe seines bewegten Lebens, die seine Tochter Hely ausgewählt hat und als grafische Komposition präsentiert.

Maleta_completa: Walter Reuter: Ein ganzes Leben und Werk in einem Koffer (Foto: Hely Reuter)

Walter Reuters Herz schlug immer links, als Fotograf arbeitet er Anfang der 1930er Jahre für die Arbeiter-Illustrierten-Zeitung in Berlin. Er flüchtet kurz nach dem Reichstagsbrand mit seiner jüdischen Frau nach Frankreich, reist weiter nach Spanien und kämpft dort nach Ausbruch des Bürgerkriegs an der Seite der Seite der Republikaner, wird schließlich in einem Konzentrationslager in  Algerien interniert. 1942 gelingt ihm die Flucht nach Casablanca, wo er wie durch ein Wunder  auf das letzte Flüchtlingsschiff nach Mexiko gelangt – an Bord trifft er seine Frau Sulamith und seinen Sohn Jasmin.

Der Start im neuen Leben ist schwer, die mexikanische Regierung unter Lázaro Cárdenas siedelt die kleine Familie in Puebla an, wo Walter Reuter keine Arbeit findet. Er lässt Frau und Kind in Puebla und geht nach Mexiko-Stadt, um dort sein Glück als Fotograf zu verdienen. Von einem Freund leiht er sich eine Kamera und wird in nur drei Jahren zu einem gefragten Fotoreporter. In Mexiko gilt er als der Begründer des Fotojournalismus und „Vater des Dokumentarfilms“. Er zeigt die Menschen in ihrem Umfeld und porträtiert immer wieder indianische Stämme wie die Triquis in Oaxaca und die Lakandonen in Chiapas.

Unter den Besuchern der Ausstellungseröffnung waren zahlreiche Freunde der Familie Reuter (Foto: Noe Becerril / Goethe-Institut)

Zehn Jahre lang arbeitet er für den mexikanischen Film und die Wochenschau «Clasa y Cine Verdad». Er führt Regie und dreht den Dokumentarfilm „Historia de un rio“ (Geschichte eines Flusses) über die Entstehung der Talsperre Temazcal. Mehrere seiner sozialkritischen Dokumentar- und Spielfilme werden preisgekrönt. Für „Tierra de Chicle“ (Land des Kautschuk) erhält er 1953 die Silberne Ähre in Rom und 1955 den Kritikerpreis bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes für seinen Episodenfilm „Raíces“ (Wurzeln).

1954 stirbt seine Frau Sulamith und hinterlässt ihm Sohn Jasmin und die in Mexiko geborene Tochter Almuth. Einige Jahre später heiratete er Ana, eine Mexikanerin indianischer Abstammung. In einer finanziellen Notsituation muss er seine Filmkamera verkaufen und wendet sich wieder der Fotografie zu. Noch in hohem Alter unternimmt der im spanischen Bürgerkrieg am Bein Verletzte beschwerliche Reisen in entlegene Bergregionen von Oaxaca zum Stamm der Triques, mit denen ihn eine besondere Freundschaft verband.

1992 erhielt Walter Reuter das Bundesverdienstkreuz und 1999 den Goldenen Ariel für sein Lebenswerk.

Der Koffer von Hely Reuter, jüngste Tochter von Walter Reuter und selbst bildende Künstlerin,  ist viel mehr als eine Hommage. Die Ausstellung zeigt zusammenfassend Fragmente seines Lebens und Schaffens und viele Bilder, die er von Situationen –  so vom Bürgerkrieg in Spanien und den Indianern in Mexiko –mit Gefühl gewählt und mit seiner Kamera, seinem „verlängerten Auge“, wie er es selbst nannte,  festgehalten hat.

Die Fotoserie zeigt Walter Reuter in den Jahren seit seiner Ankunft 1942 in Mexiko bis 2005 (Foto: Noe Becerril / Goethe-Institut)

„ Der Koffer und sein Inhalt werden zu einem kleinen Denkmal, einem Kunstwerk, welches sich über ein anderes Kunstwerk erhebt“, erklärt das Goethe-Institut zu der Ausstellung, die noch bis 30. Januar 2015 im Foyer des Auditoriums Altana, Goethe-Institut, Tonalá 43, Col. Roma Norte,  zu sehen ist. Eintritt frei. (dmz/hl) 

Der Koffer von Walter Reuter: Reisender für die Freiheit

Die elf Teile dieser Ausstellung sui géneris passen in einen etwas abgenutzten dunkelbraunen Lederkoffer mit 46 Zentimeter Länge, 30 Zentimeter Breite und nur 12 Zentimeter Höhe. Jedes Objekt hat ein bestimmtes Format, welches ausgewählte Stücke des umfangreichen fotografischen Werkes von Walter Reuter sowie darüber hinaus Dokumente und einige der wenigen erhaltenen Briefe seines bewegten Lebens enthalten. Als Fotograf im spanischen Bürgerkrieg von den Nazis verfolgt, überlebt er später in einem französischen Konzentrationslager in Algerien, wo er zu Zwangsarbeit verurteilt war und nach einer romanhaften Flucht wie durch ein Wunder 1942 in Mexiko ankommt, wo er ein Leben beginnt, welches noch um mehr als ein halbes Jahrhundert andauern sollte. 

Der Koffer von Hely Reuter erinnert mittels der Bilder an Ihren Vater und stellt mehr als die üblichen, sich wiederholenden Hommagen dar, bei denen die Botschaft sich auf schnelle gesellschaftliche und werbewirksame Veranstaltungen verkürzt. Die Komponenten der Ausstellung zeigen zusammenfassend Fragmente seines Lebens, seine thematischen Vorlieben, seinen Stil, seine fotografischen Trends, die realitätsbezogenen Aktionen, die er immer mit Emotion gewählt und mittels seiner Kamera festgehalten hat. 

Es handelt sich hierbei um ein manuell segmentiertes und multiples Buch eines einzigen Autors, es ist ein Kunstwerk des modernen Buchbinderhandwerks, eine Vision des graphischen Designs. Der Koffer von Walter – ich würde eher sagen – Der Koffer von Walter und Hely – geht weit über das hinaus, was man als Hommage bezeichnen würde. 

In einem alten Koffer, welche von ärmeren Reisenden benutzt wurden und in denen nur die nötigsten Besitztümer eingepackt waren, hat Hely Reuter nahezu virtuos und unter optimaler Ausnutzung des Platzes die elf verschiedenen Teile mit unterschiedlichen Formaten und Materialien zusammengeführt, wobei jedes Element für sich bereits als ein Buch oder Stück des Autors verstanden werden könnte. Es ist eine lebendige Erinnerung und andauernde und liebevolle Nostalgie der Künstlertochter eines Fotografen, welche zum Ende seines dokumentarischen Lebenswerks die Fotos in einem bemerkenswerten künstlerischen Objekt versammelt und welches uns doch nur einen Teil der Arbeit Ihres Vaters aufzeigt. Dies jedoch mit solcher Kunstfertigkeit, Stärke und Emotion das der Koffer und sein Inhalt zu einem kleinen Denkmal wird, einem Kunstwerk, welches sich über ein anderes Kunstwerk erhebt. 

Nach schwierigen Anfängen mit geliehener Kamera wurde er zu einem der führenden Fotojournalisten Mexikos und gilt heute als derjenige, der den modernen Fotojournalismus in Mexiko eingeführt hat. Er lieferte Fotoreportagen für die wichtigsten mexikanischen Illustrierten, wie Hoy (Heute), Nosotros (Wir), Mañana (Morgen) und Siempre! (Immer!) und Bilddokumentationen für die Regierung. In Nosotros veröffentlichte er seine erste Fotoserie Los Techos de México (Die Dächer von Mexiko). Neben Auftragsarbeiten widmete er sich seinen bevorzugten Themen Tanz und der indigenen Bevölkerung Mexikos. Er fotografierte ebenfalls deutsche Emigranten wie Anna Seghers und Gustav Regler oder mexikanische Künstler wie Diego Rivera und José Clemente Orozco.

Ab 1946, vier Jahre nach seiner Ankunft in Mexiko, begann er zu filmen. Er führte Regie und drehte den Dokumentarfilm: Historia de un rio (Geschichte eines Flusses) über die Entstehung der Talsperre Temazcal und arbeitete etwa zehn Jahre lang als Kameramann für die mexikanische Wochenschau «Clasa y Cine Verdad», er drehte mehrere sozialkritische Dokumentar- und Spielfilme, darunter den Episodenfilm Raíces (Wurzeln), der 1955 den Kritikerpreis bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes erhielt.

Drei Generationen: Ana Reuter (Mitte) mit ihrer Tochter Hely (links) und Enkelin

1954 starb seine Frau Sulamith. Einige Jahre später heiratete er Ana, eine Mexikanerin indianischer Abstammung. In einer finanziellen Notsituation musste er seine Filmkamera verkaufen und wandte sich wieder der Fotografie zu. Er unternahm noch in hohem Alter beschwerliche Reisen, z.B. in entlegene Bergregionen des Bundesstaates Oaxaca zum Stamm der Triques, mit denen ihn eine besondere Freundschaft verband.

1999 erhielt Reuter den Goldenen Premio Ariel für sein Lebenswerk.

    953 Silberne Ähre in Rom für Tierra del chicle (Land des Kautschuk), Kamera

    1955 FIPRESCI-Kritikerpreis der Filmfestspiele von Cannes für Raíces (Wurzeln), Kamera

    1992 Bundesverdienstkreuz

    1999 Espejo de Luz de la 3a. Bienal de Fotoperiodismo México (Preis der 3. Biennale für Fotojournalismus in Mexiko) für sein Lebenswerk

    1999 Ariel de Oro bei der 26. Zeremonie im Palacio de Bellas Artes, Mexiko (Goldener Löwe des Palastes der Schönen Künste Mexiko, 26. Jahrgang) für sein filmisches Werk

    2001 Auszeichnung des Festival Internacional Cervantino, Guanajuato Mexiko, für die Ausstellung 95 imagenes x 95 años (95 Bilder x 95 Jahre)

    2001 Senior-Stipendiat des Sistema Nacional de Creadores de Arte

    Der Premio Walter Reuter (Walter Reuter Preis) wird vom Festival Internacional de Danza Contemporánea de San Luis Potosí (Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz San Luis Potosí, Mexiko) jährlich für das beste Tanzfoto verliehen