Mathias Goeritz „Emotionale Architektur“ in Mexiko-Stadt

 

Die Skulptur der Schlange symbolisiert dem „Kulturellen Kalten Krieg“, den einige mexikanische kommunistische Künstler gegen Goeritz führten (Foto: David Chimali)

Von Andrea Schneider

Mexiko-Stadt, 19. Juli 2015 – Emotionale Architektur. Und das mitten in Mexiko-Stadt. Die schuf Mathias Goeritz. Was man sich darunter vorstellen kann, zeigt eindrucksvoll die Ausstellung „Die Rückkehr der Schlange. Mathias Goeritz und die Erfindung der emotionalen Architektur“ der Stiftung Banamex im Palacio de Iturbide im Historischen Zentrum.

Anlass der Ausstellung, die zuvor mit großem Erfolg im Museum Reina Sofía in Madrid gezeigt wurde, ist der 100. Geburtstags des deutsch-mexikanischen Malers, Bildhauers, Autors und Architekten, der es verstand, überdimensionale Skulpturen in Mexiko-Stadt in Szene zu setzen.

Zu sehen sind 540 Werke, darunter Skizzen, Modelle, Malereien, Fotografien, Dokumente, Videos und Nachbildungen von Kunstobjekten. Die Ausstellung erstreckt sich über den großen Saal im Innenraum des Palasts und Räume der ersten Etage. Neben den Werken von Goeritz zeigt die Ausstellung auch Arbeiten von Alexander Calder (deutscher Bildhauer), Lucio Fontana (italienscher Maler und Skulptor), Yves Klein (französischer Maler und Bildhauer), Kati Horna (ungarische Fotografin), Joan Miró (spanischer Maler und Bildhauer) und Germán Cueto (mexikanischer Bildhauer und Maler).

Werner Matthias Goeritz Brunner wurde am 4. April 1915 in einer jüdischen Familie in Danzig (heute Gdansk, Polen) geboren. Seine Mutter war die Tochter des Malers Carl Brünner. So kam er frühzeitig mit Kunst in Berührung. Die Familie hatte Kontakte zu Künstlern, die Goeritz in seiner Kindheit persönlich kennen lernte, darunter Paul Klee, der Goeritz künstlerische Karriere später beeinflusste. Zunächst studierte er Medizin, entschied sich dann aber für Malerei, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft.

1936 emigrierte Goeritz zunächst nach Spanien, wo er die Schule von Altamira, ein Zentrum für internationale Künstler und Architekten, gründete. 1949 wanderte Mathias Goeritz nach Mexiko aus. In Guadalajara unterrichtete er zunächst an der Architekturschule der Universidad de Guadalajara „Visuelle Erziehung“, später an der Nationaluniversität UNAM in Mexiko-Stadt. Bereits Anfang der 1950er Jahre schuf er übergroße Skulpturen an öffentlichen Plätzen und Hauptstraßen in Mexiko-Stadt, wo er 1990 starb.

Goeritz – ein Multitalent

Goertiz war ein Multitalent. Die Grenzen zwischen Kunst, Handwerk, Design und Architektur waren fließend. Er arbeitete mit verschiedenen Materialen, entwarf abstrakte Formen und nutzte klare Farben. Seine riesigen architektonischen Skulpturen sollten beim Betrachter Emotionen wecken: Daher taufte er seine Arbeiten „emotionale Architektur“.

Mathias Goeritz war ein Universalkünstler, der in Mexiko die „emotionale Architektur“ erfand (Foto: melimelo.com.mx)

„Entarteter ausländischer Künstler“

Gleich zu Anfang der Ausstellung trifft man auf die Schlange von „El Eco“. Es ist die Nachbildung der Riesenschlange, die im Original einst den Innenhof des von Goeritz gebauten Experimentellen Museums «El Eco“ zierte und heute im Museo de Arte Moderno in Mexiko-Stadt zu sehen ist. Die Riesenschlange ist auch bekannt unter dem Titel „Attacke“, die mit ihrer abstrakten Geometrie und ihren Formen den „Kulturellen Kalten Krieg“ symbolisieren soll.

Denn Goeritz fand unter seinen mexikanischen Kollegen nicht nur Freunde: er hatte es nicht so mit revolutionären Wandmalereien, die zu seiner Zeit u. a. von Diego Rivera geprägt waren. Vielmehr waren seine Ideen und künstlerischen Vorstellungen von europäischen Künstlern wie Klee, Picasso und Miró inspiriert. Kommunistische Künstlerkollegen verhinderten, dass er zum Verwalter der Museen der UNAM ernannt wurde. Sie kritisierten ihn als „entarteten ausländischen Stümper und Plagiator“, seine Ernennung sei „eine nationale Schande“, berichtete „Der Spiegel“ 1954.

Zu seinen bekanntesten Werken in Mexiko-Stadt gehören die weithin sichtbaren „Torres de Satélite“. Zusammen mit dem mexikanischen Architekten Luis Barragán entwarf Goeritz fünf Beton-Türme, die zwischen 37 und 57 Meter hoch sind. In blau, weiß, rot und gelb stehen sie auf einer Verkehrsinsel auf der Stadtautobahn Periférico und symbolisieren den Eingang zum nördlichen Vorort Satélite. Nach Goeritz sollen die Türme als „emporreißendes Zeichen gebündelter Gemeinschaftskraft» verstanden werden. In der Ausstellung können die Besucher Nachbildungen der Türme, Fotografien, Malereien und Skizzen seines berühmten Werks bestaunen.

Mathias Goeritz’ riesige Skulpturen wie die „Torres de Satélite“ haben das urbane Stadtbild von Mexico City geprägt (Foto: David Chimali)

Goeritz war 1968 an den Olympischen Spielen in Mexiko als Berater beteiligt. Er hatte die Idee zur 17 Kilometer langen „Ruta de la Amistad“ (Route der Freundschaft) entlang des Periférico Sur. 18 Bildhauer aus verschiedenen Ländern kamen nach Mexiko, um Goeritz’ Idee zu verwirklichen. Die Ausstellung zeigt Fotos und Miniatur-Modelle.

Inspiriert vom übergroßen Stern, den er für die Maguen David Synagoge baute, entwarf er außerdem sieben sternenförmige Betonsäulen für die Olympischen Spiele. Das Interessante daran: Goeritz stellte die Betonsäulen nach dem Sternbild des Großen Bären auf, woher sie ihren Namen hat: „Oso Mayor“.

Auch der „Espacio Escultórico“, den er 1979 in einem Gemeinschaftsprojekt mit anderen Architekten geschaffen hat, findet seinen Platz auf Fotos in der Ausstellung. Dreiecksförmige Betonpfeiler, insgesamt 64, bilden einen Kreis von 120 Quadratmetern. Das Bauwerk stellt einen Kontrast zur Natur dar, die im Inneren des Kreises in Form von Lavageröll umherschlängelt. Das Bauwerk wurde auf Vulkangestein errichtet.

Im oberen Stockwerk enthüllt sich dem Besucher auch Goeritz Verbindung zur Religion. In Malereien und Skulpturen interpretierte er vielfach die Kreuzigung Christi. Auffallend in diesem Raum sind besonders die großen Bilder, die in Gold erstrahlen und die für Goeritz die „Goldene Spiritualität“ symbolisieren. Besonders beeindruckt die Skulptur des gekreuzigten Jesus auf einem goldenen Hintergrund. Goeritz nannte ihn „den Retter von Ausschwitz“. Zu sehen sind im angrenzenden Saal auch Glasfenster, die er für verschiedene Kirchen entwarf, so für die Kathedrale von Cuernavaca, und Altäre, die heute die Kirchen in den Stadtteilen Tlatelolco und Tlapan schmücken.

El retorno de la serpiente. Mathias Goeritz y la invención de la arquitectura emocional”, bis September 2015 im Kulturzentrum Banamex im Palacio de Iturbide, Madero 17, Historisches Zentrum, Mexiko-Stadt. Der Eintritt ist frei. (dmz/as/hl)